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Springers Einwürfe: Der Haken an der Sache

Kluge Krähen gebrauchen Werkzeug, um an Nahrung zu gelangen. Die erstaunlichen Fähigkeiten beruhen nicht allein auf gegenseitigem Abschauen, sondern machen sich die natürlichen Gegebenheiten flexibel zu Nutze.
Saatkrähe mit Nuss im SchnabelLaden...

Vor allem der Gebrauch von Werkzeug galt lange als eine singuläre Errungenschaft, die vermeintlich ausschließlich den Menschen auszeichne. Mit dieser Sonderstellung ist es freilich vorbei, seit die Verhaltensforscherin Jane Goodall 1964 nachwies, dass manche Menschenaffen durchaus fähig sind, mit Hölzchen und Stöckchen Termiten aus deren Bauten zu fischen oder mit Steinen Nüsse zu knacken. Mittlerweile hat man Vergleichbares auch an ganz anderen Ästen unseres Stammbaums gefunden, insbesondere bei Vögeln. Unter ihnen tun sich Raben und Krähen durch ausgesprochen schlaues Benehmen hervor.

Auf eine Krähenart, die auf der entlegenen südpazifischen Inselgruppe Neukaledonien heimisch ist, hat sich Barbara C. Klump vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell spezialisiert. Ihr bei der Zeitschrift »Science« eingereichter Essay zum Thema Krähen und Werkzeuge wurde 2019 von den Herausgebern des Magazins mit einem ersten Preis für junge Forschende in der Kategorie Ökologie und Umwelt ausgezeichnet (Science 366, S. 965, 2019).

Was steckt hinter der Vielfalt der Techniken: kulturelle Weitergabe oder Umweltfaktoren?

Die Neukaledonische Geradschnabelkrähe ist die einzige wild lebende Tierart, die aus kleinen Zweiggabeln geschickt schlanke Haken herstellt, um damit Larven und Insekten aus abgestorbenem Holz zu angeln. Wie kommen die Tiere darauf? Klump präsentierte ihnen verschiedene künstliche Kombinationen von Blättern und Zweigen und beobachtete, dass die Vögel zielsicher die Pflanzensorten herauspicken, die sich zur Produktion ihres hakenförmigen Werkzeugs eignen – fast so, als hätten sie ein genaues Bild davon im Kopf. Außerdem sparen sie sich unnötige Arbeit: Den fertigen Haken bewahren sie an einem sicheren Ort zur wiederholten Verwendung auf.

Zudem setzen nicht alle Krähen Neukaledoniens für die Fabrikation ihres Werkzeugs auf ein und dieselbe Technik. Die Forscherin fragte sich, ob diese Variabilität wie meist angenommen für ein rein »kulturelles«, das heißt einmal hier oder da zufällig erfolgreiches und dann durch soziales Lernen weitergegebenes Verhalten spricht – oder ob dabei Umweltfaktoren eine prägende Rolle spielen.

Tatsächlich konnte Klump zeigen, dass die Varianten der Herstellungsmethode von den mechanischen Eigenschaften der verfügbaren Flora abhängen, also lang oder kurz, dick oder dünn, elastisch oder brüchig. Zwei ökologische Randbedingungen sind für den Werkzeuggebrauch der Neukaledonischen Krähen entscheidend: Die Vegetation bietet den geschickten Vögeln reichhaltiges Rohmaterial, und die isolierte Lage der pazifischen Inseln hat sie lange vor Konkurrenten verschont, etwa Spechten sowie großen Raubtieren.

Auch unter den Frühmenschen, spekuliert Klump, könnte sich der Nutzen einfacher Geräte herumgesprochen haben, sobald sie nicht mehr als Einzelne dauernd auf der Flucht waren, sondern schützende Gruppen bildeten. Die Antworten auf das Problem der Menschwerdung pendeln seit jeher zwischen der Betonung unserer einzigartigen Stellung im Tierreich und dem Auffinden überraschender Gemeinsamkeiten. Zu Letzteren zählen gewiss die scheinbar simplen kulturell vererbten Methoden, mit deren Hilfe einige höhere Lebewesen gelernt haben, zusätzlichen Nutzen aus ihrer Umwelt zu ziehen. Dabei dürfen die naturgegebenen Rahmenbedingungen nicht aus dem Blick geraten – Technik braucht Ökologie.

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