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Tod von Robin Williams: Meinung: Kein Fall für Moralwächter

Wer Selbstmördern "Egoismus" vorwirft, weiß nicht, wovon er spricht.
Steve Ayan

Jetzt haben auch die US-Amerikaner ihren "Fall Enke". So wie der Tod des deutschen Fußballtorwarts und Nationalspielers Ende 2009 eine gesellschaftliche Debatte über Depression und Suizid auslöste, rückt dieses unheilige Duo nun auch in den USA in den öffentlichen Fokus. Denn der oscarprämierte Schauspieler und Komiker Robin Williams hat sich im Alter von 63 Jahren in seinem Haus in Kalifornien das Leben genommen.

Er ist damit einer von geschätzt 30 000 US-Bürgern jährlich, die Suizid begehen. Doch anders als die Trauer um Enke vor fünf Jahren löst Williams Verzweiflungstat nun offenbar eine Diskussion über die Rücksichtslosigkeit von Selbstmördern aus. So als könnte man von Depressiven erwarten, dass sie wenigstens anderen zuliebe am Leben blieben!

Dieser "Egoismus-Streit" in Sachen Suizid krankt nicht nur daran, dass Egoismus auf Vorteile abzielt – der eigene Tod wäre doch ein sonderbarer Vorteil. Vor allem erscheint solches Moralisieren über leidende Menschen, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich selbst zu richten, fehl am Platz. Depression ist eine schwere psychische Erkrankung (die verbreitetste überhaupt) und lässt sich niemandem zur Last legen. Die Betroffenen sind weder "selbst schuld" noch können sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

So verständlich es sein mag, dass Angehörige oft auch Wut gegenüber dem Selbstmörder verspüren, der sich nicht helfen lassen wollte, seine Absichten verheimlichte und sie einfach sitzen ließ – und so schlimm es für unbeteiligte Zeugen solcher Taten sein kann, mit Suiziden konfrontiert oder davon sogar traumatisiert zu werden: Die Handlungen von Depressiven sollten nicht Gegenstand moralischer Urteile sein. Das ist ein Relikt aus alten Zeiten, in denen Selbstmörder verfemt wurden, um ihre Zahl durch Zwang statt durch Vernunft und Anteilnahme einzudämmen.

Uns das vor Augen zu führen und dazu beizutragen, dass den Betroffenen besser und schneller geholfen wird, wäre wenigstens ein Gutes, das Williams’ Tod haben könnte. Erhobene Zeigefinger nach dem Motto "Selbstmörder tun Böses" sind das Letzte, was wir brauchen.

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