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Lobes Digitalfabrik: Löst sich die Menschheit im Kode auf?

In seinen Cyborg-Fantasien wünscht sich Tesla-Chef Elon Musk den Maschinenmenschen - für mehr Gleichheit in der Gesellschaft. Doch dahinter steckt ein fataler Irrglaube.
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Tesla-Chef Elon Musk ist bekannt für seine Moonshot-Projekte. Mit seinem futuristischen Röhrenzug-Projekt "Hyperloop" will er Passagiere mit Überschallgeschwindigkeit befördern. Und mit seinem Weltraumunternehmen SpaceX plant er eine bemannte Mondmission. Kein Projekt scheint zu groß für den ambitionierten Investor. Doch was er kürzlich auf dem World Government Summit in Dubai vortrug, setzt sogar seinen eigenen Gesellschaftsutopien noch eins drauf. Der Mensch, sagte Musk, müsse zum Cyborg werden.

Die Logik geht so: In einer Zeit, wo die Entwicklung der künstlichen Intelligenz immer weiter voranschreitet und KI-Systeme besser Schach, Go und Poker spielen als der Mensch, müsse die Menschheit ihre biologische Intelligenz mit maschineller Intelligenz verschmelzen, um nicht überflüssig zu werden.

Beinahe zeitgleich erschien quasi als Widerrede das neue Buch "Homo Deus" des israelischen Universalhistorikers Yuval Noah Harari. In einer faszinierenden Tour d'Horizon durch die Menschheitsgeschichte beschreibt Harari, wie der Mensch in einem Akt wachsender Selbstermächtigung zum "Homo Deus" emporsteigt und wie das neue Glaubenssystem des Dataismus die humanistischen Größen Individualismus, Seele und den freien Willen ablöst.

Fast noch interessanter als das Werk selbst sind die Interviews, die der Historiker anlässlich der Neuerscheinung gegeben hat, bevor er sich in seine 45-tägige tech-freie Fastenkur verabschiedete. In einem lesenswerten Gespräch mit dem Technikmagazin "Wired" sagte Harari, dass wir uns zur Irrelevanz upgraden. "Der Dataismus ist das neue ethische System, das sagt, ja, wir Menschen waren besonders und wichtig, weil wir bis jetzt die ausgefeiltesten Datenverarbeitungssysteme im Universum waren. Aber das ist nicht länger der Fall." Damit teilt Harari die Befürchtung von Tesla-Chef Musk, dass der Mensch durch die rasante Entwicklung der Technik überflüssig zu werden droht. Für Harari ist die Technik aber nicht der Ausweg, sondern die Ursache dafür, dass der Mensch obsolet werde.

Der Menschheit droht die Spaltung in "Gottgleiche" und "Nutzlose"

Ein passendes Beispiel sieht Harari in Navigationssystemen. Kartendienste wie Google Maps oder Waze würden die menschlichen Fähigkeiten erweitern. Man erreiche sein Ziel schneller und leichter. Auf der anderen Seite delegiere man kognitive Kompetenzen und Autorität (und damit auch Souveränität) an einen Algorithmus und verliere die Fähigkeit, seinen Weg zu finden – man wird abhängig und fremdgesteuert. Und indem der Mensch immer mehr Fähigkeiten (Navigation, Informationsgewinnung) outsourct, zerlegt er sich in einen Automaten – und schafft sich ab. Der Menschheit drohe die Spaltung in "Gottgleiche" und "Nutzlose". Für Harari steht nicht weniger als die Autonomie des Menschen auf dem Spiel.

Es gibt eine Stelle in dem Buch, in der diese unheilvolle Demontage zum Ausdruck kommt. Der Liberalismus, schreibt Harari, werde "an dem Tag zusammenbrechen, an dem das System mich besser kennt als ich mich selbst". In Hararis beklemmender Vision stehen dereinst Werte wie Freiheit und Gleichheit zur Disposition. Worauf sollen Menschenrechte gründen, wenn sich der Mensch zum Cyborg aufrüstet und zu einer Maschine wird?

Elon Musk scheint dagegen eine ganz eigene Vorstellung einer egalitaristischen Gesellschaft zu haben. Der Techno-Utopist ist von der Idee beseelt, dass ein maschinenerweiterter Mensch zu mehr Gleichheit in der Gesellschaft führen könne. Auf der Konferenz "Superintelligence: Science or Fiction?" sagte er: "Wenn wir diese Dinge machen, wird (das Breitband-Interface) an unser Bewusstsein angeschlossen, an unseren Willen, an die Summe des individuellen Willens, und wenn jeder es hätte, ginge es egalitärer zu als heute." So krude diese neurobiologische Beschreibung ist, sie lässt doch durchschimmern, wes Geistes Kind Musk ist: Von welcher Gleichheit redet er? Gleichheit in Bezug worauf? Wenn der Mensch im Internet der Dinge nur eine Maschine unter vielen ist, worauf vieles hindeutet, wäre gewiss Gleichheit hergestellt. Nur: Der Mensch würde zur Maschine und damit zum Objekt degradiert.

Was an Musks Vision verstört, ist die Unausweichlichkeit dieser Entwicklung, der technologische Darwinismus, bei dem Computer als evolutiver Vorteil dargestellt werden, den man sich nach dem Motto "Vogel, friss oder stirb" einverleiben müsse. Und nur noch der hochgerüstete Cyborg kann überleben. Geht es bei den Herausforderungen der Menschheit nicht um mehr als Übertragungsgeschwindigkeiten? Löst sich die Menschheit im Kode auf?

Hararis Moral der Geschichte ist, dass sich der Mensch in seinem Streben nach gottgleichen Fähigkeiten seiner Individualität entkleidet und nur noch (mathematischen) Modellcharakter hat. Der Dataismus macht alles gleichförmig. Von Aktienkursen bis hin zur Liebe, alles wird in Zahlen und Formeln beschrieben. Was den Menschen vom Huhn unterscheide, so das bittere Fazit, sei letztlich nur, dass einer von beiden mit komplexeren Algorithmen operiere.

11/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11/2017

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