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Medizinische Hilfe: Meinung: Schafft ein, zwei, viele Gesundheitssysteme

Krankheiten bekämpfen reicht nicht - medizinische Hilfe für arme Länder muss auch die Infrastruktur stärken, kommentiert Lars Fischer.
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Bis zu 68-fach teurer seien die Basisimpfungen für arme Länder seit 2001 geworden, beklagt sich die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die medizinische Hilfe in Krisengebieten leistet. Dadurch stehe sogar in Zweifel, ob sich Impfkampagnen in Zukunft noch in gewohntem Maß durchführen lassen. Aber an der Debatte um bezahlbare Impfstoffe zeigt sich auch ein grundlegendes Problem: Die Mischung aus Nothilfe und WHO-Kampagnen, mit denen derzeit die Gesundheitssysteme der ärmsten Länder der Welt unterstützt werden, ist nicht mehr zeitgemäß.

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Lars Fischer | Lars Fischer ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur bei "Spektrum.de".

In der Vergangenheit haben Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation, die Impfallianz GAVI und eben Ärzte ohne Grenzen durch Impfkampagnen und andere medizinische Nothilfe Millionen Menschen das Leben gerettet. Die Pocken sind ausgerottet, Polio ist nahezu verschwunden, die Sterblichkeit durch Malaria seit der Jahrtausendwende auf die Hälfte gesunken. Doch die Erfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses System grundsätzliche Mängel hat.

Wenig Ressourcen, wenig Macht

Ein Problem sind die knappen Ressourcen und – von Ärzte ohne Grenzen ausführlich beschrieben – die Abhängigkeit der Helfer von den Gegebenheiten des Marktes. Gemessen an ihrer Aufgabe ist die Weltgesundheitsorganisation drastisch unterfinanziert und in vielen Fällen auf Industriespenden angewiesen – die meisten Hilfsorganisationen sind sogar privat und spendenfinanziert. Das führt zum nächsten, größeren Problem, der fehlenden Nachhaltigkeit. Der gesundheitliche Nutzen von Kampagnen wie der gegen Polio oder auch Initiativen wie "Roll Back Malaria" ist unbestritten, aber sie schaffen nur vergleichsweise wenig dauerhafte Strukturen wie Kliniken und medizinische Ausbildungseinrichtungen.

Welche Folgen das hat, führt die aktuelle Ebolaepidemie drastisch vor Augen: Die Gesundheitssysteme der betroffenen Länder sind schnell zusammengebrochen, sie hatten der Seuche nichts entgegenzusetzen. Zwar wurden dank internationaler Hilfe dann Ebolabehandlungszentren geschaffen – doch wer eine andere Krankheit hat, guckt in vielen Teilen des Seuchengebiets bis heute in die Röhre. Angesichts der Krankheitslast in diesen ärmsten Ländern der Welt eine unterschätzte Katastrophe aus eigenem Recht.

Die Lehren von Ebola

Die Kostenkrise bei den Impfungen zeigt: Man kann die medizinische Versorgung in armen Ländern nicht mehr den privaten Organisationen aufbürden. Sie können weder finanziell noch organisatorisch leisten, worauf es in Zukunft ankommt, nämlich die Gesundheitssysteme selbst zu stärken. Dazu gehören nicht nur gut ausgerüstete Kliniken, sondern auch erhebliche Investitionen in die medizinische Ausbildung. Statt punktueller Kampagnen brauchen gerade die ärmsten Länder Unterstützung beim Aufbau ihrer Infrastruktur in der Fläche – und bei der dauerhaften Finanzierung medizinischer Arbeit.

Auch die WHO in ihrer heutigen Form kann das nicht leisten. Gefragt sind die Staaten, insbesondere die reichen Industrienationen – von ihnen müssen die politische Rückendeckung und die Finanzierung kommen, und zwar langfristig. Sie haben nicht nur das Geld, sondern auch die Macht, mit Pharmaindustrie und Impfstoffherstellern auf Augenhöhe zu verhandeln, und nur sie haben die kritische Masse, einen derart weit reichenden Strategiewechsel durchzusetzen. Zumal ein solches Umdenken langfristig zwangsläufig kommen wird. Es sind heutzutage keineswegs nur die armen Nationen, die viel zu verlieren haben: Blicken wir auf die Ebolaepidemie – und stellen uns das gleiche Szenario mit einem echten Pandemieerreger vor. Es ist nur eine Frage der Zeit.

4. KW 2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 4. KW 2015

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