Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Fuchsbandwurm

Der Fuchsbandwurm ist mein persönliches Kindheitstrauma. Denn an einem warmen Spätsommertag im Jahr 1995 stampfte Klein-Michaela mit ihrer gesamten Volksschulklasse durch den örtlichen Wald. Auf unserer Wanderung kamen wir an Brombeersträuchern vorbei und wir Kinder konnten den saftigen Früchten natürlich nicht widerstehen; mehrere von uns, ich inklusive, naschten von den reifen Beeren. Ein fataler Fehler, wie ich am selben Abend herausfand. Denn im Fernsehen lief eine Sendung zur unsichtbaren Gefahr, die genau auf solchen Waldfrüchten lauern würde: Eier eines todbringenden Bandwurms. Meine Mutter konnte mich kaum beruhigen, als ich panisch und weinend vor ihr stand und erklärte: »Die ganze Klasse wird sterben!«
Seither sind mehr als 30 Jahre vergangen, und ich kann glücklicherweise berichten, dass ich den Waldbeerensnack körperlich unbeschadet überlebt habe. Die Angst saß mir allerdings lange im Nacken. Denn der Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis) vermehrt sich im Normalfall 5 bis 15 Jahre lang still im Gewebe Infizierter, bevor er Probleme auslöst. Bei der Diagnose lässt er sich dann kaum noch gänzlich beseitigen – die meisten Patientinnen und Patienten haben ein Leben lang mit ihm zu tun.
Fuchsbandwurmlarven siedeln sich vorzugsweise in der Leber an und zerstören sie nach und nach von innen. Sie tun das, indem sie in das Gewebe einwandern und sich dort mit einer Art gelgefülltem Bläschen umgeben. Aus diesem Kokon knospen stets neue Larven aus – die sogenannte Finne wächst also wie eine Art wurmgefüllter Tumor im Organ heran. Die Folgen einer solchen alveolären Echinokokkose reichen von anfänglicher Schwäche, Müdigkeit und Gewichtsverlust über Oberbauchschmerzen bis hin zu Gelbsucht und Leberversagen. Daneben können weitere Organe zur Heimat für die Invasoren werden. Meistens breiten sich die Würmer wie die Metastasen eines Krebstumors von der Leber heraus aus. Sie gelangen so zum Teil in Milz und Lunge, in etwa einem von 100 Fällen auch ins Gehirn.
Wenn der Fuchsbandwurm ins Hirn auswandert
Das kann sich dann sogar in neurologischen Störungen äußern, wie ein 2016 beschriebener Fall aus Litauen zeigt. Dort kam eine 63-jährige Frau mit heftigen Kopfschmerzen, einseitigen Lähmungserscheinungen, Krampfanfällen und Muskelschwäche ins Krankenhaus. Sechs Jahre zuvor war bei ihr eine alveoläre Echinokokkose diagnostiziert worden und ihr Allgemeinzustand verschlimmerte sich zusehends. Der anfängliche Befall ihrer Leber hatte sich damals bereits auf beide Lungenflügel ausgebreitet. Sie nahm Medikamente ein, um die Larven in ihrem Körper im Zaum zu halten. Wegen schwerer Nebenwirkungen des Wirkstoffs musste sie allerdings die Dosis reduzieren. Und das gab dem Fuchsbandwurm offensichtlich die Gelegenheit, sich weiter auszubreiten. Ein Hirnscan offenbarte eine etwa zwetschgengroße Masse in ihrem Schädel. Die Operation, um das mit Parasiten gefüllte Gewebe zu entfernen, verlief noch erfolgreich. Dennoch verstarb sie nur wenige Tage später an den Folgen ihrer Erkrankung.
Insgesamt stirbt rund einer von zehn Betroffenen – je früher der Wurmbefall entdeckt wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Nach der Diagnose wird befallenes Gewebe, soweit möglich, chirurgisch entfernt. Viele Patientinnen und Patienten bekommen zudem aggressive Medikamente, die sie zum Teil ihr gesamtes Leben lang einnehmen müssen. Mit diesen Maßnahmen hat man gute Chancen, zehn Jahre und mehr mit der Krankheit zu leben; ohne Behandlung geht die alveoläre Echinokokkose jedoch häufig tödlich aus.
