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Krebs verstehen: Welche Ernährung hilft bei Krebs?

Viele Krebspatienten fragen nach speziellen Diäten und Nahrungsergänzungsmitteln, die den Krankheitsverlauf verbessern sollen. Welche Empfehlungen es zur Ernährung bei Krebs gibt, erklärt Marisa Kurz in »Krebs verstehen«.
Die Aufnahme zeigt eine 30-jährige Frau, die an Lymphknotenkrebs erkrankt war, einige Wochen nach der letzten Chemotherapiesitzung. Sie steht in einer Küche und hält eine braune Papiertüte voller Lebensmittel. Dabei lächelt sie und trägt ein rotes Oberteil unter einer blauen Jeansjacke. Im Hintergrund sind ein Kühlschrank und Küchenutensilien zu sehen.
Viele Krebspatienten leiden unter Appetitlosigkeit, Übelkeit, Geschmacksveränderungen und Gewichtsverlust. Daher fühlen sich viele unsicher, wie sie sich ernähren sollen.

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Eine der häufigsten Fragen, die mir als Ärztin in der Krebsmedizin gestellt werden, lautet: Was soll ich essen? Rund um das Thema Ernährung und Krebs kursieren viele Mythen und unseriöse Empfehlungen, etwa zu angeblichen Krebsdiäten.

Die 2026 aktualisierte S3-Leitlinie »Klinische Ernährung in der Onkologie« ordnet die wissenschaftliche Evidenz zu Ernährung bei Krebs ein. Dafür haben Fachleute aus verschiedenen medizinischen Fachgebieten die Studienlage systematisch analysiert und bewertet.

Warnung vor Krebsdiäten

Ein Kapitel der Leitlinie ist im Vergleich zur Vorversion deutlich umfangreicher: das zu Krebsdiäten. Kein Wunder, denn im Internet wimmelt es von vermeintlich evidenzbasierten Empfehlungen zu Fasten oder ketogenen Diäten bei Krebs.

Aber fangen wir erst einmal mit den Grundlagen an: Der Energiebedarf von Krebserkrankten unterscheidet sich laut Leitlinie nicht automatisch von dem gesunder Menschen. Normalgewichtige sollten täglich zwischen 25 und 30 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen. Für Protein werden 1 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht empfohlen. Speziell formulierte Aminosäuremischungen sind dabei nicht erforderlich. Zur vegetarischen oder veganen Ernährung für Krebspatienten können die Fachleute keine Empfehlung abgeben, da belastbare Daten fehlen.

Eindeutig fällt hingegen ihr Urteil über strikte Diätvorschriften aus: Sie erhöhen das Risiko für Mangelernährung und Gewichtsverlust. Zudem können solche rigiden Angaben rund ums Essen Stress und Ängste auslösen und so die Lebensqualität einschränken.

Fasten und ketogene Diät bei Krebs

Beim Fasten nimmt man täglich weniger als 400 Kilokalorien zu sich. Laut Leitlinie ist das während einer Krebstherapie außerhalb von Studien nicht empfohlen. Besonders ausführlich gehen die Fachleute auf die sogenannte ketogene Diät ein, die sehr fettreich und kohlenhydratarm ist. In den begutachteten Studien nahmen die Teilnehmer dabei oft so deutlich ab, dass sie die Kriterien einer Mangelernährung bei Krebs erfüllten. Das beeinträchtigt wiederum nachweislich die Verträglichkeit der Tumortherapie und kann sogar die Krankheitsprognose verschlechtern. Normal- und untergewichtige Patienten sollten sich daher nicht ketogen ernähren.

»Wenn mich meine Patienten fragen, ob sie Zucker meiden sollten, empfehle ich ihnen ausdrücklich, sich ein Stück Kuchen zu gönnen«

Der weitestgehende Verzicht auf Obst und Getreideprodukte erhöhe hierbei zudem das Risiko für einen Mikronährstoffmangel. Außerdem konnten keine Studien einen positiven Einfluss einer ketogenen Diät auf den Krankheitsverlauf oder die Lebensqualität bei Krebs belegen.

Wenn mich meine Patienten fragen, ob sie Zucker meiden sollten, empfehle ich ihnen ausdrücklich, sich ein Stück Kuchen – oder was auch immer ihnen schmeckt – zu gönnen. Sie müssen keine Angst vor Zucker haben. Hauptsache, die Ernährung ist insgesamt ausgewogen.

Auch von speziellen Diäten wie denen nach Breuß oder Budwig wird in der Leitlinie abgeraten. Bei der Breuß-Diät nimmt man über 42 Tage hinweg ausschließlich rohe, nicht erhitzte Gemüsesäfte und Tees zu sich. Feste Nahrung, vor allem solche mit Zucker und Proteinen, gilt es strengstens zu vermeiden. Die Diät soll den Krebs »aushungern«. Die Wirkung auf Tumoren ist allerdings nicht belegt, das Risiko einer schweren Mangelernährung dagegen hoch. Bei der Budwig-Diät wird insbesondere der Verzehr von Leinsamen, Leinölen sowie Quark empfohlen, kombiniert mit Gemüse, Obst und Vollkornprodukten. Unbedingt vermieden werden sollten Fleisch, Fisch, Butter, Zucker und konservierte Lebensmittel. Durch die strengen Ernährungsvorschriften droht laut den Experten auch hier eine Mangelernährung im Alltag. Ein Beispiel: Sitzt ein Betroffener mit Freunden beim Italiener und findet keinen Quark mit Leinöl auf der Karte, lässt er meist das Essen aus.

