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Lobes Digitalfabrik: Warum das Daumen-hoch-Emoji nicht überall gefällt

Von wegen neue Weltsprache: Emojis werden in manchen Kulturkreisen ganz anders verstanden, als man es hier gewohnt ist, schreibt unser Digitalkolumnist Adrian Lobe.
Auch scheinbar universelle Gesten können zu Missverständnissen führen

Jeden Tag werden über den Facebook-Messenger fünf Milliarden Emojis versendet. Über 3600 Stück gibt es inzwischen, die vom Unicode-Konsortium – einem Verein nach kalifornischem Recht, dem Tech-Konzerne wie Apple, Google und Facebook angehören – offiziell anerkannt werden.

1999 machte der japanische Grafikdesigner Shigetaka Kurita den Anfang: mit einem Zeichensatz von 176 Piktogrammen. Inzwischen gelten Emojis als neue Weltsprache. Ist ja auch klar: Ein Smiley bedeutet für einen Amerikaner dasselbe wie für einen Chinesen. Könnte man meinen. Ist aber nicht so. Denn die Bedeutung eines Emoticons beziehungsweise eines Emojis hängt vom kulturellen Kontext ab.

So ist in China das Smiley-Emoji eher mit einem Gefühl der Ungläubigkeit assoziiert, was in unserem Verständnis am ehesten dem Nachdenklichen-Gesicht-Emoji (🤔) entspricht. Um positive Emotionen auszudrücken, verwendet man in China das Grinse-Emoji (😁). Das Winkende-Hand-Emoji (👋), das eine Verabschiedung symbolisiert, wird im Reich der Mitte als Freundschaftsbruch oder Dummheit verstanden. Das Klatschende-Hände-Emoji kann man in China als (lautmalerische) Anspielung auf Sex verstehen.

Missverständnisse sind im interkulturellen Emoji-Dialog also vorprogrammiert. So ist beispielsweise das Kackhaufen-Emoji in Japan anders konnotiert als in Europa. Denn in dem japanischen Begriff »unko« für Kot steckt das Wörtchen »un«, was Glück bedeutet. Das Kackhaufen-Emoji ist in dem fernöstlichen Land ein Zeichen der Freundschaft – daher auch die Tradition der »goldenen Kacke«, die überall als Glücksbringer verkauft wird.

»Spektrum«-Kolumnist Adrian Lobe kommentiert den digitalen Wandel. Wie gehen wir um mit fortschreitender Digitalisierung? Wie mit Bots und Meinungsmaschinen? Und welche Trends dominieren die Gesellschaft in Zukunft?
Alle Folgen von »Lobes Digitalfabrik« finden Sie hier.

Andere Länder, andere Sitten. Auch das Gefaltete-Hände-Emoji (🙏) wird unterschiedlich interpretiert. Während es im japanischen Kulturraum verwendet wird, um »Bitte« oder »Danke« zu sagen, steht es in der westlichen Kultur eher für betende Hände oder sogar für High-Five, obwohl es eigentlich eine rechte und eine linke Hand abbildet.

Emojis werden von manchen Linguisten als digitale Gesten konzeptualisiert, eine Art Körpersprache, die das Schriftliche ergänzt. Und auch bei Gesten gibt es erhebliche kulturelle Unterschiede. Während man in den meisten Ländern mit einem Kopfnicken Zustimmung signalisiert, wiegt man in Indien und Pakistan den Kopf hin und her – wobei selbst der mit dem Auslandsknigge geschulte Westler das Kopfschütteln als Nein interpretieren kann. Was in dem einen Kulturkreis ein Lob bedeutet, kann in dem anderen Kulturkreis eine schwere Beleidigung sein. So wird die Daumen-hoch-Geste in Iran, Griechenland, Russland und Teilen Westafrikas als vulgär und ehrverletzend empfunden, vergleichbar mit dem Mittelfinger in unserer Kultur.

Als Facebook 2009 seinen ikonischen Like-Button einführte, war dem Management dieser Umstand nicht bewusst. Gründerchef Mark Zuckerberg redet ja immer idealistisch von der »globalen Community«. Dass darin aber nicht alles gleichermaßen geteilt wird, scheint zumindest das Management verstanden zu haben. So hat Facebook Like- und Sharebutton auf Webseiten durch das »f«-Logo ersetzt. Das gefällt – vor allem in der arabischen Welt.

Es gibt mittlerweile auch einige Forschung zu dem Thema. So zeigt eine quantitative Analyse geobasierter Tweets, dass die Nutzung bestimmter Emojis stark von Sprach- und Kulturräumen abhängt. So ist die Verwendung des Herz-Emojis in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens deutlich verbreiteter als im Westen. Und das Kürbis-Emoji wird wegen Halloween vor allem in den USA auf der Smartphone-Tastatur getippt.

Obwohl Emojis aus Japan stammen, entsteht zuweilen der Eindruck, dass die Zeichen tendenziell westlich geprägt sind. Das Polizeiauto oder die Zapfsäule sind zumindest in der Apple-Version stark an die amerikanische Kultur angelehnt. Kulturschaffende aus dem Nahen und Mittleren Osten fordern daher schon länger die Aufnahme arabischer Gesten in den Zeichensatz. Mit Erfolg: So wurden mit dem Unicode 13.0, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, das Zusammengedrückte-Finger-Emoji (🤌) eingeführt, das im arabischen Kontext so viel wie »Wart mal« oder »Entspann dich« bedeutet und im europäischen Kulturkreis am ehesten als archetypische italienische Geste interpretiert wird.

Der Psychologe Paul Ekman hat sechs universelle Gesichtsausdrücke identifiziert, die in allen Kulturen gleich seien: Angst, Wut, Überraschung, Freude, Ekel und Trauer. Aber gilt das auch für Gesichtszeichen? Dieser Frage sind Psychologen der Universität Tokio nachgegangen. In einem Experiment wollten sie herausfinden, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen und Milieus aus Japan, Kamerun und Tansania (Jäger und Sammler, Bauern, Stadtbewohner) auf Emotionen reagieren. Die Probanden sollten auf einem Tablet Fotos von Menschen und fröhliche, neutrale und traurige Emoticons – dargestellt als Smileys sowie westliche und japanische Emoticons – bewerten. Ergebnis: Während es bei den Fotos echter Menschen kaum Unterschiede gab, hatten die Probanden bei der Erkennung der Emoticons Probleme. Ein Smiley lächelt also nicht jeden an.

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