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Springers Einwürfe: Wenn Plastik vom Himmel regnet

Im Einklang mit der Natur leben – ein schönes Ziel. Doch was, wenn es unberührte Landschaften gar nicht mehr gibt, nicht einmal mehr in Nationalparks?
Aktuelles Mikroplastik aus dem Meer in einem Sieb aus zukünftigem Mikroplastik im Meer. Womit das Problem ganz gut umrissen wird: Es gibt ein Bewusstsein für das Problem, aber nicht dafür, dass es irgendwas mit dem eigenen Verhalten zu tun haben könnte.Laden...

Träumen Sie nicht auch manchmal davon, der Hektik der Stadt zu entfliehen – weit, weit hinaus in die Wildnis? Statt Abgasen und Feinstaub wird dort jeder tiefe Atemzug würzige Berg- oder Seeluft in die Lungenbläschen pumpen, und lächelnd werden Sie das Gesicht in den von Schadstoffen unbelasteten Regen halten.

Wenn Sie unbedingt an diesem schönen Gedanken festhalten möchten, rate ich Ihnen von der Lektüre der Arbeit ab, die ein Team um die Umweltforscherin Janice Brahney von der Utah State University im Juni 2020 veröffentlicht hat. Die Gruppe sammelte in den geschützten Nationalparks im Westen der USA Niederschlagsproben und analysierte sie auf Mikroplastik (Science 368, S. 1257–1260, 2020).

Ist die Energiewende sauber durchgerechnet? Kann die Wissenschaft wirklich die Zukunft voraussagen? Und widerspricht die Quantenphysik sich selbst? In seinen Kommentaren geht der Physiker und Schriftsteller Michael Springer diesen und anderen Fragen am Rande des aktuellen Wissenschaftsgeschehen nach. Seit 2005 erscheint seine Kolumne »Springer Einwürfe« in Spektrum der Wissenschaft.

Gemeint sind Kunststoffteilchen, die kleiner sind als fünf Millimeter. Mikroplastik entsteht, wenn der übliche Kunststoffmüll, wie wir ihn in gelben Säcken sammeln, bewegt wird und sich mit der Zeit von selbst zerkleinert – aber auch, wenn von vornherein winzige Plastikteilchen beim Färben mit der Spritzpistole versprüht, mit Fabrikabgasen in die Luft geblasen oder beim Abwaschen kosmetischer Produkte in den Wasserkreislauf gespült werden. Der Gutteil all dieser Partikel ist nur Millimeterbruchteile groß, also so winzig wie vom Erdboden emporgewirbelter Staub – aber leichter. Mikroplastik lässt sich deshalb besonders bereitwillig vom Winde verwehen.

Das wiederum erklärt, warum Brahneys Mitarbeiter in den weit entfernt von allen US-Ballungszentren gesammelten Staubproben bis zu fünf Prozent synthetische Polymere fanden. Die mikroskopisch kleinen Fädchen und Klümpchen genießen somit eine Freiheit, die nicht bloß über den Wolken grenzenlos sein muss. Wer weiß, fragt Brahneys Gruppe, ob sie überhaupt alle vom amerikanischen Kontinent stammen?

Mikroplastik lässt sich besonders bereitwillig vom Winde verwehen

Jedenfalls rieseln Jahr für Jahr schätzungsweise 1000 Tonnen Kunststoff auf die Naturschutzgebiete der USA herab – ein künstlicher Regen, der in der Summe bis zu 300 Millionen Plastikflaschen gleichkommt. Dabei ist selbst diese gewaltige Menge bloß der lokale Aspekt eines globalen Kreislaufs, bei dem keineswegs nur die Atmosphäre im Spiel ist. Zunächst fielen die riesigen Kunststoffmengen auf, die auf den Ozeanen treiben, später kamen die Tiefsee und Eisberge als Transportwege und Lager ins Bild – und nun macht sich Plastik obendrein in Stäuben und Niederschlägen bemerkbar. 2017 produzierte die Welt 348 Millionen Tonnen Plastik, und die ungeheure Masse steigt jährlich um fünf Prozent. Während Experten streiten, ob eine Kreislaufwirtschaft an Stelle der gängigen Wachstumsökonomie mehr sein kann als eine Öko-Utopie, ist die ungebremste Synthetikschwemme in ihren ökologischen Auswirkungen gewiss auf Dauer unannehmbar.

Die globale Anreicherung von Wasser, Luft und Erde mit künstlichen Stoffen hat Anlass gegeben, unsere Epoche als Anthropozän zu bezeichnen – als ein eigenes, diesmal wesentlich vom Menschen geprägtes Erdzeitalter. Die Kunst wird darin bestehen, alle großtechnisch hergestellten Stoffe möglichst nachhaltig in natürlich-künstliche Kreisläufe zu integrieren – so wie ja umgekehrt eine einst »freie« Ressource wie das Wasser schon längst zum mittels Pumpen, Bewässerungs- und Kläranlagen bewirtschafteten Kunstprodukt wurde. So oder so, als Triumph oder Warnung, erfüllt sich der Spruch des greisen Faust: »Es kann die Spur von meinen Erdetagen / Nicht in Aeonen untergehn.«

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