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Mäders Moralfragen: Ein neues journalistisches Markenversprechen

Sauber zu recherchieren, ist das eine. Um das Vertrauen der Leser zu gewinnen, müssen Journalisten die Fakten aber auch überprüfen und möglichst nachvollziehbar belegen.
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In meinen ersten Jahren in Zeitungsredaktionen erklärten mir ältere Kollegen, dass die Leser gelernt hätten, den Berichten der Zeitung zu vertrauen – und für die Redaktion sei dieses Vertrauen wiederum eine Verpflichtung. Das war zu einer Zeit, als es erst wenige Onlineressorts gab und viele Menschen morgens eine Zeitung lasen, die sie schon seit Jahren abonniert hatten. Heute klingt das alles altmodisch, und man fragt sich vielmehr besorgt, wie man die seriösen Informationen von den schlampig recherchierten oder gar gefälschten unterscheiden soll. Auch Sie sind sicher schon einmal auf ein Thema gestoßen, bei dem Sie sich auskennen, um dann enttäuscht festzustellen, dass Sie mehr wissen als der Journalist. Was ist dann von den anderen Berichten zu halten, die Sie nicht ohne Weiteres beurteilen können?

Die alten Zeitungshäuser haben zwar weiterhin einen Namen und auch viele Abonnenten, aber man nimmt seine Informationen inzwischen aus verschiedenen Quellen. Oft weiß man gar nicht mehr, woher man etwas weiß. Manchmal merkt man, dass sich die Aussagen verschiedener Quellen widersprechen, und wird stutzig. Manchmal klingen wiederum die Nachrichten auf allen Portalen gleich – und auch das findet man verdächtig. Wie sauber haben die Journalisten recherchiert? Und wie gründlich haben die Redaktionen ihre Berichte geprüft? Auf diese Fragen bekamen Leser bisher nur selten Antwort, aber nun bringt ein Skandal einiges in Bewegung.

Eine neue Qualitätskontrolle

Im Dezember 2018 hat »Der Spiegel« bekannt gegeben, dass seine große Verifikationsabteilung einem Betrüger auf den Leim gegangen ist. Diese Abteilung prüft zwar alle Angaben in den Berichten und Reportagen des Magazins, doch sie ruft nicht die Gesprächspartner des Reporters noch einmal an, um die Zitate zu kontrollieren. Darum ist ihr nicht aufgefallen, dass der Ex-Spiegel-Mitarbeiter Claas Relotius einige Interviews erfunden hat. Außerdem unterstelle man den Kollegen keine kriminelle Energie, heißt es in einer Stellungnahme. »Wo der Autor der einzige Augen- und Ohrenzeuge ist, ist er selbst und allein verantwortlich – das ist bisher das Prinzip. Es wird nun zu hinterfragen sein.«

Ich will in dieser Kolumne nicht versuchen zu erklären, was man künftig anders machen müsste, um solche Betrugsfälle zu verhindern. Stattdessen will ich fragen, wie es um die Nachrichten aus anderen Redaktionen bestellt ist, die keine Verifikationsabteilung haben – höchstens noch ein Korrektorat, das die Schreibfehler ausbessert. Warum sollte man diesen Berichten Glauben schenken, wenn das Vertrauen nicht über Jahre wachsen konnte, weil sich Leser nicht mehr so lange und exklusiv an ein Medium binden möchten? Eine naheliegende Möglichkeit ist, den Lesern das Überprüfen zu erleichtern: Alle Quellen werden verlinkt, und zusätzliches Recherchematerial wird in einem Archiv bereitgestellt. Damit macht sich eine Redaktion angreifbar, und allein diese selbstbewusste Haltung des Versucht-ruhig-uns-zu-widerlegen kann Vertrauen wecken. Doch das ist kein Ersatz für eine redaktionsinterne Qualitätskontrolle, bei der nicht nur die zentralen Aussagen eines Beitrags geprüft werden, sondern auch die Details.

Eine neue Transparenz

Meine Erfahrungen mit der internen Kontrolle sind gemischt. Einerseits gibt es auch in den Redaktionen ohne institutionalisierte Verifikation viele Kollegen, die meine Artikel gründlich lesen und mich bei manchen Beiträgen sogar mehrmals anrufen, weil ihnen beim Redigieren etwas komisch vorkommt. Das ist anstrengend, wenn ich bereits am nächsten Artikel sitze, doch die Rückfragen haben mich schon vor manchen Flüchtigkeitsfehlern und missverständlichen Formulierungen bewahrt. Andererseits kenne ich auch Redaktionen, die von ihren Autoren verlangen, dass diese allein für die Richtigkeit geradestehen. Dabei könnten sie einen guten internen Faktencheck nutzen, um für Vertrauen zu werben. Die Leser wären doch hoffentlich bereit, für diese Qualität zu bezahlen?

Die Geschichte eines anderen Mediums stimmt mich zuversichtlich: Ebenfalls im Dezember hat die niederländische Website »De Correspondent« mehr als 2,6 Millionen US-Dollar (Stand 7. Januar 2019) für eine englischsprachige Ausgabe gesammelt. »The Correspondent« verspricht zwar keinen besonderen Faktencheck, will aber vieles anders machen. Drei Punkte sind in diesem Zusammenhang interessant: Zum einen will die Redaktion ihre Leser in die Recherchen einbinden, weil sie unter ihnen viele Menschen vermutet, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zur Berichterstattung beitragen können. Das gefällt mir auch deshalb, weil die Leser dadurch eine belastbare Beziehung zu einem Medium aufbauen können. Man hat sicher nicht Zeit, die Entstehung jedes Artikels zu begleiten, macht das aber vielleicht gerne bei den Themen, bei denen man sich auskennt.

Eine neue Fehlerkultur

Zum anderen fokussiert sich die Redaktion auf Themen, die über den Tag hinaus wichtig bleiben, und vernachlässigt diejenigen, die uns nur heute interessieren. »Wir berichten nicht übers Wetter, sondern übers Klima«, lautet die Formel. Weniger Hektik und mehr Kontinuität dürften die Fehleranfälligkeit senken – übrigens auch im Wissenschaftsjournalismus, denn hier wird laufend übers Wetter berichtet: Jeden Tag kommen neue Studien heraus, die angeblich dieses und jenes beweisen. Journalisten sprechen vom »Einzelstudiensyndrom«, denn viel zu oft wird in diesen Berichten der Forschungskontext ignoriert. Eine einzelne Studie kann überraschen und neue Fragen aufwerfen, sie zwingt aber nur in seltenen Fällen gleich zum Umdenken. Sie ist in erster Linie ein Beitrag zu einem wachsenden Forschungskorpus.

Und über allem steht das dritte Versprechen von »The Correspondent«, transparent zu arbeiten und Fehler zu korrigieren. Ich hoffe, dass damit nicht nur die großen Fehler wie im Fall von Claas Relotius gemeint sind, sondern auch die vielen kleinen. Denn wer wirklich jeden Fehler korrigiert, der hat zu tun und wird bald merken, wie sehr sich Faktenchecks vor der Veröffentlichung lohnen.

Die Moral von der Geschichte: Wer sich von schlampig recherchierten, irreführenden und falschen Informationen abheben will, muss heute begründen, was er besser macht.

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