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Masern in Berlin: Meinung: Impfen ist eine soziale Entscheidung

Nachdem in Berlin ein Kleinkind an Masern gestorben ist, wird in Deutschland über die Einführung einer Impfpflicht diskutiert. Die Psychologin Cornelia Betsch erklärt, warum manche Menschen Impfungen ablehnen – und warum es helfen könnte, den gesellschaftlichen Nutzen stärker zu betonen.
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Nicht immer ist Impfmüdigkeit der Grund dafür, dass Menschen sich nicht ausreichend impfen lassen. Viel häufiger ist wahrscheinlich einfach der Alltag Schuld daran – so wird die zweite Masernimpfung, die man für einen optimalen Schutz braucht, oft schlicht und einfach vergessen. Doch was steckt psychologisch gesehen dahinter, wenn Menschen sich tatsächlich bewusst gegen eine Impfung entscheiden oder sie einfach, solange es geht, aufschieben?

Wir haben bereits jetzt in Deutschland hohe – aber nicht ausreichend hohe! – Impfquoten. Doch gerade das ist vielleicht paradoxerweise ein Grund für die Impfmüdigkeit, weil die entsprechenden Krankheiten kaum noch auftreten. Manche Menschen haben daher mehr Angst vor der Immunisierung als vor den Erkrankungen an sich.

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Cornelia Betsch | Cornelia Betsch ist Psychologin, wissenschaftliche Leiterin des Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences (CEREB) an der Universität Erfurt und Mitgründerin des Netzwerks GENIA |Gesundheitsforschung – Erfurter Netzwerk für interdisziplinären Austausch.

Unser Verhalten wird oft eher von unseren Gefühlen geleitet als von unserem Wissen. So wissen wir beispielsweise genau, dass Spinnen für die Natur nützlich sind, aber bei ihrem Anblick haben viele Menschen sofort ein sehr intensives negatives Gefühl. Dann transportieren wir die Spinne nach draußen – oder ins Jenseits. Genauso gut kennen wir den Nutzen von Impfungen, aber Verschiedenes hat vielleicht dazu geführt, dass wir mit einem mulmigen Gefühl an sie denken. Dann zögern wir sie lange hinaus oder entscheiden uns bewusst dagegen.

Dass sich Impfskepsis entwickelt, kann an Mythen liegen, die Angst machen, wie etwa die falsche Annahme, dass Impfen zu Allergien führt. Wenn Ihnen zum Beispiel Ihr Heilpraktiker sagt, alle Kinder, die mit Allergien zu ihm kommen, seien geimpft gewesen, dann ist das wahrscheinlich eine korrekte Wahrnehmung. Daraus lässt sich aber nicht der Schluss ableiten, dass Impfen ursächlich zu diesen Allergien führt. Was nämlich meist vergessen wird, ist, dass dies nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Realität ist. Wie viele Kinder geimpft sind und keine Allergie haben, wird vernachlässigt, ebenso wie die Frage, wie viele Ungeimpfte an Allergien leiden und wie viele nicht. Zahlreiche Studien, die sich alle diese Aspekte anschauen, haben übrigens gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien gibt.

Impfkritische Internetseiten senken die Impfbereitschaft

Sucht man im Internet nach Informationen, findet man sehr schnell impfkritische Websites. Wir haben in Studien gezeigt, dass schon eine sehr kurze Suche von fünf bis zehn Minuten auf solchen Internetseiten dazu führen kann, dass die Bereitschaft zur Impfung deutlich sinkt. Denn häufig stößt man auf solchen Internetseiten auch auf Foren, in denen Eltern sehr persönliche und emotionale Geschichten darüber erzählen, was aus ihrer Sicht nach der Immunisierung ihrer Kinder passiert ist. Diese Geschichten berichten meist nicht von anerkannten Impfschäden, die nur sehr selten auftreten, führen aber unweigerlich dazu, dass die Risikowahrnehmung steigt – umso stärker, je mehr solcher Geschichten wir lesen.

Doch warum beschäftigen wir uns überhaupt so ausgiebig mit ungeprüften Berichten irgendwelcher anderer Eltern? Weil sie normale Menschen wie wir selbst sind, denen wir keine Hintergedanken unterstellen. Das macht sie vertrauenswürdig. Hinzu kommt, dass wir uns stets erst einmal danach umschauen, was die anderen tun, wenn wir uns mit Risiken konfrontiert sehen. Wir probieren nicht gleich selbst aus, was wir für vermeintlich gefährlich halten.

