Krebs verstehen: Der Mythos von der selbst verschuldeten Krebserkrankung

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.
Seit dem 1. April können aktive und ehemalige starke Raucher ein Lungenkrebsscreening wahrnehmen – die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen dafür die Kosten. Mit dem Screening lassen sich nachweislich Todesfälle durch Lungenkrebs verhindern. Eine gute Nachricht also.
Das dachte ich jedenfalls.
Doch einige In- und Medfluencer sehen das anders. Sie empören sich in öffentlichen Beiträgen darüber, dass die Solidargemeinschaft nun Geld für Menschen ausgeben müsse, die selbst schuld an ihrem erhöhten Erkrankungsrisiko seien. Viele ihrer Follower applaudieren.
Die Annahme, Betroffene trügen die Verantwortung für ihre Krebserkrankung oder deren Verlauf, zählt zu den hartnäckigsten Mythen in der Medizin. Hätten sie nicht einfach gesünder leben können? Positiver denken müssen? Mehr kämpfen können?
Ich habe noch nie gehört, dass man einem Patienten mit chronischer Nierenerkrankung sagt: »Du hättest mehr dafür machen müssen, die Dialyse zu vermeiden!« oder zu einem Herzerkrankten: »Wieso soll ich für deine Reanimation zahlen? Hättest eben mehr auf dein Gewicht und deine Ernährung achten sollen!«
Außerhalb der Onkologie ist es in der Medizin selbstverständlich, Menschen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko besonders sorgfältig zu untersuchen. Ein Raucher mit starkem Übergewicht und schlecht eingestelltem Blutdruck erhält bei wiederkehrenden Brustschmerzen rasch eine Herzkatheteruntersuchung, um eine Verengung der Herzkrankgefäße früh zu erkennen. Kaum jemand fragt in diesem Moment, ob er die Untersuchung »verdient«.
Geht es um Krebs, verschiebt sich der Ton. Menschen scheuen sich nicht, Fremden öffentlich das Recht auf potenziell lebensrettende Früherkennungsuntersuchungen abzusprechen – finanziert aus demselben Solidarsystem, das auch alle anderen Erkrankungen abdeckt. Bei keiner anderen Krankheit wird so schnell nach persönlicher Schuld gesucht und medizinische Unterstützung so offen infrage gestellt wie bei Krebs.
Krebs entsteht durch Zufall
30 bis 45 Prozent aller Krebserkrankungen und etwa 40 Prozent aller Krebstodesfälle sind auf veränderbare Risikofaktoren zurückzuführen. Dazu zählen das individuelle Gesundheitsverhalten und Umweltfaktoren. Unter ihnen hat Rauchen den größten Einfluss auf die Zahl der Krebsneuerkrankungen und -todesfälle. Rund 85 Prozent aller Menschen mit Lungenkrebs sind aktive oder ehemalige Raucherinnen und Raucher. Dass es weniger Krebsfälle gäbe, wenn insgesamt weniger Menschen rauchten, ist also unstrittig.
Auf individueller Ebene wirken diese Zahlen jedoch anders: Fast 90 Prozent aller Raucher erkranken nicht an Lungenkrebs. Auch gehen die meisten Krebsfälle nicht auf vermeidbare Risikofaktoren zurück.
»Wer gesund lebt, kann erkranken; wer alle Empfehlungen missachtet, kann gesund bleiben«
Krebs entsteht in der Regel nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch ein Zusammenspiel aus Veranlagung und Umwelt: Körperzellen sind schädlichen Einflüssen ausgesetzt und können sich unterschiedlich gut vor ihnen schützen. Schäden im Erbgut sammeln sich an, bis Zellen bösartig werden und zu wuchern beginnen.
Ohne Zweifel kann man manche schädlichen Einflüsse durch einen gesunden Lebensstil reduzieren und damit das Risiko für Krebs deutlich senken. Doch eine Garantie gibt es nicht: Wer gesund lebt, kann erkranken; wer alle Empfehlungen missachtet, kann gesund bleiben.
Gesund zu leben, ist nicht für alle gleich einfach
Hinzu kommt: Gesund zu leben ist keine reine Frage des Willens. Wo ein Mensch geboren wird, in welche Familie, in welche Lebensumstände und Bildungschancen – all das prägt nachweislich das spätere Gesundheitsverhalten und damit das Krebsrisiko.
Wer in sozial benachteiligten Lebensumständen aufwächst, hat etwa ein höheres Risiko, übergewichtig zu sein und zu rauchen. Studien in Deutschland zeigen, dass dann auch das Krebsrisiko größer ist. Ebenso erhöhen traumatisierende Kindheitserfahrungen wie Missbrauch oder Suchterkrankungen der Eltern die Wahrscheinlichkeit, später zu rauchen, und damit das Krebsrisiko. Besonders gut belegt ist dieser Zusammenhang für Lungenkrebs.
