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Mäders Moralfragen: Filterblasen sind programmiert

Zeitungen und Magazine können ihre Leser überraschen und auf neue Gedanken bringen. Mit den sozialen Medien geht diese Funktion leider verloren.
In einer Blase ist man geschützt, aber einsamLaden...

Als ich kürzlich am Heidelberger Institut für Theoretische Studien einen Vortrag über die Zukunft des Journalismus hielt, beschworen gleich mehrere Zuhörer die Medien aus der guten alten Zeit: Wenn man Zeitungen oder Magazine liest, stolpert man immer wieder unversehens über Geschichten, die einen berühren oder bereichern, obwohl man nicht damit gerechnet hat. Der Beitrag passt zwar nicht zur eigenen Weltsicht oder er behandelt ein Thema, für das man sich eigentlich nicht interessiert – trotzdem hat man ihn mit Gewinn gelesen. Ich kenne dieses Gefühl der angenehmen Überraschung und schätze es.

In meinem Vortrag hatte ich jedoch vorausgesagt, dass sich die Medien spezialisieren werden. Journalisten kommen dann vielleicht schon während der Recherche mit fachlich interessierten Lesern ins Gespräch. Gleichgesinnte bleiben unter sich, und die Berichte sind detaillierter, als es in Massenmedien möglich wäre. Diese Entwicklung würde die öffentliche Debatte in Teildiskurse aufspalten – in lauter stabile Filterblasen. Meine Zuhörer wollten aber wissen, wie man in dieser Zukunft den gesellschaftlichen Austausch über Interessensgebiete hinweg gewährleisten kann. Können Massenmedien weiterhin die Themen setzen, über die alle reden – und können sie ihre Leser zumindest gelegentlich dazu bringen, sich mit anderen Ansichten und Problemen auseinanderzusetzen?

Das Problem kam mit Facebook und Google

Meine spontane Antwort war, dass es auch in Zukunft digitale Massenmedien geben wird. Bloß nicht mehr so viele wie heute, vielleicht sogar nur einige wenige, weil der Markt für aktuellen Onlinejournalismus wegen der geringen Anzeigenerlöse klein ist. Diese Medien werden in erster Linie Breaking News verbreiten. Aber das reichte meinen Zuhörern nicht aus – zu Recht, denke ich. Die Konfrontation mit anderen Perspektiven würde verloren gehen, wenn sich die Berichterstattung in Spezialdiskurse aufteilt. Bloß fällt mir keine beruhigende Antwort ein. Ich befürchte, dass im digitalen Journalismus die Filterblasen tatsächlich programmiert sind.

Natürlich gilt das nicht so allgemein, wie ich es gerade formuliert habe. Wenn man online immer dieselbe Nachrichtenseite ansteuert, sie vielleicht sogar als Startseite installiert hat, dann unterscheidet sich diese Situation nicht so sehr von der guten alten Zeit. Auch eine Nachrichten-App, die man regelmäßig öffnet, kann so wirken wie ein Zeitungsabo. Das Problem entsteht erst mit den sozialen Netzwerken und Suchmaschinen – und die übernehmen inzwischen einen guten Teil der Distribution journalistischer Inhalte.

Vor allem Facebook und Google versorgen die Nutzer mit Nachrichten und Analysen. Sie machen es Journalisten nicht gerade einfach, wichtige Themen so in Szene zu setzen, wie es in Printprodukten möglich ist: Das Format der Posts oder Treffer lässt sich kaum verändern, alle Artikel sehen gleich aus. Und am Ende stolpert der Nutzer vielleicht nicht einmal über das journalistische Werk, weil der Algorithmus berechnet hat, es sei nicht interessant genug. Journalisten bemühen sich zwar, ihre Beiträge an die Kriterien der Netzwerke und Suchmaschinen anzupassen, denn sie wollen schließlich gelesen werden. Doch sie kämpfen gegen Windmühlen, weil die digitale Welt auf Vielfalt ausgelegt ist und nicht auf Fokussierung.

Das Beste des Internets

Dass es ein Leser mit einem Text versucht, dessen Thema oder These ihn eigentlich irritiert, setzt Vertrauen voraus. Man muss sich einem Medium oder einer Redaktion schon sehr verbunden fühlen, um Zeit in einen Artikel zu investieren, den man nicht richtig einschätzen kann. Eine solche Bindung ist in sozialen Netzwerken selten – und das aus gutem Grund: warum sich auf ein Medium beschränken, wenn man das Beste aus allen haben kann? Das Internet bietet Zugang zu sehr vielen Quellen, die vorher schwer zu erreichen waren. Um Ordnung hineinzubringen, werten soziale Netzwerke das Verhalten der Nutzer und die Empfehlungen ihrer Freunde aus und leiten daraus Empfehlungen ab. Dadurch entstehen die Filterblasen. Und die Kehrseite der freien Auswahl ist, dass man kaum noch eine Gelegenheit und kaum noch einen Grund hat, Beiträge aus anderen Filterblasen zu lesen.

Aber vielleicht kommt es ja nicht so, wie ich in meinem Vortrag vorausgesagt habe. Vielleicht bemerken die Menschen, dass es gar nicht so leicht ist, das wirklich Beste des Internets zu finden. Man bekommt nur das Beste der eigenen Filterblase präsentiert. Außerdem strengt die freie Auswahl an, und es tut gut, etwas zu haben, auf das man vertrauen kann. So geht es jedenfalls mir: Weil mein alter Kassettenrekorder mit Radioteil langsam seinen Geist aufgibt, habe ich mir für die Küche ein Internetradio gekauft. Und was höre ich jetzt, da ich alle Sender der Welt hören kann? Deutschlandfunk.

Die Moral von der Geschichte: Die sozialen Netzwerke sind nicht erfunden worden, um Journalisten die Arbeit zu erleichtern.

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