Krebs verstehen: Was jeder über Darmkrebs wissen sollte

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.
Jedes Jahr erkranken mehr als 50 000 Menschen in Deutschland an Darmkrebs. Die Diagnose trifft eine von 19 Frauen und einen von 15 Männern irgendwann im Lauf ihres Lebens. Damit zählt die Erkrankung zu den drei häufigsten Krebsarten. Der Begriff Darmkrebs umfasst meist Tumoren im Dickdarm (Kolon) und Mastdarm (Rektum). Krebs im Dünndarm ist hingegen selten, obwohl er viel länger als der Dickdarm und denselben Schadstoffen ausgesetzt ist. Das Analkarzinom wiederum entsteht aus anderen Zellen als Darmkrebs und wird völlig anders behandelt. Ursache hierfür ist meist eine Infektion mit dem humanen Papillomvirus.
Wie kann ich mein Darmkrebsrisiko senken?
Verschiedene Faktoren erhöhen das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken: etwa Übergewicht, Bewegungsmangel, Alkohol, Rauchen, eine ballaststoffarme Ernährung mit viel verarbeitetem Fleisch oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen. Bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen liegt ein erblich bedingtes Syndrom vor, das das Darmkrebsrisiko deutlich erhöht. Insgesamt zeigt sich bei bis zu 35 Prozent der Fälle eine familiäre Häufung.
In einigen Ländern nehmen Darmkrebserkrankungen bei Jüngeren deutlich zu. Experten vermuten, dass vor allem gesellschaftliche Veränderungen wie häufigeres Übergewicht eine Rolle spielen. Ebenso könnte ein verändertes Darmmikrobiom infolge bestimmter Ernährungsgewohnheiten ein Faktor sein.
Als Ärztin an einem großen Darmkrebszentrum betreue ich allerdings auch viele Patienten ohne einen der genannten Risikofaktoren. Letztlich entscheidet oft der Zufall, wer erkrankt und wer nicht. Das persönliche Krebsrisiko lässt sich zwar senken, einen vollständigen Schutz gibt es leider nicht.
Wie behandelt man Darmkrebs in frühen Stadien?
Kolon- und Rektumkarzinome ähneln sich sehr, unterscheiden sich jedoch in frühen Stadien in der Art der Behandlung. Bei Dickdarmkrebs in frühen Stadien raten Ärzte in der Regel direkt zur Operation. Darauf kann eine drei- bis sechsmonatige Chemotherapie folgen, etwa dann, wenn auch die Lymphknoten befallen sind.
Bei den meisten Dickdarmkrebspatienten entfernen Chirurgen den erkrankten Abschnitt und verbinden die gesunden Enden, sodass kein künstlicher Darmausgang nötig wird. Bei größeren Tumoren und komplizierteren Operationen kann ein sogenanntes Stoma notwendig sein. Manchmal legen Ärzte einen künstlichen Darmausgang auch nur vorübergehend an, damit die frisch vernähten Darmabschnitte besser heilen.
Bei Mastdarmkrebs liegen Tumoren näher am Darmausgang. Deshalb ist das Risiko groß, dass der Schließmuskel bei der OP verletzt oder entfernt wird. In solchen Fällen können Betroffene den Stuhl nicht mehr halten und benötigen einen künstlichen Darmausgang. Um den Schließmuskel zu erhalten, erfolgt in manchen Fällen vor der Operation eine mehrmonatige Strahlen- und Chemotherapie. Sie soll Tumoren verkleinern, um eine schonende OP zu ermöglichen. Manchmal schlägt die Vortherapie sogar so gut an, dass gar keine Operation mehr notwendig ist. Dann sind anschließend jedoch engmaschige Kontrollen notwendig, um ein erneutes Tumorwachstum frühzeitig zu entdecken.
Ich empfehle Betroffenen, sich an ein zertifiziertes Darmkrebszentrum zu wenden, an dem Fachleute aus Chirurgie, Strahlentherapie, Onkologie, Radiologie, Pathologie und Gastroenterologie zusammenarbeiten und gemeinsam die bestmögliche individuelle Therapie planen. Gerade bei komplexen Operationen ist es sinnvoll, sich von erfahrenen Chirurginnen und Chirurgen behandeln zu lassen, die solche Eingriffe häufig durchführen.
Das Ziel einer jeden Darmkrebsbehandlung ist, die Erkrankung langfristig zu heilen. Patienten können ihre Überlebenschancen erhöhen, wenn sie nach der OP und Chemotherapie körperlich aktiv sind.
»Haben sich bereits Metastasen außerhalb der darmnahen Lymphknoten gebildet, sinken die Heilungschancen leider deutlich«
Wie behandelt man metastasierten Darmkrebs?
Haben sich allerdings bereits Metastasen außerhalb der darmnahen Lymphknoten gebildet, sinken die Heilungschancen leider deutlich. Dann rückt eine medikamentöse Behandlung in den Vordergrund: Chemotherapeutika und spezielle zielgerichtete Medikamente sollen über das Blut Tumoren im gesamten Körper erreichen.