Zudem zeigen Studien, dass Menschen ein größeres Risiko für übergewichtsassoziierte Krebserkrankungen haben, wenn sie in einer Region leben, in der es mehr Fast-Food-Geschäfte als Supermärkte mit Gemüse gibt.
Selbstschädigendes Gesundheitsverhalten wie Rauchen ist darüber hinaus oftmals Ausdruck einer schweren Suchterkrankung, die nicht einfach abgestellt werden kann. Nikotin gehört zu den am stärksten abhängig machenden Drogen. Menschen, die rauchen oder übergewichtig sind, leiden häufiger als andere an psychischen Erkrankungen, die es ihnen erschweren, gesund zu leben.
Menschen mit Krebs sind besonders diskriminiert
In meinem Alltag erlebe ich es immer wieder, wie schnell Menschen mit Krebs verurteilt, gemieden oder diskriminiert werden. Patienten und Patientinnen erzählen mir, dass Freunde und Familie sich nicht mehr melden oder Arbeitgeber ihnen kündigen. Es ist bekannt, dass Krebserkrankte und -überlebende in vielen Lebensbereichen benachteiligt werden: etwa im Job, bei Versicherungen oder bei der Verbeamtung.
In kaum einem anderen Bereich der Medizin wird derart schnell bei den Erkrankten nach der Schuld gesucht. Einer der hartnäckigsten Mythen ist etwa die Vorstellung, Menschen seien selbst für ihre Erkrankung verantwortlich, weil sie nicht positiv genug denken. Für Betroffene entsteht dadurch eine paradoxe Situation: Verhalten sie sich ungesund, werden sie dafür verurteilt; halten sie sich an Gesundheitsempfehlungen, wird die Ursache der Erkrankung eben in ihrer Psyche gesucht.
Menschen mit Krebs haben es schon schwer genug. Daher wünsche ich mir für sie Mitgefühl statt unbegründete Schuldzuweisungen.
Wer wirft den ersten Stein?
Und selbst wenn jemand nicht immer perfekt gesund gelebt hat – warum sollte man darüber urteilen wollen? Ich möchte in meinem Klinikalltag nicht bewerten, welcher Patient sich in welchem Ausmaß medizinisch unerwünscht verhält. Ich möchte nicht gegeneinander aufrechnen, wer durch regelmäßiges Skifahren ein erhöhtes Verletzungsrisiko eingeht und wer vorbildlich seine monatlichen Stunden im Fitnessstudio ableistet.
Wie würde ich selbst bei einer solchen Bewertung abschneiden? Vor ein paar Tagen war ich bis etwa 21 Uhr in der Klinik. Um 19 Uhr hatten meine Kollegin und ich solchen Hunger, dass wir zum Snackautomaten gingen. Meine Beute: eine kleine Tüte Chips, ein Schokoriegel und ein Stück Kuchen. Am Abend zuvor habe ich Tiefkühlpizza gegessen, weil der Kühlschrank leer war. Und Sport? Habe ich schon seit Wochen nicht gemacht.
Daneben sehe ich Kollegen, die es schaffen, morgens früh aufzustehen, vor der Arbeit noch zu trainieren, sonntags für die ganze Woche vorzukochen und der Süßigkeitenschublade in der Klinik zu widerstehen. Ich habe größten Respekt davor. Bei mir ist der innere Schweinehund aber größer.
Wenn ich nun an Krebs erkranken würde, hätte ich dann Mitgefühl verdient? Sollte ich vielleicht extra zuzahlen, wenn meine Gynäkologin meine Brust abtastet, weil ich mich so ungesund verhalte? Und steht mir diese Untersuchung überhaupt zu? Wäre es nicht angemessener, wenn mein Krebs erst in einem späteren Stadium diagnostiziert wird, damit ich im Angesicht meines Todes noch einmal über mein Fehlverhalten nachdenken kann?
Als so zynisch empfinde ich die Diskussionen darüber, Menschen mit gesundheitlichem Risikoverhalten lebensrettende Krebsfrüherkennungsuntersuchungen wie das Screening auf Lungenkrebs vorenthalten zu wollen, obwohl diese durch das Solidarsystem finanziert sind.
Mehr Prävention ist die bessere Lösung
Unsere Umgebung macht es uns nicht immer leicht, gute Entscheidungen für unsere Gesundheit zu treffen. Statt uns gegenseitig dafür zu verurteilen, sollten wir Voraussetzungen schaffen, die gesundes Verhalten fördern. Präventionsmaßnahmen wie höhere Tabaksteuern, eine Softdrink- oder Zuckersteuer und strengere Werbe- und Verkaufsregeln für Tabak und Alkohol könnten es dem Einzelnen erleichtern, gesünder zu leben. Dadurch ließen sich direkte und indirekte Kosten von rund 200 Milliarden Euro reduzieren, die in Deutschland jährlich durch Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel entstehen. Und nicht zuletzt könnten so auch zahlreiche Krebsfälle verhindert werden.
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