Warkus’ Welt: Warum Geisteswissenschaften unter Druck geraten

Hat man ein Auge auf die Entwicklung in den Hochschulsystemen in Deutschland, aber auch vor allem anderswo, dann nimmt man gerade einen Hagel schlechter Nachrichten wahr. Die meisten davon haben mit Kürzungen und Schließungen zu tun. Besonders drastisch sind diese im Vereinigten Königreich, wo Tausende von Stellen abgebaut werden und an manchen Universitäten geradezu ein »Kahlschlag« befürchtet wird – durchweg mit einem Schwerpunkt auf dem Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften.
Auch in den USA schließen reihenweise Studiengänge und teils ganze Hochschulen. Als Gründe für Kürzungen und Schließungen werden Geldmangel genannt, politische Eingriffe der Trump-Regierung und republikanisch regierter Bundesstaaten sowie eine immer lautere konservative Medienlandschaft, zudem der Druck, unter den die massive Verbreitung künstlicher Intelligenz die Hochschulbildung setzt. Besonders betroffen sind die für die USA typischen »Liberal Arts Colleges«. Dabei handelt es sich um meist kleinere, gerne idyllisch und etwas abseits gelegene Hochschulen, die sich auf grundständige, allgemeinbildende Bachelor-Studiengänge konzentrieren und keine anwendungsorientierten Abschlüsse wie Medizin, Ingenieurwissenschaften oder BWL anbieten.
Die Artes liberales in der Antike
Die Bezeichnung »liberal arts« hat mit »liberal« im politischen Sinne, was auf Englisch ja eher »linksliberal« bedeutet, ursprünglich nichts zu tun, und auch mit Kunst (»art«), wie wir sie heute verstehen, nur am Rande. Die »freien Künste« waren in der Antike die anwendungsfernen Disziplinen für die Bildung höherer Schichten, die für ihren Lebensunterhalt nicht zu arbeiten brauchten. Ab der Spätantike stabilisierte sich ein Kanon von sieben dieser Künste. Da ist zunächst eine Dreiergruppe aus sprachlich-logischen Disziplinen, nämlich Grammatik, Rhetorik und Dialektik (was man heute Logik nennen würde), das sogenannte Trivium – von dem sich unser heutiger Ausdruck »trivial« herleitet. Darauf setzt eine Vierergruppe höherer Disziplinen auf, das Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik (inklusive Musiktheorie) und Astronomie (inklusive Astrologie). An den Universitäten des Mittelalters bildeten die freien Künste idealtypisch die Grundstufe eines Studiums, das dann an der theologischen, juristischen oder medizinischen Fakultät fortgesetzt wurde. Andere Fachstudien existierten damals noch nicht.
Es fällt auf, dass Philosophie keine dieser freien Künste ist. Ihre Inhalte, wie wir sie heute kennen, verteilten sich stattdessen auf die sieben Fächer – oder fanden im Rahmen der Theologie statt, als deren Hilfsdisziplin die Philosophie überhaupt galt. Das heutige Konzept von »liberal arts« im englischen Sprachraum deckt in den meisten Fällen alles ab, was nicht direkt naturwissenschaftlich ist – von Archäologie und Anthropologie über Journalismus, Kunstgeschichte, Literatur, Medienwissenschaften, Musik und sämtliche Sprachen bis hin zu Philosophie, Gesellschaftswissenschaften und allerhand »kleinen Fächern«. Dabei ist natürlich keine Regel ohne Ausnahme: Es gibt auch Liberal-Arts-Institutionen, in denen Mathematik und Naturwissenschaft gelehrt werden, dann aber in der Regel ohne Anwendungsanspruch. (Berühmt ist zum Beispiel das Great-Books-Studienprogramm des St. John’s College, wo Euklid noch im Original gelesen wird.) In Deutschland sind Hochschulen, die sich ausschließlich auf ein solches Curriculum aus »weichen« Disziplinen konzentrieren, rar, dafür wird an den größeren Volluniversitäten in der Regel (noch?) ein großes Spektrum davon angeboten.
Zur Verwirrung trägt bei, dass man mit dem Ausdruck »liberal arts education« gerne eine umfassende Grundbildung für freie, mündige Menschen bezeichnet, die sich letztlich an romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts von der Antike und der Renaissance orientiert. Dazu gehört dann aber neben geisteswissenschaftlichem sicher auch mathematisch-technisches Wissen. Zumindest können sich eigentlich alle darauf einigen, dass das viel besungene kritische Denken, das Hinterfragen von Argumenten, die skeptische, aber produktive Auseinandersetzung mit dem kulturellen und wissenschaftlichen Erbe, irgendwie dazugehört.
»Nutzlose Abschlüsse, ausgedachte Berufe«
Was macht die »freien Künste« beziehungsweise ihre heutigen Äquivalente nun in unseren Tagen so anfällig? Der Sprachkolumnist Nitsuh Abebe beschreibt im »New York Times Magazine«, dass die Wahrnehmung der ganzen geistes- und kulturwissenschaftlichen Hochschullandschaft gespickt sei mit Klischees: »nutzlose Abschlüsse, ausgedachte Berufe, Hafermilch, pinke Haare, Marxismus«. Das ist eine doppelte Unterstellung: Einerseits lernen Studierende in diesen Fächern nichts Sinnvolles; andererseits haben sie Flausen im Kopf und sind ganz allgemein nonkonformistisch. Dabei hat die Abgrenzung zu anderen Fächern gar nicht primär mit Fragen der Anwendbarkeit zu tun. Abebe weist darauf hin, dass heute eigentlich niemand mehr die Mathematik, die ja unter die MINT-Fächer gezählt wird, zu den »liberal arts« rechnen würde, obwohl man sich an einer mathematischen Fakultät mit derart abstrakten und anwendungsfernen Themen beschäftigen kann, dass sie »Literatur im Vergleich wie eine Installateurausbildung aussehen lässt«. Letztlich suchen sich Kulturkämpfe, die die ganze Gesellschaft durchziehen, einen Austragungsort an der Hochschule. Und diese gilt in den USA mehr als hierzulande als ein Mikrokosmos, an dem sehr junge Menschen im Kleinen nachvollziehen – aber auch vormachen –, was das Land im Ganzen bewegt.
In Deutschland verläuft der »Riss« durch die Bildungslandschaft weniger zwischen verschiedenen akademischen Disziplinen als zwischen dem berufsbezogenen Bildungssystem und den Hochschulen selbst. Konservative Politiker wettern eher gegen »Überakademisierung« insgesamt als gegen bestimmte Studienfächer, selbst wenn sie sicher kaum etwas gegen Studierende der Zahnmedizin oder Frühpädagogik haben dürften. Die radikale Rechte fordert eher, wie zum Beispiel die AfD im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, mehr Schulunterricht in Handwerk und Informatik; an den Hochschulen will sie aktuell lediglich bestimmte missliebige Fächer wie Gender Studies verbieten. Doch abgesehen davon, dass bereits dies einen drastischen Einschnitt in die Wissenschaftsfreiheit darstellen würde: Die Vorstellung, dass in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern insgesamt lauter nichtsnutzige, politisch irrlichternde junge Menschen herangezogen würden, wird dadurch kaum verschwinden. Wenn Politik sich auch in Zukunft nicht dazu durchringen kann, zu akzeptieren, dass Bildung mehr ist als die Produktion von Fachkräften mit rentablen beruflichen Fähigkeiten, werden die Kürzungen, die wir derzeit in UK und USA erleben, nur der Anfang gewesen sein.
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