Die Ansteckung erfolgt über die fäkal-orale Route; die Eier wandern also aus dem Darm der infizierten Tiere über diverse Zwischenstationen in unseren Mund. Wegen der Schwere und der Unheilbarkeit der Erkrankung wurde und wird regelmäßig davor gewarnt, ungewaschene Waldbeeren zu essen. Der Rat ist sicherlich nicht falsch; selbst gesammelte Lebensmittel sollte man prinzipiell gründlich waschen, bevor man sie in den Mund steckt. Doch wahrscheinlich geht vom Brombeerstrauch keine besonders große Gefahr aus. Der langsame Verlauf der alveolären Echinokokkose macht es zwar geradezu unmöglich, nachzuvollziehen, wie Fuchsbandwürmer in den Körper der betroffenen Person gelangten. Häufungen von Infekten in bestimmten Gruppen geben jedoch Hinweise auf Risikofaktoren.
Was macht den Wurmbefall wahrscheinlicher?
Wenig überraschend steigt die Übertragungsrate mit der Größe der Fuchspopulation. Denn mehr Füchse in einem Gebiet kreuzen häufiger die Wege von Menschen und verbreiten über ihren Kot insgesamt mehr Wurmeier. Ebenfalls naheliegend ist, dass die Landbevölkerung generell stärker betroffen ist als Stadtbewohner. In Deutschland fand eine 2004 veröffentlichte Studie einige zusätzliche Risikofaktoren. An erster Stelle nennt sie die Haltung von Jagdhunden – frei laufende Hunde folgen kurz darauf, Freigängerkatzen bergen ein geringes Zusatzrisiko. Die Fuchsbandwürmer können neben Füchsen nämlich sowohl Hunde als auch Katzen infizieren. Außerdem können sie sich im Fell der Tiere verfangen, wenn diese mit Fuchskot in Kontakt kommen. Darüber hinaus erkranken Menschen häufiger, wenn sie auf dem Bauernhof oder in Feldnähe wohnen. Wer seinen eigenen Salat und Wurzelgemüse zieht, lebt ebenfalls ein wenig gefährlicher als andere. Ein geringes Extrarisiko hatten Personen, die angegeben hatten, ungewaschene Erdbeeren gegessen zu haben. Von Brombeeren fehlt auf der Liste jede Spur.
Eine französische Arbeit identifizierte ähnliche Risikofaktoren wie die deutsche. Sie sah sich aber auch an, ob der Konsum wild wachsender Beeren einen Einfluss auf die Infektionsrate hat. Die Antwort: Nein. Infizierte und nicht infizierte Personen hatten etwa gleich häufig gesammelte Beeren genascht. Generell weisen die Studien darauf hin, dass bodennah wachsende Lebensmittel wie Salat, Pilze oder eben Erdbeeren ein größeres Risiko bergen als Himbeeren oder Brombeeren hoch oben am Strauch. Also, wenn man schon ungewaschene Brombeeren naschen will, bitte zu den höher gewachsenen Exemplaren greifen.
Außerdem sollte man Feldfrüchte und Wildpilze tatsächlich immer gründlich waschen, bevor man sie verspeist. Das hilft nicht nur gegen den Fuchsbandwurm, sondern auch gegen diverse andere Keime und Verunreinigungen. Zur Erinnerung das Stichwort: fäkal-orale Übertragungsroute. Alles, was in Kontakt mit tierischen Exkrementen gekommen sein könnte, steckt man besser nicht einfach so in den Mund.
Die von vielen am meisten unterschätzte Gefahr dürften allerdings Haustiere darstellen. Wenn sie gelegentlich durch Wald, Feld und Wiese streifen, sollten sie regelmäßig entwurmt werden. Außerdem sollte man nicht – wie es viele Frauchen und Herrchen tun – erst das Tier und dann ein Nahrungsmittel anfassen (oder sich gar das Schinkenbrot mit ihm teilen), ohne sich dazwischen die Hände zu waschen. Angemessene Hygiene schützt schließlich nicht nur vor dem Fuchsbandwurm, sondern auch vor manch anderen unangenehmen Mitbewohnern.
Leben in der Hochrisikozone
Eine 2026 erschienene Arbeit wertete alle 1997 bis 2023 registrierten Fuchsbandwurmerkrankungen in Europa aus. Sie macht deutlich: im DACH-Raum befinden wir uns sozusagen im Hotspot des Parasiten. Von insgesamt 4207 Fällen alveolärer Echinokokkose trugen sich rund die Hälfte in den drei Ländern zu – 932 in Deutschland zu, 867 in der Schweiz und 243 in Österreich. Die Zahlen stiegen in den letzten Jahren des Untersuchungszeitraums zudem stark an. In der Schweiz waren es zwischen 2021 bis 2023 fast eineinhalbmal so viele wie zuvor, in Deutschland gut doppelt so viele und in Österreich nahm die Zahl der Patienten um mehr als das Dreifache zu.
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