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Kommentar: Mit Kernkraft durch die Energiewende

Um bis 2045 klimaneutral zu sein, müssen wir uns von fossilen Energien verabschieden. Doch der Ausbau erneuerbarer Energien stockt. Der Atomausstieg könnte sich als folgenschwerer Fehler erweisen, kommentiert Manon Bischoff.
Ein Atomkraftwerk mit Kühltürmen in einer Flussbiegung

Einige Fachleute sprechen bereits von der ersten Krise der Energiewende: Im Vergleich zu Ende 2020 hat sich der Großhandelspreis für an der Börse gehandeltes Erdgas verdreifacht. Glücklicherweise ist der Anstieg für Verbraucher niedriger, doch auch hier machen sich einige Sorgen, welche Auswirkungen ein kalter Winter mit sich bringen könnte. Der Ausstieg aus der Kernkraft könnte solche Probleme in Zukunft verstärken – und sich damit als Fehler herausstellen.

Grund für die Gaskrise ist unter anderem der Klimawandel: Extreme Hitze in Brasilien und China ließen Wasserkraftwerke stillstehen, wodurch die Länder auf Gasreserven zur Stromerzeugung zurückgreifen mussten. Und diese waren durch den ungewöhnlich langen und kalten Winter bereits geleert worden. Glaubt man den Prognosen, so müssen wir uns künftig auf weitere Wetterextreme einstellen – was verheerende Folgen wie die Flutkatastrophe im Juli 2021 haben kann, die allein in Deutschland mehr als 180 Menschenleben forderte. Gerade solche Ereignisse führen uns vor Augen, dass wir dringend gegen den Klimawandel vorgehen müssen.

Angesichts dessen hat die Politik reagiert: Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. In weniger als 25 Jahren dürfen wir also nicht mehr Treibhausgase ausstoßen, als wir aus der Atmosphäre entfernen. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, wird die Elektromobilität vorangetrieben, zudem sollen Neubauten bis 2030 keine Gas- oder Ölheizungen mehr besitzen, sondern durch elektrisch betriebene Wärmepumpen heizen. Und jene Technologien, die sich nicht ohne Weiteres von einer fossilen in eine elektrisch angetriebene Form umwandeln lassen, sollen künftig auf Wasserstoff umgestellt werden – dessen Gewinnung Strom benötigt. Selbst mit einer gesteigerten Energieeffizienz vieler Geräte zeichnet sich in den nächsten Jahren also ein stark wachsender Stromverbrauch ab.

Gleichzeitig sollen Ende 2022 die letzten sechs deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen und bis 2037 keine Kohlekraftwerke mehr betrieben werden. Beide Energiegewinnungsformen sind in der Bevölkerung unbeliebt, weshalb diese Entscheidungen auf positive Reaktionen stießen. Doch allmählich stellt sich die Frage, wie sich die Energieversorgung in Zukunft absichern lässt. Denn momentan kristallisieren sich die Nachteile erneuerbarer Energien immer stärker heraus. Und die Politik erkennt, dass Erdgas keine risikolose Energiequelle ist. Gerade unter diesen Aspekten könnte sich der Ausstieg aus der Kernkraft als Fehler erweisen – sowohl in politischer als auch in ökologischer Hinsicht.

Strom spielt eine wichtige Rolle

Aktuell macht die Stromerzeugung etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland aus, wovon wiederum 77 Prozent aus der Verbrennung von Braun- und Steinkohle stammen. Damit drängt sich die Frage auf, ob ein Kohleausstieg nicht früher gelingen kann. Sollte es – gerade in diesen Zeiten – nicht oberste Priorität sein, sich schnellstmöglich von diesem dreckigen Energieträger zu verabschieden?

Dafür müsste man den fehlenden Anteil natürlich ersetzen. Denn in den kommenden Jahren wird sich der Energieverbrauch nicht verringern – ganz im Gegenteil. Durch den Ausbau der Elektromobilität, die fortschreitende Digitalisierung und die entstehende Wasserstoffwirtschaft wird sich unser Bedarf höchstwahrscheinlich erhöhen: Forscherinnen und Forscher der Deutschen Akademie der Wissenschaften schätzen, dass er sich bis 2050 verdoppeln wird. Berücksichtigt man den Ausstieg aus Kohle und Kernkraft, müsste die Kapazität der Windkraft- und Fotovoltaikanlagen folglich auf das Fünf- bis Siebenfache anwachsen. Dafür bräuchten wir etwa doppelt so viele Windräder (aktuell sind es knapp 30 000), zudem müssten auch wesentlich mehr Solarzellen angebracht werden.

