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Krebs verstehen: Neues Lungenkrebsscreening – ab wann und für wen?

Lungenkrebs ist die tödlichste Krebsart, wird jedoch häufig erst spät entdeckt. Das neue Lungenkrebsscreening wird viele Todesfälle verhindern. Wer von der Früherkennung profitiert, erklärt Ärztin Marisa Kurz.
Ein CT-Scan des menschlichen Brustkorbs in Querschnittsansicht.
Voraussichtlich ab April 2026 wird die Früherkennung von Lungenkrebs mit Niedrigdosis-CT für starke Raucher zur Kassenleistung.

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Keine andere Krebsart fordert so viele Todesopfer wie Lungenkrebs. Jährlich erkranken weltweit rund 2,5 Millionen Menschen – und rund 1,8 Millionen sterben daran. In Deutschland erhalten jedes Jahr rund 60 000 Personen diese Diagnose.

Aus meinem Alltag als Ärztin in der Krebsmedizin weiß ich: Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto vielfältiger sind die Behandlungsoptionen und desto besser die Heilungschancen. Doch bei Lungenkrebs ist genau das besonders schwierig. Im Frühstadium verursacht die Krankheit oft keine Beschwerden und bleibt deshalb häufig lange unbemerkt. Bisher gibt es in Deutschland keine systematische Früherkennungsuntersuchung. Aber das ändert sich jetzt: Voraussichtlich ab April 2026 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für ein neuartiges Lungenkrebsscreening – allerdings nicht für alle.

Anspruch auf das Screening haben nur Menschen zwischen 50 und 75 Jahren, die zumindest 25 Jahre lang stark geraucht haben und auf mindestens 15 »Packungsjahre« kommen. Ein Packungsjahr entspricht einer Schachtel Zigaretten pro Tag über ein Jahr. Wer eine halbe Packung pro Tag über zwei Jahre hinweg rauchte, erreicht ebenfalls ein Packungsjahr. Rauchpausen dürfen innerhalb der 25 Jahre nicht länger als zehn Jahre gewesen sein. In den USA gelten etwas großzügigere Kriterien. Dort können Personen zwischen 50 und 80 Jahren mit mindestens 20 Packungsjahren am Screening teilnehmen.

Wie läuft ein Lungenkrebsscreening ab?

Berechtigte können ihre Lunge künftig einmal pro Jahr mit einer sogenannten Niedrigdosis-Computertomografie untersuchen lassen. Die Untersuchung benötigt lediglich eine geringe Strahlendosis und dauert nur wenige Minuten. Bei manchen Abweichungen vom Normalzustand reicht eine Kontrolluntersuchung einige Wochen oder Monate später.

Zeigt sich jedoch ein deutlich auffälliger Befund, entnimmt man direkt Gewebe, um es unter dem Mikroskop zu untersuchen. Liegt die verdächtige Stelle am Lungenrand, erfolgt die Biopsie unter CT-Kontrolle mit einer Nadel von außen durch den Brustkorb. Befindet sie sich weiter innen, nutzt man dafür eine Lungenspiegelung durch die Atemwege. Alternativ kann eine auffällige Veränderung in einer minimalinvasiven thoraxchirurgischen OP entfernt werden.

Nutzen und Risiken der Früherkennung von Lungenkrebs

Das Lungenkrebsscreening könnte laut Studien bei 1000 untersuchten Menschen etwa fünf bis sechs Todesfälle innerhalb von zehn Jahren verhindern. Doch der unumstrittene Nutzen hat eine Kehrseite: Bei etwa 14 von 1000 untersuchten Personen führen auffällige Befunde zu Biopsien, bei denen kein Krebs festgestellt wird. Zudem finden sich bei etwa 7 von 1000 Personen langsam wachsende Tumoren, die womöglich nie lebensbedrohlich geworden wären.

Das Screening rettet also Leben, kann aber auch zu Verunsicherung sowie unnötigen Folgeuntersuchungen oder Behandlungen führen. Wichtig ist, dass Berechtigte die Vor- und Nachteile kennen, um eine informierte Entscheidung für sich treffen zu können.

Sollte es ein Screening für alle geben?

Rund 85 Prozent aller Lungenkrebspatienten rauchen oder haben geraucht. Doch auch Nichtraucher können erkranken. Warum werden sie im neuen Screening nicht berücksichtigt? Sollte es eine Früherkennung auf Lungenkrebs für alle geben? Die Antwort liegt in einem grundlegenden Prinzip der Krebsfrüherkennung: Ein Screening von Gesunden muss mehr nutzen als schaden. Bei Menschen mit einem geringen Lungenkrebsrisiko ist das nicht der Fall. Hier überwiegen Strahlenbelastung, Fehlalarme und Folgeuntersuchungen den möglichen Nutzen, Todesfälle zu verhindern.

Derzeit können sich Nichtraucher nur in Taiwan auf Lungenkrebs untersuchen lassen – allerdings auch bloß dann, wenn es entsprechende Erkrankungen in der Familie gibt. Zwar entdeckt man so nachweislich mehr frühe Lungenkrebsfälle, gleichzeitig steigt aber die Zahl der Überdiagnosen. Bislang ist nicht belegt, dass das Screening tatsächlich zusätzliche Krebstote verhindert. Zudem lassen sich die Erfahrungen aus Taiwan nur bedingt auf Deutschland übertragen, da genetisch bedingte Formen der Krankheit dort häufiger auftreten.

Dennoch gibt es Hinweise, dass das geplante Lungenkrebsscreening in Deutschland noch nicht optimal gestaltet ist. Eine aktuelle Studie hat zwei Modelle verglichen, um geeignete Kandidaten zu identifizieren. Das erste Modell berücksichtigte ausschließlich Alter und Packungsjahre der potenziellen Teilnehmer. Das zweite bezog auch Faktoren wie Bildungsstand, Body-Mass-Index, Ethnizität, das Vorliegen einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung sowie Krebs in der eigenen oder familiären Vorgeschichte ein. Beide Gruppen erhielten regelmäßige Niedrigdosis-CTs. Beim ersten Modell wurde ein Lungenkrebsfall pro 46 Screenings entdeckt, beim erweiterten Modell ein Fall pro 38. Die Trefferquote war also höher.

In den kommenden Jahren dürften Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen zeigen, welche Menschen wirklich von dem Screening profitieren. Unabhängig davon ist das nun neue Lungenkrebsscreening in meinen Augen ein riesiger Fortschritt und ein Meilenstein der Früherkennung in Deutschland. Experten fordern es bereits seit Jahren.

Auch wenn die aktuellen Auswahlkriterien noch nicht alle Risikogruppen erfassen, ist belegt, dass ein Lungenkrebsscreening in der vorgesehenen Form viele Leben retten kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Auswahlkriterien künftig noch erweitert werden.

Früherkennung ersetzt keine Prävention

Mindestens ebenso wichtig wie die Früherkennung von Lungenkrebs ist die Prävention. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, findet zahlreiche Hilfsangebote: Beratungen, Psychotherapie sowie Entwöhnungsprogramme. Auch Nikotinersatzprodukte oder andere Medikamente wie Antidepressiva oder Nikotinrezeptoragonisten können den Rauchstopp erleichtern.

Ich habe häufig gesagt: Es gibt Hunderte Krebsarten, aber nur eine Handvoll etablierter Früherkennungsuntersuchungen. Diese wenigen Untersuchungen sollte man unbedingt wahrnehmen. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt neben den fünf bisherigen Früherkennungsuntersuchungen für Darm-, Haut-, Brust-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs eine sechste gibt – und damit eine Hand zum Zählen nicht mehr ausreicht.

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