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Psychologie mit Ernst

Leiden auch Sie unter IOED?

Wir halten uns im Allgemeinen für gut informiert und haben zu vielen Dingen eine feste Meinung. Doch wenn wir die Welt erklären sollen, geraten wir schnell ins Stottern. Der Grund: systematische Selbstüberschätzung!
Ein Mann ertrinkt in einem Meer von Informationen

Nach der letzten Bundestagswahl fragte mich meine Frau, ob ich ihr erklären könne, warum es so viele Überhangmandate wie noch nie gebe und der neue Bundestag auf über 700 Abgeordnete aufgebläht worden sei. »Ja, das ist so …«, setzte ich an, überzeugt davon, es auf die Reihe zu kriegen. Nachdem ich eine Weile über das d'Hondtsche Zählverfahren und das Verhältnis von Erst- und Zweitstimmen herumgestottert hatte, unterbrach sie mich mitleidig (oder war es spöttisch?) und meinte: »Also, gib es zu – so richtig weißt du es auch nicht!«

Die Psychologen Leonid Rozenblit und Frank Keil hätten mein Scheitern so kommentiert: »Typischer Fall von IOED!« Das Akronym steht für »illusion of explanatory depth«, zu Deutsch etwa: die Illusion, etwas genau erklären zu können. Rozenblit und Keil haben in ihren Experimenten zum Thema bereits 2002 festgestellt: »Die meisten Menschen glauben, dass sie die Welt detaillierter, kohärenter und präziser verstehen, als es tatsächlich der Fall ist.«

Die Stunde der Wahrheit

In ihren Pionierexperimenten fragten die Psychologen ihre Versuchspersonen in Phase 1: »Wie gut verstehen Sie die Funktionsweise eines Kühlschranks (eines Lichtschalters, einer Nähmaschine, et cetera)?« In Phase 2 galt es, die Funktionsweise oder das Prinzip des Geräts genau zu erklären, und zwar schriftlich. Das war, um es vorwegzunehmen, die Stunde der ernüchternden Wahrheit. In Phase 3 fragten die Forscher nochmals: »Wie gut verstehen Sie …?« Die Selbsteinschätzung sank nun bei der großen Mehrheit der Befragten dramatisch ab. Denn die Erklärungsversuche waren in der Regel – in einer Schulnote ausgedrückt – mangelhaft bis ungenügend.

Nicht nur bei Alltagsgegenständen oder Haushaltsgeräten meinen wir, den vollen Durchblick zu haben. Die Illusion, ganz gut über etwas Bescheid zu wissen, reicht weit darüber hinaus. Aber mal ehrlich: Wie war das mit dem Treibhauseffekt? Warum ist die Niedrigzinspolitik der EZB so gefährlich (oder so segensreich)? Wie entsteht eine Erkältung – Unterkühlung, Viren, Bazillen? Und was bedeutet eigentlich die Diagnose Schizophrenie? Vielleicht wussten wir manches irgendwann einmal wirklich – und haben das meiste vergessen. Oder wir haben eine der vielen Kurz- oder Pseudoerklärungen in Fernsehen oder Presse aufgeschnappt und glauben nun zu wissen, was Sache ist. Einer Überprüfung hält unser Wissen aber nur selten stand.

Wir wiegen uns in falscher Sicherheit

Die Oberflächlichkeit bei unserer Informationsaufnahme dürfte ein Hauptgrund für die verbreitete Illusion sein, etwas wirklich verstanden zu haben. Und auch die schiere Menge von Informationen, die tagtäglich auf uns einstürmen, wiegt uns in falscher Sicherheit. All das, was wir im Fernsehen, in der Presse, aber auch immer öfter in den schnellen und auf Kürze programmierten Medienelementen wie Tweets, Memes, Hashtags, viralen Videos oder Breaking-News-Diensten als Wissen aufnehmen, bleibt im Seichten. Wir sind, um die Metapher des Philosophen Archilochos zu gebrauchen, »Füchse« und erfahren ein bisschen über alles. Aber nur wenige sind »Igel« und wissen alles über eine wichtige Sache. Das breite Informiertsein der Internet-Ära reicht selten in die Tiefe.

Dabei wäre das Informationsangebot eigentlich und glücklicherweise sehr reich: Noch haben wir einige Qualitätszeitungen, viele Fach-, Wissens- und Special-Interest-Magazine, und wer richtig sucht, findet auch im Internet so ziemlich alle Antworten auf komplexe Fragen. Aufklärung und Selbstaufklärung sind prinzipiell möglich. Aber die Selbsttäuschung, schon genug zu wissen, hindert auch Gutwillige am Dazulernen.

Je komplexer und vielschichtiger ein Problem oder ein Thema jedoch ist, desto mehr müssten wir eigentlich an Zeit und Mühe investieren, um die Materie zu durchdringen und um sie uns selbst und anderen erklären zu können. Davor aber schützt uns die Illusion, schon genug kapiert zu haben. Und sie schafft ideale Bedingungen für all die Vereinfacher und Demagogen, die mit ihren unterkomplexen »Lösungen« hausieren gehen. Gerade in schwierigen politischen Grundfragen (Bürgerversicherung: ja oder nein? Den Emissionshandel ausbauen: Ist das kontraproduktiv?) bewegen sich mehr und mehr Bürger und Betroffene in den viel zitierten Filterblasen, die sie vor der Anstrengung einer gründlichen Informationssuche bewahren.

Der Realitätsschock mildert extreme Positionen

Der Psychologe Philip Fernbach hat 2013 begonnen, das Problem der IOED am Beispiel politischer Themen zu untersuchen. In der Tradition von Rozenblit und Keil hat er seine Versuchspersonen zunächst beispielsweise gefragt: »Wie gut verstehen Sie das Konzept der Bürgerversicherung?« und bat sie dann um eine schriftliche Erklärung. Auch hier zeigte sich: Die meisten Befragten bemerkten, dass sie ihr Verständnis eines Themas ziemlich überschätzt hatten.

Fernbach stieß dabei auf ein interessantes Phänomen: Je extremer die Position eines Probanden zu einer politischen Grundsatzfrage war, desto mehr mäßigte dieser seine Einstellung nach dem gescheiterten Erklärungsversuch. Sich eingestehen zu müssen, dass man eine wichtige Frage doch nicht so recht verstanden hat, macht vorsichtiger und, so findet Fernbach, bescheidener. Diese Erkenntnis ließe sich für politische Diskussions- und Aufklärungsprozesse nutzen – und könnte dabei eine sehr erwünschte, nämlich »abkühlende« Wirkung entfalten. Es scheint fast so, als ob die Methode der »Desillusionierung« einen sokratischen Effekt auf viele Menschen hat: »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, sagte Sokrates vor 2500 Jahren.

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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