Auf welche Lebensmittel sollten Krebspatienten verzichten?

In bestimmten Situationen sollten Krebserkrankte jedoch manche Nahrungsmittel meiden. Ist das Immunsystem durch die Krebstherapie besonders stark geschwächt, etwa im Rahmen einer Stammzelltransplantation, gelten vereinfacht gesagt die gleichen Regeln wie bei einer Schwangerschaft: kein rohes Fleisch, kein roher Fisch und keine Rohmilchprodukte; Fleisch, Fisch und Eier immer vollständig durchgaren; leicht verderbliche Lebensmittel gut kühlen und schnell verspeisen; Obst und Gemüse gut waschen und schälen. Nüsse sollten nur gegessen werden, wenn sie bei der Herstellung erhitzt und geschält wurden und vakuumverpackt sind. Angebrochene Packungen sollten innerhalb von 24 Stunden verzehrt werden. Zudem sollte Müsli nur in Einzelportionen gekauft werden, da sich in angebrochenen Packungen Keime verbreiten können.

Welche Nahrungsergänzungsmittel sind bei Krebs sinnvoll?

Viele meiner Patienten fragen mich auch, ob sie Nahrungsergänzungsmittel einnehmen sollen. Generell besteht bei einer Krebserkrankung kein erhöhter Bedarf an Vitaminen oder Mineralstoffen. Die Einnahme von Supplements ist nur dann empfohlen, wenn ein Nährstoffmangel nachgewiesen ist. Das heißt: Statt blind Vitaminpillen einzuwerfen, sollten Patienten bei einem Verdacht auf einen Mangel die tatsächlichen Werte bestimmen lassen. Ein Vitamin D-Mangel sollte bei Krebspatienten unbedingt ausgeglichen werden.

Besonders häufig stoße ich auf die Empfehlung, bei Krebs Selen einzunehmen. In bestimmten Fällen kann das Spurenelement tatsächlich strahlentherapiebedingte Nebenwirkungen abschwächen. Doch darüber hinaus ist keine positive Wirkung belegt.

Manchmal erlebe ich, dass meine Patienten etwas enttäuscht sind, wenn ich ihnen keine Wunderernährung oder Wunderpille gegen Krebs empfehlen kann. Aber statt Geld für Pillen auszugeben oder sich mit Diäten zu quälen, empfehle ich Krebspatienten vor allem eins: körperliche Aktivität – Spazierengehen, Schwimmen, Tanzen, Radfahren oder jedwede andere Bewegung, die Spaß macht. Sie hilft gegen Erschöpfungszustände, sogenannte Fatigue, kann Nebenwirkungen von Krebstherapien abmildern und wirkt sich in manchen Studien sogar positiv auf den Behandlungserfolg aus.

Künstliche Ernährung bei Krebs

Manchmal ist die Nahrungsaufnahme von Patienten mit Krebs so weit eingeschränkt, dass sie eine künstliche Ernährung benötigen, etwa über eine Magensonde. Funktioniert der Verdauungstrakt, ist diese Ernährungsform gegenüber der über das Blut vorzuziehen.

Eine künstliche Ernährung ist beispielsweise angebracht, wenn Betroffene mindestens eine Woche lang nicht essen oder für ein bis zwei Wochen weniger als 60 Prozent des geschätzten Energiebedarfs zu sich nehmen können. Das kann etwa der Fall sein, wenn nach einer Bestrahlung der Speiseröhre die Schleimhäute anschwellen und schmerzen.

Auch vor oder nach einer großen Tumoroperation kann eine künstliche Ernährung zum Aufpäppeln sinnvoll sein. Das Thema Ernährung vor und nach einer Krebs-OP ist ein neuer Schwerpunkt der Leitlinie. Patienten, die nach der Operation voraussichtlich fünf Tage oder länger nicht essen können oder mehr als sieben Tage lang weniger als 50 Prozent der empfohlenen Energiemenge aufnehmen, sollen eine künstliche Ernährung über den Verdauungstrakt oder das Blut erhalten. Bei Mangelernährung sollte schon vor der Operation eine Ernährungstherapie erfolgen, etwa mit einer Trinknahrung.

Bei weit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen mit stark reduzierter Lebenserwartung sollte jedoch die Lebensqualität im Vordergrund stehen, nicht eine künstliche Ernährung um jeden Preis. Das heißt: Nur weil ein Patient untergewichtig ist, muss man ihn nicht an Infusionen hängen, die mit Nebenwirkungen und einer Verringerung der Lebensqualität einhergehen können. Im Fokus steht, womit sich der Patient unmittelbar gut fühlt.

Essen, worauf man Appetit hat

Eine spezielle Diät gegen Krebs gibt es nicht. Eine normale, ausgewogene Ernährung ist die beste Wahl. Und dazu gehört, sich etwas zu gönnen. Und ich finde, dass das auch etwas Gutes hat: Patientinnen und Patienten leiden schon genug unter den Folgen ihrer Erkrankung und Behandlung, viele haben Probleme wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Geschmacksveränderungen und Gewichtsverlust. Mir ist wichtig, dass Patienten ohne schlechtes Gewissen das essen können, worauf sie Lust haben und was ihnen guttut.

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