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Seuchen: Meinung: HIV heilen reicht nicht

Das neue gentechnische Verfahren gegen HIV ist ein wichtiger Fortschritt. Aber Seuchen werden nicht allein im Labor besiegt, kommentiert Lars Fischer.
Forscherin mit MikroskopLaden...

Gute Nachrichten aus der Forschung nehmen wir gerne, besonders wenn es um HIV geht. Eine neue gentechnische Methode geht jenen Verstecktrick an, durch den die HIV-Infektion derzeit unheilbar ist: Ein künstliches Protein schneidet das Virus aus dem Erbgut der Zellen, dem Reservoir, in dem der Erreger vor Medikamenten und Immunsystem sicher ist und aus dem er immer wieder hervorkommt.

Der Erfolg darf aber nicht über eine grundlegende Tatsache hinwegtäuschen: Ein bisschen Gentechnik wird bei Weitem nicht reichen, um die Pandemie zu stoppen. Die Seuche ist ein wenig aus dem Blick geraten angesichts aktuellerer Bedrohungen wie Ebola, doch mit derzeit 37 Millionen Infizierten und etwa zwei Millionen Neuansteckungen pro Jahr ist das Virus nach wie vor eine Heimsuchung, die sich auch der geschulten Vorstellungskraft entzieht. Dass die Infektion nicht heilbar ist, verschärft das Problem: Selbst im günstigsten Fall bleiben die Opfer ihr Leben lang abhängig von den Medikamenten.

Ob das neue Verfahren der deutschen Forschungskooperation dieses Problem tatsächlich lösen wird, daran sind Zweifel erlaubt. Doch jahrzehntelange Erfahrung lehrt, dass HIV nur mit gleichzeitigen Angriffen aus verschiedenen Richtungen beizukommen sein wird, und zweifellos werden auch Ansätze wie dieser bei zukünftigen Kombinationstherapien eine Rolle spielen. Insofern macht die Meldung aus Dresden und Hamburg Hoffnung.

Man darf jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass das medizinische Problem nur ein Teil der Herausforderung HIV ist. Das zeigt eine weitere Zahl: Von den 37 Millionen Infizierten weltweit bekommen nur 15 Millionen die nötigen Medikamente, um die Krankheit in Schach zu halten. Und Kondome schützen zwar – doch viel zu wenig, speziell in den gefährdetsten Bevölkerungsgruppen. Welcher Aufwand nötig sein wird, die HIV-Pandemie tatsächlich zu beenden, zeigt die internationale Kampagne gegen Polio, die trotz vorhandenem Impfstoff ihrem vierten Jahrzehnt entgegensieht.

Medizinische Fortschritte sind nur ein Schauplatz im Kampf gegen die großen Seuchen der Menschheit. HIV versteckt sich nicht nur im Genom Infizierter, sondern viel mehr noch hinter Armut, fehlender Infrastruktur und politischer Unsicherheit. Erfolge im Labor sind nur halb so viel wert, so lange hunderte Millionen Menschen keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung haben.

08/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08/2016

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