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Warkus' Welt: Müssen wir wütend sein?

Der Krieg in der Ukraine berührt derzeit viele. Aber gibt es eine Art Pflicht, traurig oder entsetzt über die Ereignisse zu sein? Unser Kolumnist ist der Frage philosophisch nachgegangen.
Beschädigte Gebäude und Fahrzeuge nach dem Beschuss der ukrainischen Stadt Mariupol, die vom russischen Militär und prorussischen Separatisten kontrolliert wird (29. März 2022).

2011 produzierte das Comedy-Duo Key & Peele für seine gleichnamige Sendung einen Sketch, in dem der damalige US-Präsident Barack Obama, verkörpert von Jordan Peele, zusammen mit seinem »Wutdolmetscher« Luther, gespielt von Keegan-Michael Key, auftrat. Obama saß ruhig am Kamin und äußerte reservierte Sätze zur Außen- und Innenpolitik, immer wieder unterbrochen von Luther, der mit flackerndem Blick in die Kamera schrie, hyperaktiv durchs Zimmer sprang und Obamas Aussagen in unflätige Flüche und Drohungen übersetzte. Der Wutdolmetscher Luther war so populär, dass er noch jahrelang immer wieder auftauchte und beim traditionell komödiantischen Pressediner des Weißen Hauses 2015 sogar für den echten Obama »übersetzen« durfte.

Dieser große Spaß hatte einen ernsthaften Hintergrund: Spätestens nach der Ölpest im Golf von Mexiko im Jahr 2010 fragte man sich in den Medien regelmäßig, ob der Präsident denn »wütend genug« sei; ob er sozusagen der Pflicht zum Wütendsein hinreichend nachkomme.

Das klingt seltsam. Wie soll man zu etwas verpflichtet sein, was man kaum willkürlich kontrollieren kann? Darauf lässt sich mit folgendem Argument antworten: Es gibt Situationen im Leben, in denen Äußerungen erwartet werden, die zu bestimmten Emotionen passen. So erwarten wir beispielsweise bei Beerdigungen von nahen Verwandten vielleicht nicht unbedingt, dass diese weinen, zumindest aber Schweigsamkeit, ein trauriges Gesicht oder einen verstörten Blick. Gleichzeitig legt unsere Gesellschaft großen Wert auf Authentizität – es gilt als hochproblematisch, starke Gefühlsregungen bloß vorzuspielen. Wenn es also Situationen gibt, in denen bestimmte Gefühlsäußerungen zu Recht erwartet werden, solche Äußerungen aber nie nur gespielt sein dürfen, dann gibt es faktisch eine Art Pflicht zu bestimmten echten Emotionen.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Nun ist es schwer, zu etwas verpflichtet zu sein, was man nicht einfach so tun oder lassen kann. Einen Hut kann ich vor Betreten einer Kirche absetzen, aber was ist, wenn in der Kirche mein Verwandter aufgebahrt ist und ich einfach keine Trauer empfinde, die mich weinen, schweigen und verstört dreinschauen lässt? Aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Trauer ist bekannt, dass solche Schwierigkeiten kein bloßes Gedankenexperiment sind. Hinterbliebene, die nach einem Trauerfall sehr resilient reagieren und weniger mitgenommen sind, als die Gesellschaft es von ihnen erwartet, können darunter durchaus leiden.

Man kann nicht immer authentisch emotional erregt sein

Durch den Krieg in der Ukraine sind die Medien – mehr noch als sonst – voll von Bildern des Grauens und von Forderungen, diese Bilder »dürften uns nicht kaltlassen«. Auch in solchen Aussagen steckt die Unterstellung einer Verpflichtung zu bestimmten Emotionen: Dass einen etwas nicht kaltlässt, heißt ja, dass es eine emotionale Reaktion hervorruft; und die an uns alle gerichtete Rede vom »Nichtdürfen« impliziert, dass etwas allgemein eingefordert werden kann, also Pflicht ist. Zumindest die sozialen Medien sind zugleich voll von Äußerungen, die starke Emotionen angesichts der Tagesnachrichten ausdrücken oder zumindest so gelesen werden wollen.

Man kann allerdings nicht ständig authentisch emotional erregt sein. Die Forderung nach dem Nicht-kaltgelassen-Sein ist unerfüllbar. Es gibt verschiedene Auswege: Man kann unglücklich werden, weil man meint, einer berechtigten moralischen Pflicht nicht genügen zu können; man kann sich vom dem abschotten, auf das emotional zu reagieren man verpflichtet zu sein glaubt, und zum Beispiel keine Nachrichten mehr lesen; oder man kann Emotionen vorspielen, die nicht authentisch sind.

Ich für meinen Teil glaube, dass die Widersprüchlichkeit der Forderung zeigt, dass sie nicht berechtigt ist. Es gibt keine Verpflichtung, von irgendetwas emotional berührt zu sein. Legitim fordern kann man nur Taten: Wenn in unserer Straße jemand ein Haus anzündet, sind wir verpflichtet, die Feuerwehr zu rufen, erste Hilfe zu leisten, den Täter zu verfolgen und den Obdachlosen Unterschlupf zu gewähren. Ob wir dabei echte Tränen des Mitgefühls vergießen oder nicht, ob wir dabei vor gerechter Wut zittern oder nicht, ist kein Gegenstand irgendeiner Pflicht.

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