Direkt zum Inhalt

Angemerkt: Männlich! Markant! Ins Gedächtnis gebrannt?

Der Tag der Entscheidung naht: Wenn alles nach den Vorstellungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder geht, wird am 18. September neu gewählt. Im Duell stehen Schröder versus Merkel und Westerwelle gegen Fischer. Haben Sie sich schon auf einen Favoriten festgelegt und wenn ja, warum?
Daniel LingenhöhlLaden...
Mal ehrlich: Wen würden Sie wählen? Den hoch gewachsenen, dunkelhaarigen und graumelierten Mann mit dem wetter- und altersgegerbten Gesicht, aus dem Lebenserfahrung und Weisheit spricht? Oder doch eher seinen Kontrahenten mit den großen Augen, den weichen und runden Gesichtszügen, der Stupsnase und dem kleinen Kinn, der Sie eher an Ihren Nachwuchs im Kleinkindalter erinnert? Frauen als Kandidatenkonkurrenz lassen wir an dieser Stelle der Einfachheit halber mal ganz unemanzipatorisch beiseite, gelten sie im Gedöns der männerbündischen Politik im direkten Vergleich ohnehin als nicht durchsetzungsstark genug – bestimmte Ausnahmen bestätigen da doch nur diese Regel.

Nun, es mag sein, dass der Bewerber mit den Riesenbabyzügen Ihre Mutter- oder auch Vaterinstinkte weckt, aber in einer reinen Personenwahl würden Sie ihm nicht die Geschicke Ihrer Stadt oder Ihres Landes anvertrauen wollen – zu unreif, schwach und naiv wirkt er. Ganz anders sein Gegner: Sicher tritt er auf, reif und erfahren, kompetent – genau der Mann, dem Sie durch Wirtschaftskrisen, Energiekrisen, Verfassungskrisen, Währungs- und sonstige Krisen folgen wollen. Das glauben Sie jetzt nicht? Aber genau das ist der Tenor einer Studie von Alexander Todorov und Kollegen von der Princeton-Universität, die sich den Auswahlkriterien mündiger Bürger der letzten Senatswahlen Amerikas unter psychologischen Blickpunkten angenähert hat.

Dazu legten sie Wählern nur je eine Sekunde die Bilder von konkurrierenden Politikern anderer Bundesstaaten vor, sodass sie überwiegend größeres Wissen der Befragten über die Kandidaten ausschließen konnten. Und siehe da: In mehr als zwei Drittel aller Fälle entschieden sich die Befragten für den Kontrahenten, der tatsächlich gewonnen hatte und dem sie aus rein optischen Beweggründen – ein markantes Gesicht – höhere Kompetenz zugetraut hatten. Selbst die erfolgreichen Präsidenten Kennedy und Reagan verloren bei den Testpersonen spürbar an Dominanz, Stärke und Gerissenheit, als die Forscher ihnen künstlich weichere Züge angedeihen ließen.

Natürlich könnten Sie jetzt sagen: Typisch Amis, wählen lieber einen – vielleicht eher mittelmäßigen – Cowboy-Darsteller mit zerfurchtem Gesicht oder ein braun gebranntes Muskelpaket mit steirischem Akzent und kantigem Kinn als den jung-dynamischen Anwalt mit Harvard-Abschluss, den weichen Gesichtszügen und der etwas zu hohen Stimme, der sich als engagierter Verbraucheranwalt einen Namen gemacht hat. Wo dermaßen nach dem Äußeren geurteilt wird, wen wundert es, dass der Bundesbürger die Politik seines mächtigen Verbündeten nicht mehr versteht?

Und ebenso könnten Sie anmerken, dass auch dies – wie jene seltsamen, immerzu fehleranfälligen Zählmaschinen – eine Besonderheit des amerikanischen Wahlsystems ist, wo die beiden großen Parteien eigentlich nur die Plattformen ihrer Bewerber darstellen, die sich in den Countys, Distrikten und Bundesstaaten immer zum Duell Mann gegen Mann gegenüber stehen. In Deutschland aber, da geht das doch gar nicht so einfach; hier wird ein großer Teil der Mandate schließlich über Parteilisten vergeben. Ach, und die Direktkandidaten werden ebenfalls eher wegen ihrer Couleur gewählt als wegen ihres Äußeren. Oder wie sonst ist es zu verstehen, dass ganz Bayern mit Ausnahme einer kleinen roten Enklave nur Schwarze (im politischen Sinne) in den Bundestag geschickt hat, obwohl es dort ebenso kantige Sozis gibt?

An dieser Stelle ist nun aber Vorsicht angebracht, denn bestimmte psychologische Regeln der subtilen – benennen wir es ruhig – Wählertäuschung gelten hierzulande natürlich genauso, und den Wahlkampfmanagern ist dies sehr bewusst. Erinnert sei an dieser Stelle etwa an die Fernsehdiskussion zwischen Kanzler Schröder und Herausforderer Stoiber vor der letzten Wahl: Der im Größenvergleich benachteiligte Schröder durfte sich hinter seinem Pult auf ein Podest stellen, um dem körperlich größeren Stoiber nicht schon optisch zu unterliegen. Was hätte das auch für einen Eindruck hinterlassen?

Wahlentscheidungen rein über äußerliche Merkmale sind allerdings bedenklich: Denn in einem politischen Umfeld, das immer mehr auf öffentliche Aufmerksamkeit schielt und auf möglichst eloquente Kandidaten, sind Parteien schnell geneigt, auf Schein statt auf Sein zu setzen. Nicht anders ist die Aussage von Kanzler Schröder zu bewerten, er brauche zum Regieren nur die Glotze, Bild und Bild am Sonntag, ebenso wie die Gerichtsposse um sein gefärbtes oder naturdunkles Haupthaar. Gleiches gilt natürlich für Guido Westerwelles 18-prozentigen Auftritt im Big-Brother-Container oder Polemik-Sprechblasen von CSU-Generalsekretär Markus Söder und anderen. Ist der Inhalt egal und die Hauptsache, dass ein Politiker im Gespräch bleibt?

Indes treffen diese Politiker auf ein Wahlvolk, das sich – wenn es sich nicht ohnehin aus Verärgerung der Stimme enthält – zunehmend von Optik und medialer Präsenz leiten, zum Teil sogar blenden lässt, als sich eingehender mit der Programmatik der Partei oder des Kandidaten zu beschäftigen. Schnell bleiben da stillere oder – siehe oben – jüngere Politiker auf der Strecke, die ein Land aber für seine Zukunft ebenfalls dringend benötigt. Am 18. September wäre nun eine gute Gelegenheit, die Psychologen zu widerlegen.
10.06.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.06.2005

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos