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Maskenpflicht: Draußen kann man auf Masken verzichten

Dank niedriger Fallzahlen müssen wir nicht mehr überall Maske tragen. Doch die Maskenpflicht abzuschaffen, wäre angesichts neuer Virusvarianten ein Fehler, kommentiert Lars Fischer.
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Die aktuelle Diskussion um die Maskenpflicht ist sinnvoll. Angesichts steigender Impfquoten und sinkender Corona-Fallzahlen sind die derzeitigen Einschränkungen zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Doch die sinkenden Fallzahlen vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, das nur zum Teil berechtigt ist. Wenn die Pandemie eins gezeigt hat, dann dass auch aus niedrigen Inzidenzen binnen weniger Wochen wieder sehr hohe werden können, wenn man nicht aufpasst.

Das Virus ist global betrachtet keineswegs auf dem Rückzug, im Gegenteil ist es auf Grund der nach jetziger Kenntnis noch einmal deutlich ansteckenderen Delta-Variante gefährlicher denn je. Die trotz hoher Impfquote wieder steigenden Fallzahlen in Großbritannien sind eine deutliche Warnung. Es ist aber auch richtig, dass mehrere Faktoren, wie zum Beispiel eben die Impfungen, das Leben mit dem Virus erleichtern.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Gerade wegen dieses durchaus widersprüchlichen Lagebilds sollte man in der Diskussion um den Mund-Nasen-Schutz nicht den Fehler machen, bloß über diese oder jene Aufhebung der Maskenpflicht zu verhandeln. Entscheidend ist vielmehr die Abwägung, welche Schutzmaßnahmen und rechtliche Vorgaben den größten Effekt auf die Eindämmung des Virus haben und wo das angestrebte Ergebnis den Aufwand nicht rechtfertigt.

Deswegen sollten wir uns weiter mit der Frage beschäftigen, wann und wie wir uns effektiv vor dem Virus und seinen Varianten schützen. Das in den vergangenen Monaten gewonnene Wissen kann helfen, Schutzmaßnahmen passend zu gestalten und so Freiheiten zurückzugewinnen. Man sollte es dazu aber sinnvoll anwenden, statt nur genehme Aspekte herauszupicken, um damit politisch Punkte zu machen.

Wo Masken verzichtbar sind

Tatsache ist, dass korrekt sitzende Masken eines der wichtigsten Mittel sind, um das Virus zu stoppen. Das haben sowohl Erfahrungen wie jene zu Beginn der Pandemie in Jena überzeugend demonstriert, als auch zahlreiche Studien aus diversen Ländern. Dieses Instrument sollten wir also weiterhin griffbereit halten; manche Fachleute raten sogar, die Maskenpflicht erst als Allerletztes abzuschaffen.

Allerdings gibt es andererseits Situationen, in denen Masken dieser Tage kaum noch einen Gewinn bringen. Im Freien ist das Risiko, sich anzustecken, beispielsweise weit geringer als in Innenräumen, wie viele Studien zeigen. Außerhalb geschlossener Räume hat es das Virus schwer, das liegt an seinem wichtigsten Übertragungsweg, den Aerosolen. An der frischen Luft verwehen die lange in der Luft schwebenden, mit Viren beladenen Speichel- und Schleimtropfen, bevor sie sich zu gefährlichen Konzentrationen anreichern. Ein weiterer Faktor ist mutmaßlich, dass die UV-Strahlung unter freiem Himmel nicht nur bräunt, sondern auch Viren zerstört.

Ein Problem sind vor allem größere Tröpfchen, von denen bereits wenige genug Viren für eine Ansteckung tragen. Doch die fallen schnell zu Boden. Und damit reicht es nahezu immer, weiterhin ein wenig Abstand zu halten, um eine Ansteckung extrem unwahrscheinlich zu machen. Im Freien kann man daher guten Gewissens auf Masken verzichten, wenn man eben ein wenig darauf achtet, die Köpfe nicht zusammenzustecken.

Die Impfungen tragen zusätzlich zur Sicherheit bei. Der steigende Anteil geimpfter Personen macht die Gesellschaft für das Virus zu einem immer komplizierteren Hindernisparcours, der es ihm immer schwerer macht, sich auszubreiten. Und auch wenn die Impfungen nicht perfekt vor Infektionen schützen und einige Varianten mehr Geimpfte anstecken können – der Parcours wird auf Monate hinaus immer anspruchsvoller.

Gleichzeitig bleiben die guten Argumente, überall wo sich Aerosole anreichern können, weiterhin Masken zu tragen. Denn zum Beispiel in Innenräumen findet immer noch der Großteil der Ansteckungen statt. Unser Verhalten dort bestimmt darüber, ob das Virus in einer weiteren Welle zurückkommt, bevor die Impfkampagne es hinreichend stark bremst.

Jetzt erst recht!

Es ist deswegen vernünftig, wenn die Politikerinnen und Politiker weiterhin sinnvolle Schutzmaßnahmen für Orte vorschreiben, an denen wegen der gegebenen Bedingungen mit höheren Ansteckungsrisiken zu rechnen ist. Das betrifft besonders Umgebungen, die Menschen nicht einfach meiden können, wie zum Beispiel den Arbeitsplatz oder die Schule. Wo das Virus sich auch bei niedrigen Fallzahlen halten kann, sollte gelten: jetzt erst recht!

Genauso sinnvoll ist es, Bereiche niedrigeren Risikos wieder freizugeben und den Infektionsschutz den Bürgerinnen und Bürgern selbst zu überlassen. Denn das hat die Pandemie gezeigt: Individuelles Verhalten ist oft mindestens ebenso entscheidend wie staatliche Regelungen. Auch in Deutschland hat ein vernünftiges Verhalten der Bevölkerung das Virus bereits ausgebremst, als die Politik trotz steigender Fallzahlen noch zögerte.

Solch zweigeteilte Strategie mit einerseits entschiedenen Maßnahmen dort, wo es wirklich zählt, und viel individueller Entscheidungsfreiheit andererseits, wäre ein sinnvolles Ergebnis nicht nur der Debatte um die Maskenpflicht. Eine wesentliche Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass man diese persönliche Verantwortung jenseits von Ver- und Geboten auch klar kommuniziert.

Die Versuchung mag groß sein, die Pandemie – oder zumindest die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen – wegen fortschreitender Impfkampagnen und der niedrigen Inzidenzen für beendet zu erklären. Genau das aber wäre falsch. Denn noch sind zu viele Menschen hervorragende Wirte für das Virus. Neben der Diskussion über konkrete Vorschriften sollte sich also jeder und jede fragen, wo man sich und andere weiter mit Abstand und Mund-Nasen-Bedeckungen schützt. Und zwar individuell, ganz unabhängig davon, ob die Politik eine Maskenpflicht nun vorgibt oder nicht.

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