Herausforderungen für Erneuerbare

Inzwischen erzeugen erneuerbare Energien einen großen Teil unseres Stroms, 2020 machten sie rund 45 Prozent des Verbrauchs aus. Die größte Rolle spielen dabei Wind mit etwa 24 Prozent und Sonne mit ungefähr neun Prozent. In den letzten Jahren ist die Nutzung regenerativer Energien enorm gewachsen, zwischen 2018 und 2020 ist ihr Anteil beispielsweise um zehn Prozent gestiegen. Doch auf ein weiteres Wachstum dieser Art kann man künftig leider nicht setzen, denn Deutschland hat dringend benötigte Investitionen in die Infrastruktur erneuerbarer Energien verpasst.

Ein Beispiel dafür ist die Stromtrasse, die Energie von Nord- nach Süddeutschland transportieren und bis zum Atomausstieg fertig gestellt werden sollte. Doch der Bau hat sich um vier Jahre verzögert. Ein anderes Hindernis ist die in einigen Bundesländern geltende 1000-Meter-Abstandsregelung von Windrädern zu Wohnsiedlungen. »Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017 vorgesehenen Ausbaukorridore werden aller Voraussicht nach nicht ausreichen, um den wachsenden Strombedarf klimafreundlich zu decken«, warnen Forschende der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

Zudem haben Sonne und Wind einen entscheidenden Nachteil: Sie stehen nicht dauerhaft zur Verfügung. Gerade im Winter ist es in Deutschland häufig dunkel. Und auch auf Wind ist nicht immer Verlass: 2021 war beispielsweise ein extrem windstilles Jahr, weshalb der Anteil der erneuerbaren Energien wohl deutlich niedriger ausfallen wird als 2020 – ein Jahr, in dem außergewöhnlich viel Wind wehte und durch die Coronakrise weniger Strom benötigt wurde. Man bräuchte effiziente Batterien, um die Energie an ergiebigen Tagen über längere Zeiträume zu speichern. Davon ist man noch weit entfernt, trotz umfangreicher Forschung an solchen Speichertechnologien.

»Die vorgesehenen Ausbaukorridore werden nicht ausreichen, um den wachsenden Strombedarf klimafreundlich zu decken«(Forschende der Leopoldina)

Deutschland ist also auf andere Energieträger angewiesen, um die so genannte Grundlast im Stromnetz zu gewährleisten. Einen Teil machen aktuell fossile Brennstoffe aus, einen weiteren die Kernkraft. Doch seit 2011 ist der Atomausstieg beschlossene Sache: Bis Ende 2022 soll das letzte Kernkraftwerk in Deutschland vom Netz. Das könnte sich als fataler Fehler erweisen.

Kernkraft als Brücke

2020 machte die Kernenergie etwa elf Prozent unserer Stromversorgung aus – und das, ohne gefährliche Treibhausgase auszustoßen. Obwohl kaum eine Partei bei der Bundestagswahl 2021 eine Abkehr des Ausstiegs thematisierte, wurden in der deutschen Bevölkerung erstmals seit vielen Jahren wieder Stimmen laut, man solle diese Entscheidung überdenken. Denn Kernkraft ist wesentlich klimafreundlicher als fossile Brennstoffe, mit einem Ausstoß von etwa zwölf Gramm Kohlenstoffdioxid pro Kilowattstunde. Diese entstehen nicht direkt bei der Erzeugung des Stroms, sondern unter anderem beim Abbau, der Anreicherung und dem Transport von Uran oder dem Auf- und Abbau der Anlagen. Die durch den strahlenden Abfall verursachten Emissionen sind dabei aber nicht mit eingerechnet, da sich diese nicht langfristig abschätzen lassen.

Technisch gesehen könnte man die sechs noch in Betrieb stehenden Kraftwerke mehrere Jahre nutzen. Indem man sie am Netz lässt, könnte man den Kohleausstieg beschleunigen und die Treibhausgasemissionen schneller senken. Tatsächlich ließen sich dadurch jährlich etwa 55 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Kohle-Fakten

Braun- und Steinkohle haben bei Weitem die schlechteste Umweltbilanz: Pro erzeugter Kilowattstunde setzt Erstere etwa 1160 Gramm Kohlenstoffdioxid frei, Zweitere etwa 800 Gramm. Im Vergleich: Bei Erdgas liegt der Verbrauch bei rund 180, bei Heizöl zirka 270 Gramm. Bis 2038 soll der Kohleausstieg gelingen, die Grünen fordern ihn sogar schon für 2030. 2020 machte der Anteil von Kohle bei der bundesweiten Stromversorgung allerdings noch 23,7 Prozent aus – also fast ein Viertel. Aktuell gibt es etwa 148 aktive Kohlekraftwerke in Deutschland, 2015 stießen sie rund 207 Megatonnen Kohlenstoffdioxid in die Luft.

