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Demokratisierung der Wissenschaft: Meinung: Wie viel Freiheit braucht die Forschung?

Die Demokratisierung der Wissenschaft auf der einen und die Forschungsfreiheit auf der anderen Seite erzeugen zunehmend ein Spannungsfeld. Um dieses Problem zu lösen, brauchen wir einen neuen gesellschaftlichen Dialog, meint Günter Stock.
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Es erscheint paradox, dass die Wissenschaft einerseits bereits seit geraumer Zeit unter Beweis stellt, dass sie den ihr überlassenen Freiraum (also die Autonomie der Wissenschaft) hervorragend zu nutzen weiß, um – und das gilt auch insbesondere für die Universitäten – erhebliche Qualitätsverbesserungen und Ergebnissteigerungen zu erzielen. Anderseits versuchen just zu dieser Zeit die Politik, aber auch große Teile der viel beschworenen Zivilgesellschaft, stärker Einfluss auf die Forschungsagenden zu nehmen und die Autonomie auszuhöhlen.

Dabei hat die Wissenschaft es in den vergangenen Jahren in fast beispielloser Weise gelernt, sich der Gesellschaft gegenüber zu öffnen, ihre Forschungsvorhaben und -ergebnisse in breiter Transparenz zu kommunizieren und zur Diskussion zu stellen. Man könnte jedoch fast meinen, dass die Wissenschaft durch ihre in ihrer freien Verfasstheit gezeigten Erfolge nunmehr genau diese Freiheit zu verlieren droht.

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Günter Stock

Eine Gesellschaft, die zur Zukunftsgestaltung so sehr auf Wissenschaft angewiesen und von wissenschaftlichen Ergebnissen geprägt ist, hat nicht nur den Wunsch, sondern natürlich auch den Anspruch, Wissenschaft mitzugestalten. In der repräsentativen Demokratie einer freien Gesellschaft ist es deswegen selbstverständlich, dass die Politik unter Mitwirkung gesellschaftlich relevanter Gruppen Rahmensetzungen vornimmt und Programme ausschreibt. Die entscheidende Frage ist jedoch, bis zu welchem Detaillierungsgrad solche Programme formuliert werden und vor allem, ob auch Disincentivierung bis hin zu Forschungsverboten vorgesehen sind. Wissenschaftliche Durchbrüche gibt es meist dort, wo man sie nicht erwartet, geschweige denn geplant hat.

An dieser Stelle ist insbesondere die Rolle neuer zivilgesellschaftlicher Gruppierungen zu überprüfen, die vor allem im Bereich der Biologie (etwa im Bezug auf Grüne Gentechnik oder Stammzellforschung) versuchen, erheblichen Einfluss auszuüben – ein Einfluss, dessen Legitimationsbasis durchaus hinterfragt werden kann. Dass solche Bestrebungen unter dem Namen "Demokratisierung der Wissenschaft" verfolgt werden, ist durchaus bemerkenswert.

Gerade auf dem Gebiet der Biomedizin, insbesondere der Gentechnik, erleben wir zurzeit, dass die sehr verdienstvolle Bewegung "Public Science", oder auch "Citizen Science", die sich bislang intensiv und durchaus erfolgreich Naturbeobachtungen gewidmet hat, bestrebt ist, biomedizinische und gentechnologische Experimente auch außerhalb staatlich kontrollierter und zertifizierter Labore durchzuführen – so, als ob gentechnische Experimente keiner besonderen Professionalität bedürften.

Wer dies fordert, verkennt die prinzipielle Offenheit der Ergebnisse biomedizinischer Experimente. Auch dass diese Forderung zu einer Zeit erhoben wird, zu der die staatlichen Auflagen und Kontrollen genau solcher Experimente ein Höchstmaß an Regulierung erfahren haben, erscheint wiederum ein wenig paradox.

Aus diesen unterschiedlichen Beobachtungen ist zu schließen, dass wir in zentralen Fragen der Forschung, der Forschungsförderung, aber auch der Definition von Forschungsfreiheit einen neuen Dialog brauchen, um ein neues Grundverständnis und neue gesellschaftliche Konsense zu entwickeln. Insbesondere erscheint mir die Frage dringlich, wer bei Forschungsfragen die Bürgergesellschaft adäquat vertritt.

14/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2015

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