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Lobes Digtalfabrik: Wenn im Roboter ein Mensch sitzt

Künstliche Intelligenz, die gar nicht künstlich ist: In der digitalen Globalisierung müssen tausende so tun, als wären sie Maschinen, schreibt unser Kolumnist Adrian Lobe.
Wo arbeitet eine KI? Und wo ein Mensch?

Wenn sich ein Uber-Fahrer ans Steuer seines Autos setzt, muss er sich in der App einloggen und ein Selfie machen. Das dient der Identifizierung. Irgendwo auf der Welt sitzt ein Vertragsarbeiter an seinem Laptop und gleicht das Selfie mit dem in der Datenbank hinterlegten Foto ab. Eine Sanduhr läuft herunter, und nach wenigen Sekunden Prüfung kommt er oder sie zu dem Ergebnis: Das sind dieselben braunen Augen, dieselben Wangen – und klickt okay. Dafür bekommt er ein paar Cent. Geisterarbeit nennen Mary L. Gray und Siddharth Suri diese Arbeitsform in ihrem Buch »Ghost Work«. 13 000-mal am Tag muss allein in den USA die Identität eines Uber-Fahrers überprüft werden.

Zwar gibt es mittlerweile auch algorithmische Identitätsprüfungen. Doch die Maschinen haben nach wie vor Probleme, Gesichter von Menschen mit dunklerer Hautfarbe zu erkennen, was zur zeitweiligen Sperre oder gar Entlassung einiger Uber-Chauffeure geführt hat. Weil die KI noch Anlaufschwierigkeiten hat, muss immer wieder der Mensch in die Bresche springen.

»Spektrum«-Kolumnist Adrian Lobe kommentiert den digitalen Wandel. Wie gehen wir um mit fortschreitender Digitalisierung? Wie mit Bots und Meinungsmaschinen? Und welche Trends dominieren die Gesellschaft in Zukunft?
Alle Folgen von »Lobes Digitalfabrik« finden Sie hier.

Tech-Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon lagern zahlreiche Mikroaufgaben an Crowdworkerinnen und -worker auf der ganzen Welt aus. Sie schreiben Produktbewertungen, filtern Gewaltvideos oder zeigen einem Algorithmus, was ein Fahrrad ist. In Venezuela labeln hunderttausende Crowdworker Daten für autonome Fahrzeuge (unter anderem für Tesla). In Costa Rica, Indien und Rumänien transkribieren tausende Vertragsarbeiter Audiodateien von Amazons Sprachsoftware Alexa und bekommen dabei auch Drogendeals oder sexuelle Gewalt mit. Und in Kolumbien steuern Studenten für zwei Dollar die Stunde Lieferroboter auf dem Campus der University of California in Berkeley. So vollautonom, wie die Roboter daherkommen, sind sie nicht. Dahinter steckt immer noch ein Mensch. Man sieht ihn nur nicht.

Amazons Crowdworking-Plattform MTurk ist ironischerweise benannt nach dem »mechanischen Türken«, einem Schachautomaten, den der österreichisch-ungarische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen im Jahr 1769 konstruierte. Der Roboter bestand aus einer in türkischer Tracht kostümierten Puppe, die auf einem Schachbrett Figuren hin und her bewegte, und einem tickenden Uhrwerk aus Zahnrädern und Walzen, die dem Publikum suggerierten, hier sei eine Maschine am Werk. In Wirklichkeit saß jedoch ein menschlicher Schachspieler in dem Kasten, der die Bewegungen der Puppe steuerte.

Die Apparatur war die Attraktion zur damaligen Zeit. Prominente wie Napoleon Bonaparte oder Benjamin Franklin traten gegen den Automaten an. Von einem Schachcomputer war der mechanische Türke so weit entfernt wie Dieter Bohlen vom Literaturnobelpreis. Doch das Prinzip des Fake-Automaten hat sich bis heute bewahrt.

Zahlreiche Start-ups setzen auf so genannte Pseudo-KI – sie bezahlen Menschen dafür, sich wie Roboter zu verhalten, weil die Entwicklung einer KI noch immer sehr viel Geld kostet. Und der Mensch ist noch immer die billigere Maschine. Also lässt man ihn Chatnachrichten beantworten oder Rezepte einscannen – und tut so, als würde dies ein Algorithmus machen.

Datenfutter – aber für wen eigentlich?

Der britische Autor Phil Jones schreibt in seinem neuen Buch »Work Without the Worker«, wie die Plattformökonomie Menschen im globalen Süden für ihre datenhungrigen Maschinen ausbeutet. Im Lager Schatila im Libanon etwa klicken sich Geflüchtete durch Videos der Straßen ihrer syrischen Heimat und markieren dort für die KI, was was ist.

Die Entwicklung von KI, das zeigt das Buch sehr schön, bedeutet noch immer jede Menge Handarbeit. Allein Google beschäftigt 100 000 Hilfsarbeiterinnen und -arbeiter, die für den Kartendienst Google Maps Straßenzüge abfahren, Youtube-Filter trainieren oder Bücher einscannen. Es ist die industrielle Reservearmee des Datenkapitalismus.

Die digitalen Tagelöhner sind unsichtbar, unterbezahlt, unter- oder kaum versichert und gewerkschaftlich nicht organisiert. Und das spielt der Plattformökonomie in die Hände: Die Tech-Konzerne können Arbeit in immer mehr Mikroaufgaben zerteilen und die Löhne dafür drücken. Erst vor Kurzem enthüllte der »Guardian«, dass Google bei der Bezahlung seiner Zeitarbeiter in zahlreichen Ländern gegen Arbeitsrecht verstoßen habe. Je mehr Arbeit zerfasert, desto schwächer wird die Verhandlungsmacht der Crowdworker.

»Lohn-Jäger-und-Sammler« nennt Jones das neue Lumpenproletariat, das sich die Fetzen der übrig gebliebenen Lohnarbeit zusammensammeln muss. Im Gegensatz zu den Ludditen, die in der ersten industriellen Revolution in Europa Webstühle zerstörten und Fabriken in Brand steckten, können die Clickworker dem Datenkapitalismus kein Stöckchen ins Räderwerk stecken, weil Daten »nichtrivalisierend, ubiquitär unendlich reproduzierbar seien«. Will heißen: Die Datenmaschinerie läuft immer weiter.

Nichts ist so entfremdend wie Datenarbeit: Die Crowdworker wissen oft gar nicht, warum sie beispielsweise Straßen oder Schienen in Videos markieren. Manche glauben, sie machen das für ein Computerspiel, andere wiederum gehen davon aus, sie arbeiten im Auftrag eines Vermessungsamts. Wenn sie damit aber Gesichts- oder Objektserkennungsalgorithmen trainieren, die für Polizei- oder Militäreinsätze genutzt werden, werde dies zum Problem, meint Jones.

Im Rahmen des »Project Maven«, bei dem Google für das US-Verteidigungsministerium eine Software zur autonomen Zielerkennung für Drohnen entwickeln sollte, hat der Tech-Konzern auch Crowdworker für das Labeln der Daten angeheuert – ohne dass diese vom Projektzweck Kenntnis erlangten. Dass Menschen in Armut die Drohnen trainieren, die über ihren Köpfen schwirren, zeigt die fatalen Wechselwirkungen des globalen Datenkapitalismus. Die Arbeiterinnen und Arbeiter des globalen Südens knüpfen nicht mehr nur Teppiche oder nähen Fußbälle. Sie schaufeln auch die Kohlen im Maschinenraum einer vermeintlich cleanen KI.

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