Die Kraftwerke emittieren zudem allerlei andere schädliche Stoffe: Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxid, Quecksilber oder Arsen sowie radioaktive Isotope wie Uran, Thorium und Radium. Auch über vorzeitige Todesfälle wegen der verursachten Luftverschmutzung wird immer wieder diskutiert, laut Greenpeace starben im Jahr 2015 etwa 3100 Menschen in Europa durch deutsche Kohlekraftwerke. Selbst wenn dieser spezifische Wert von einigen Fachleuten angezweifelt wird, steht außer Frage, dass die Verbrennung von Kohle negative gesundheitliche Folgen hat.

International gesehen würde Deutschland damit einem Trend folgen. Denn viele Länder halten an der Kernkraft fest, einige investieren sogar in neue Kraftwerkstypen. Dazu gehören zum Beispiel Mini-Reaktoren, so genannte SMRs (englisch: small modular reactors), die sich seriell herstellen lassen und zumindest nach Ansicht der beteiligten Unternehmen günstiger und sicherer sind als herkömmliche Varianten. Ebenfalls in Vorbereitung sind Reaktoren der »vierten Generation«, in denen eine Kernschmelze – wie Unterstützer dieser Systeme versichern – so gut wie unmöglich wäre und die außerdem weniger Abfall produzieren, der sich zugleich schneller abbauen soll. Doch so viel versprechend die Ansätze klingen, sind vor allem die Kernreaktoren der vierten Generation noch Jahrzehnte von einer tatsächlichen Umsetzung entfernt.

Mehr Forschung benötigt

Beim Kampf gegen den Klimawandel herrscht allerdings dringender Handlungsbedarf. Weil sich Kraftwerke, die auf regenerativen Energieträgern basieren, wesentlich schneller herstellen lassen, eignen sich künftige Planungen und Investitionen in diesem Bereich. Das Aufstellen weiterer Windräder allein wird das Problem der Energiewende aber nicht lösen: Man muss vor allem den Netzausbau und die Speicherentwicklung vorantreiben. Doch bis sich unser Energiebedarf zuverlässig durch erneuerbare Energien decken lässt, könnte sich die Kernkraft als verlässliche und klimafreundliche Möglichkeit erweisen, um die elektrische Grundlast zu gewährleisten. Zudem bietet uns die Kernenergie verglichen mit Erdgas mehr Unabhängigkeit von anderen Ländern.

Der Windausbau stockt

Obwohl wir auf einen massiven Ausbau der Windenergie angewiesen sind, um die Klimaziele zu erreichen, kam gerade dieser Sektor in den letzten Jahren ins Stocken: 2020 wurden in Deutschland 40 Prozent weniger Windkraftanlagen genehmigt als fünf Jahre zuvor. Tatsächlich blieb nur in Brandenburg die Anzahl der Genehmigungen konstant – in allen anderen Bundesländern sank sie. Im Saarland gab es 2020 keine einzige, in Bayern drei. Dabei mahnen Energieexperten wie Ingo Stuckmann vom »Zero Emission Think Tank«, man müsse jährlich etwa 2000 neue Windräder aufstellen, um die Klimaziele zu erreichen.

Einer der Hauptgründe für den Rückgang ist laut dem Umweltministerium, dass man den Bau seit 2017 bundesweit ausschreiben müsse. Das verdränge viele kleinere Unternehmen aus dem Markt, während sich größere Anbieter einen Preiskampf liefern. Hinzu kommen die Abstandsregeln in einigen Bundesländern, die vorsehen, dass Windräder mindestens 1000 Meter Entfernung zur nächsten Wohnsiedlung einhalten müssen. Eine weitere Erschwernis sind Naturschützer, die gegen den Bau der Anlagen klagen. Dabei sollte gerade dieser Bevölkerungsgruppe klar sein, wie wichtig diese Art der Energiegewinnung zur Erhaltung unseres Planeten ist.

Aber auch auf dem Gebiet der Kernkraft gibt es Forschungsbedarf. Neben der Entwicklung sicherer Kraftwerkstypen erfordert der Umgang mit Atommüll weitere Innovationen – denn eine Endlagerung für hunderttausende Jahre kann keine Lösung sein. Einen Schritt in diese Richtung ist der Transmutationsreaktor »Myrrha«, der gerade in Belgien getestet wird. In diesem wird radioaktiver Müll mit Neutronen beschossen, damit andere radioaktive Isotope mit wesentlich kürzeren Halbwertszeiten entstehen. Solche Anlagen könnten sogar Strom erzeugen, so dass sich der Müll letztlich effizient nutzen ließe.

Am Ende wird die Zukunft zeigen, ob der Atomausstieg ein Fehler war. Doch die Folgen werden auf dem Rücken der ganzen Welt ausgetragen. Denn auch wenn Fragen der Energieversorgung nationale Entscheidungen sind, kennen Treibhausgasemissionen keine Grenzen. Daher ist es wichtig, dass alle Länder ihren CO2-Ausstoß sofort drastisch senken, um das dringendste globale Problem anzugehen – dazu gehört manchmal auch, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

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