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75 Jahre Penizillin: Meinung: Unser fataler Denkfehler

Antibiotika brauchen eine unterstützende Struktur vergleichbar dem Verkehrssystem, sonst werden wir sie verlieren. Ein Kommentar von Lars Fischer zum 75. Jahrestag der ersten Anwendung von Penizillin.
Multiresistenter KeimLaden...

Alexander Fleming hatte seinen Job nicht zu Ende gemacht. Ein Jahrzehnt lang schlummerte seine Entdeckung, das antibakterielle Molekül Penizillin, in der Literatur. Erst der australische Pathologe Howard Walter Florey und der vor den Deutschen geflohene Chemiker Ernst Boris Chain machten aus Flemings brach liegendem Fund in harter Arbeit eine medizinische Revolution.

Seither sind Penizilline und die bald darauf entdeckten anderen Antibiotikaklassen zum Standardinstrument gegen bakterielle Infektionen geworden. Doch resistente Erreger zeigen immer mehr Wirkstoffen ihre Grenze. Die neue Weltordnung nach Florey und Chain ist fragil – denn auch ihre Arbeit ist nur halb fertig. Die Antibiotika-Revolution muss erst noch vollendet werden, und uns läuft die Zeit davon.

Autobahnen für Antibiotika

Man kann das Problem an einer anderen wegweisenden Erfindung verdeutlichen. Die Erfindung des Automobils allein ist nur ein kleiner Teil unseres heutigen Individualverkehrs. Vielmehr steht es im Zentrum einer gigantischen Infrastruktur, die weit über Fabriken, Straßen und Tankstellen hinausreicht – bis hin zu rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Für Antibiotika gibt es all das nicht, trotz ihrer immensen Bedeutung für die heutige Medizin.

Deswegen sind isolierte Initiativen und Anreize für die Entwicklung neuer Antibiotika auch nur ein kleiner Teil der Lösung unseres Resistenzproblems. Seine eigentliche Ursache ist ein fataler Denkfehler: Was man hat, war bisher die Einstellung, das hat man – und dann kann man es benutzen. Das aber gilt schon nicht für Autos und Straßen, die ständig mit einigem Aufwand gewartet und repariert werden müssen. Antibiotika kämpfen jedoch nicht mit bloßem Verschleiß, sondern gegen die Evolution selbst. Antibiotika, die ja nichts anderes sind als unfreundliche Umweltbedingungen, stehen im Wettlauf mit Bakterien, sich an sie anzupassen. Wer nicht vorwärtskommt, fällt zurück.

Niemand ist zuständig

In unserem medizinischen System hat sich evolutionärer Verschleiß in Besorgnis erregendem Ausmaß angesammelt, denn niemand ist umfassend zuständig für Störungen und Gefahren, die sich im Lauf der Zeit ergeben. Ob das nun unkontrollierter Verkauf von Antibiotika in vielen Teilen der Welt ist, Reserveantibiotika in der Tierzucht oder einfach die seit Jahrzehnten köchelnde Krise bei der Entwicklung neuer Wirkstoffklassen – Strukturen, mit denen solchen Herausforderungen systematisch begegnet werden könnte, gibt es schlicht nicht.

Es ist ein absolut unhaltbarer Zustand, dass die bedeutendste Entwicklung in der Geschichte der Medizin völlig unkontrolliert nach Belieben verbraten wird wie Plastikfolie oder Recyclingpapier. Zum 75. Jahrestag der ersten Anwendung von Flemings Entdeckung zeigt sich mehr denn je, dass die wichtigste Komponente der Antibiotika-Revolution immer noch fehlt: ein straffes internationales System von der Entwicklung neuer Antibiotika bis hin zu ihrer Nutzung und Kontrolle mit einem einzigen Ziel – dass auch noch nach weiteren 75 Jahren zuverlässig funktionierende Nachfolger des Penizillins zur Verfügung stehen.

07/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07/2016

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