Gibt es nur wenige Metastasen, etwa in Leber oder Lunge, lassen sich diese in manchen Fällen operativ entfernen. Auch Bestrahlungen oder thermische Verfahren kommen zum Einsatz, um Tochtergeschwulste gezielt zu attackieren. Solche Lokaltherapien sind jedoch nur dann sinnvoll, wenn sich alle betroffenen Stellen behandeln lassen und die Aussicht besteht, die Krankheit im gesamten Körper dauerhaft kontrollieren zu können.
Hat der Krebs bereits in mehrere Organe gestreut, bleiben lokale Verfahren wirkungslos. Ob eine Therapie der Metastasen möglich und sinnvoll ist, sollte daher unbedingt ein interdisziplinäres Team an einem spezialisierten Zentrum entscheiden. Lassen sich Metastasen nicht lokal behandeln, zielt die medikamentöse Behandlung vor allem darauf ab, das Fortschreiten der Tumorerkrankung zu verlangsamen und Beschwerden zu lindern.
Wann ist eine Immuntherapie bei Darmkrebs sinnvoll?
Mehr als zehn Prozent der Kolon- und etwa fünf Prozent der Rektumkarzinomzellen tragen eine besondere Eigenschaft in sich: eine sogenannte Mikrosatelliteninstabilität (MSI). Dadurch funktioniert die Fähigkeit der Zelle, Schäden im Erbgut zu reparieren, nicht mehr zuverlässig. In der Folge häufen sich Mutationen in solchen Tumorzellen, weshalb sie von Immunzellen leichter als Bedrohung erkannt werden können. Diese Tumoren sprechen nicht gut auf Chemotherapien an, dafür aber mitunter auf Immuntherapien mit sogenannten Immuncheckpointinhibitoren.
»Mehr als die Hälfte der Darmkrebspatienten erkranken nach dem 70. Geburtstag, nur etwa zehn Prozent vor dem 55. Lebensjahr«
Letztere können etwa beim Kolonkarzinom kurz vor einer OP verabreicht werden und schlagen sehr gut an. Beim Rektumkarzinom sind sogar Fälle beschrieben, in denen nach der Immuntherapie-Vorbehandlung gar keine Operation mehr notwendig war. Auch bei metastasierten Kolon- und Rektumkarzinomen können Immuntherapien helfen, die Erkrankung langfristig zu kontrollieren. Die Bestimmung des Mikrosatellitenstatus ist vor Therapiebeginn bei einer Darmkrebserkrankung also essenziell und die Auswahl der Therapie sollte von einem spezialisierten Team getroffen werden.
Bei Patienten ohne Mikrosatelliteninstabilität im Tumormaterial zeigen Immuntherapien keine überzeugende Wirkung. Studien sollen klären, ob bestimmte Patientengruppen, etwa solche mit Lungen-, aber ohne Lebermetastasen, von einer Immuntherapie profitieren könnten.
Darmkrebsfrüherkennung rettet Leben
Mehr als die Hälfte der Darmkrebspatienten erkranken nach dem 70. Geburtstag, nur etwa zehn Prozent vor dem 55. Lebensjahr. In der Regel entwickelt sich Darmkrebs über viele Jahre hinweg aus gutartigen Polypen. Diese Vorlaufzeit bietet die Chance, Vorstufen früh zu erkennen und zu entfernen, noch bevor Krebs entsteht.
Im Rahmen des gesetzlichen Früherkennungsprogramms können Versicherte zwischen 50 und 54 Jahren jährlich und ab 55 Jahren alle zwei Jahre einen immunologischen Test in Anspruch nehmen, bei dem kleinste Blutspuren im Stuhl nachgewiesen werden können. Alternativ können Männer ab 50 Jahren und Frauen ab 55 Jahren eine Darmspiegelung (Koloskopie) durchführen lassen. Dabei können Ärztinnen und Ärzte nicht nur Krebs erkennen, sondern auch Polypen entfernen. Manche Menschen scheuen sich vor einer Darmspiegelung, weil der Eingriff als unangenehm gilt. Ich kann solche Bedenken gut verstehen. Doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es halb so schlimm ist und man davor keine Scheu haben muss. Wer sich dennoch nicht dazu durchringen kann, dem rate ich unbedingt zur Stuhluntersuchung. Ist das Ergebnis unauffällig, kann man erst einmal auf die Spiegelung verzichten. In meinem Arbeitsalltag sehe ich immer wieder, wie unterschiedlich Menschen mit einer möglichen oder gesicherten Darmkrebserkrankung umgehen. Viele sorgen sich vor Untersuchungen oder vor dem, was dabei herauskommen könnte. Das ist verständlich. Gleichzeitig zeigt sich täglich, wie sehr Vorsorgeuntersuchungen und frühe Diagnosen die Behandlungschancen verbessern können. Daher mein Aufruf an Sie: Nehmen Sie die Angebote zur Früherkennung wahr, auch wenn es etwas Überwindung kostet!
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