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Feuerökologie: Lasst es brennen

USA, Russland, Südeuropa: Weltweit steht wieder Wald- und Buschland in Flammen. Schuld daran ist aber weniger die Erderwärmung, sondern vielfach ein falsches Feuermanagement, das immer noch auf Verhindern statt gezieltes Fördern setzt.
Daniel Lingenhöhl

Wieder stehen Teile Südeuropas, der westlichen Vereinigten Staaten und Russlands in Flammen: Angefacht von ausgeprägter Trockenheit und wochenlangen Hitzewellen mit Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius oder mehr brennen tausende Hektar Wald- und Buschland. Vielerorts kämpfen Feuerwehren und freiwillige Helfer, um die Brände einzudämmen und Menschen und Häuser zu schützen. Ein Teil dieser Feuer entstand auf natürliche Weise, die meisten wurden aber vorsätzlich oder versehentlich durch Menschenhand ausgelöst. Der Klimawandel, der sicherlich bald wieder – wie in den letzten Jahren auch – als einer der Hauptübeltäter genannt werden wird, spielt dagegen nur eine Nebenrolle.

Natürlich müssen Brände gelöscht werden, wenn sie Leib und Leben oder wertvollen Sachbesitz gefährden. Doch langfristig führt die gegenwärtige Feuerstrategie vor allem der Europäer nicht zum Ziel: Sie setzt zu sehr auf Bekämpfung statt auf eine Prävention, die ökologische Faktoren berücksichtigt. Flammen gehören zum natürlichen Inventar vieler Ökosysteme – auch und gerade in den mediterranen Breiten, den Nadelwäldern Nordamerikas oder Sibiriens. Viele Pflanzen- und manche Tierarten sind zwingend auf diese "Katastrophen" angewiesen, um sich zu vermehren: Manche Samen keimen erst, wenn sie extrem heißen Bedingungen ausgesetzt waren. Feuer verzehrt lästige Konkurrenz und schafft Freiräume für Spezies, die weniger konkurrenzstark sind. Eine ganze Gruppe von Arten wird als Pyrophyten bezeichnet, weil sie sich eng mit dem Feuer entwickelt haben und von regelmäßigen Bränden abhängen.

Waldbrand
Waldbrand

Menschen betrachten diese natürlichen Ereignisse allerdings – und oft zu Recht – als Gefahr: Sie unterdrücken Feuer und versuchen sie mit allen Mitteln zu löschen. Auf Dauer ist dieses instinktive Verhalten allerdings kontraproduktiv, denn regelmäßig wiederkehrende Brände verzehren den Treibstoff, der sich in Wald und Busch sonst ansammelt. Totholz, vertrocknetes Laub oder Reisig brennen wie Zunder, ein leichtes, schnelles Bodenfeuer beseitigt sie normalerweise im Nu. Sammelt sich allerdings wegen der Feuerbekämpfung über lange Zeit viel Brennmaterial in der Umwelt an, so kommt es zwangsläufig zum Desaster: Es brennt heißer und länger, und die Flammen greifen auf Baumkronen über, wo sie sich rasch ausbreiten.

Die entstehenden Feuerwalzen lassen sich kaum mehr stoppen und verbrennen teilweise zehntausende Hektar auf einen Schlag, während bei einem natürlichen Regime ein kleinräumiger Flickenteppich aus verbrannten Fächen und verschiedenen Regenerationsstadien entsteht: Feuer bleiben relativ begrenzt. Diese Fehler wurden weltweit begangen, und sie zu beheben, erfordert vorsichtiges Vorgehen und kontrolliertes Abbrennen: In US-amerikanischen oder australischen Naturschutzgebieten greifen Feuerökologen bereits auf diese Methode zurück, um den natürlichen Zustand wiederherzustellen – außerhalb dieser Gebiete regiert zu häufig noch das klassische Unterdrückungsdenken.

In Südeuropa kommen zwei weitere Faktoren hinzu, die die Situation verschlimmern: Zum einen entsiedelten sich während der letzten Jahrzehnte die ländlichen Regionen. Die Menschen zieht es aus dem Hinterland an die Küste und in die Städte, so dass sich Wälder und Macchien wieder ausbreiten. Die Landschaft wächst zu und wird weniger "gepflegt": Es steht mehr Fläche und Material für Brände zur Verfügung. Mit gutem Willen ließe sich hier größtenteils problemlos ein natürliches Feuerregime etablieren. Aussagen, dass sich die Vegetation nach starken Bränden ohne menschliche Hilfe nicht oder nur schwer regeneriert, hat die Wissenschaft ohnehin längst widerlegt. Das geschieht nur in Extremfällen, etwa wenn rasch starke Niederschläge auf einen Brand folgen und dadurch der Boden abgetragen wird. Und auch wenn sich Feuer zu rasch wiederholen, kann das Ökosystem degradieren; statt einer artenreichen Macchia dominieren dann dauerhaft eher eintönige Zistrosenheiden.

Richtig heftig wird es dagegen dort, wo Holzplantagen entstanden sind und die Verantwortlichen nicht auf heimische, feuerangepasste Laubbäume gesetzt haben, sondern exotische Eukalyptusbäume oder Kiefern bevorzugten. Zwar gehören auch viele Arten dieser beiden Pflanzengruppen zu den Pyrophyten – doch nicht in unserem Sinn: Beide fachen Feuer mit ätherischen Ölen und Harzen an. Im natürlichen Ökosystem schaffen sie sich dadurch Konkurrenten vom Leib, die beispielsweise die Kiefern sonst auf Dauer überwuchern würden. In eintönigen Plantagen findet das Feuer optimale Bedingungen vor, um sich rasend schnell und über große Strecken durch den Bestand zu fressen. Hier hilft dauerhaft nur ein radikales Umdenken durch die Politik: weg von der massenhaften Aufforstung von Brandflächen mit ungeeigneten Gehölzen, hin zu natürlichen Feuerregimen. Das belegt die Entwicklung in Portugal im Jahr 2003: Während Kiefern- und Eukalyptusplantagen in Asche fielen, blieben viele alte Korkeichenhaine direkt daneben fast unversehrt.

29. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29. KW 2012

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