Die Geschichten, die wir möglicherweise im Internet oder in Büchern finden, haben einen ganz anderen Appeal als Statistiken über Nebenwirkungen – die wirken dagegen eher fade, und die geringen Wahrscheinlichkeiten, die damit transportiert werden, können wir ohnehin schlecht verarbeiten. Wenn wir aber einzelne Schicksale rausgreifen und beschreiben, dann bekommen sie ein Gesicht und wirken stärker als die Statistik – das passiert gerade auch bei dem tragischen Tod des kleinen Jungen in Berlin.

Impfungen sind ein Eingriff in einen gesunden Körper. Daher sind wir besonders vorsichtig und akzeptieren kaum Nebenwirkungen. Zudem sind wir extrem sensibel dafür, wenn uns berichtet wird, dass ein Risiko existiert – es interessiert uns eher, wenn jemand behauptet, Impfen ist vielleicht gefährlich, als wenn jemand berichtet, dass Impfen sicher ist. Das hat evolutionsbiologische Wurzeln. Erzählt jemand, hinter dem Felsen lauert ein Bär, ist man gut damit beraten, auf ihn zu hören. Ein Fehlalarm kostet nicht das Leben – ein Bär vielleicht schon. Entsprechend verarbeiten wir solche Informationen ganz anders.

Fieber nach der Impfung ist schlimmer

Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Menschen Symptome wie beispielsweise Fieber nach einer Impfung oft als schlimmer einschätzen, als wenn sie im Rahmen einer Krankheit auftreten. Wird ein Kind krank, ist das Schicksal. Treten die Symptome jedoch nach einer Impfung auf, bin ich als Elternteil schuld daran, denn ich habe mich für die Immunisierung entschieden.

Für viele Menschen sind die entsprechenden Krankheiten nicht mehr präsent, sehr wohl aber die Berichte über Nebenwirkungen. Was macht es also, wenn man nicht geimpft ist? Man ist ja trotzdem geschützt – durch das, was sich Herdenimmunität nennt. Sind genug Schäfchen geimpft, sind die paar Ungeimpften außer Gefahr, da das Virus sich nicht mehr ausbreiten kann. Das funktioniert aber nur, solange genug andere geimpft sind.

Studien zeigen, dass wir sensibel sind für das Ausmaß, in dem andere geimpft sind. Sind es noch zu wenige? Sind es vielleicht genug? Besonders Menschen, die eher den eigenen als den kollektiven Nutzen im Blick haben, neigen dazu, nur dann zu impfen, wenn es für das eigene Wohl wichtig ist und genießen auch mal den Schutz der Herde, ohne selbst zum Gemeinwohl beizutragen. Das zeigt, dass Impfen auch eine soziale Entscheidung ist. Meiner Meinung nach sollte dies viel stärker kommuniziert werden. Aus Studien wissen wir, dass dann das Trittbrettfahrertum, also das Verlassen auf die anderen, abnimmt. Wenn Menschen zudem erkennen, dass sie durch ihre Impfung zu einem gemeinsamen Ziel – nämlich der Elimination der Masern – beitragen können, sind sie noch eher dazu bereit, sich und ihre Kinder impfen zu lassen.

Wenn wir also nicht einfach das tun, was der Arzt uns rät, kann die Impfentscheidung ein Zusammenspiel aus individueller Kosten-Nutzen-Abwägung und einer Entscheidung für gesellschaftlich verantwortungsvolles Handeln sein. Die meisten Eltern entscheiden sich für eine Impfung. Um zu verhindern, dass Impfen im Alltag untergeht, sollte es vielleicht wieder automatischer ohne das Zutun der arbeitenden, oftmals ohnehin schon zeitlich und organisatorisch überlasteten Eltern passieren.

Vielleicht wäre eine gute Alternative zur momentan viel diskutierten Impfpflicht eine Stärkung der Gesundheitsämter – diese könnten dann wieder in Kindergärten und Schulen impfen. Zuständige Stellen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müssen mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um ihrem Aufklärungsauftrag nachgehen zu können. Es bedarf eines vernünftigen Informationsangebots für Eltern und Ärzte im Rahmen der Pflichtberatung vor dem Kita-Eintritt: Nur so wird die Informationspflicht über das Impfen ein Erfolg. Fragen, Ängste und Unbehagen der Eltern müssen immer ernst genommen werden.

8. KW 2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 8. KW 2015

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