Vorsicht, Denkfalle!: Wie ideologisch ist Wissenschaft?

Erinnern Sie sich an jene Szene vom April 2026 im Weißen Haus, als der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. erklärte, wenn ein Medikament statt 600 nur noch 100 US-Dollar koste, sei das eine Ersparnis von 600 Prozent? Während diese Rechnung jedem mathematisch Normalbegabten Runzeln auf die Stirn treibt, nickte Kennedys Chef, Präsident Trump, zustimmend.
Manche erinnerte das an George Orwells Roman »1984«, in dem der Staat verordnet, zwei plus zwei ergebe fünf. Was Politiker am Rande der Senilität von sich geben, ist Furcht einflößend genug. Dass aber auch die Wissenschaft selbst der Ideologie anheimfallen kann, zeigt der Lyssenko-Effekt.
Trofim Lyssenko (1898–1976) war ein Bauernsohn, der in den 1930er-Jahren zum mächtigsten Biologen der Sowjetunion aufstieg. Dabei leugnete er Grundannahmen der Genetik; ja, er bestritt, dass Gene existierten oder eine besondere Bedeutung hätten. Gemäß der herrschenden Ideologie musste die Umwelt alles steuern. Und so log Lyssenko, er könne durch eine spezielle Behandlung Winter- in Sommerweizen verwandeln, was reiche Ernten rund ums Jahr verspreche. Nur waren seine Daten entweder gefälscht oder das Produkt absurder »Studien« an einzelnen Weizenähren. De facto vertrug das Saatgut seine »Wundermethode« schlecht – was zu Missernten und zur Verschärfung von Hungersnöten beitrug.
Von Stalin hofiert
Seinen Aufstieg zum Leiter des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften in Moskau verdankte Lyssenko einem unbändigen Narzissmus – sowie dem Genossen Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili, genannt Stalin (1878–1953). Dieser rief nach einem Vortrag Lyssenkos angeblich begeistert »Bravo!«, womit der Gelobte sakrosankt war, wie viel Unfug er auch verbreitete.
Selbst nach Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur 1953 hielt Lyssenko an seiner Lehre fest. Was der kapitalistische Westen entdeckt hatte, konnte schließlich nicht stimmen – und wurde bekämpft. So starben eine Reihe von echten Wissenschaftlern als Konterrevolutionäre in sowjetischen Straflagern.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Dieses düstere Stück Wissenschaftsgeschichte mahnt uns, wie sehr es eine Fachdisziplin unterminieren kann, wenn sich zu viel Macht in den Händen Einzelner konzentriert. Davon sind wir hier und heute zum Glück weit entfernt. Oder nicht?
An den extremen Enden des politischen Spektrums wird jedenfalls fleißig geraunt, »die Wissenschaft« – ob Infektiologie, Klimaforschung oder Sozialpsychologie – leide an einem Übermaß an Ideologie. Den einen gelten Gender Studies und Critical Theory als Ausgeburten verbohrter linker Wokeness, andere halten die Messung kultureller IQ-Unterschiede oder die Existenz zweier biologischer Geschlechter für rassistisch oder queerfeindlich.
Argumente statt Cancel-Culture
Auch wenn der Vorwurf der Pseudowissenschaft in unserer polarisierten Gegenwart selbst oft irrational ist, liegt hier eine reale Gefahr. Davor bewahrt uns nur: Pluralität! Denn solange der Austausch von Argumenten und nicht moralisierende Cancel-Culture regiert, ist Wissenschaft ein sich selbst korrigierendes System.
Freilich ist in Sachen Forschung auch bei uns längst nicht alles Gold, was glänzt. Es wäre naiv zu glauben, Wissenschaft drehe sich allein um die Wahrheit und nicht (auch) um Karrieren, Prestige und politische Ziele.
Kleine Ironie am Rande: Im Licht der modernen Epigenetik enthielt Lyssenkos Lehre doch ein Fünkchen Wahrheit. Wie wir heute wissen, sind die Gene zwar kaum durch Erfahrung manipulierbar, ihre epigenetische Ablesung jedoch schon.
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