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Freistetters Formelwelt: Mit Schnaps- und anderen Zahlen durchs Jahr 2020

Jetzt, wo das Bleigießen verboten ist, braucht es natürlich andere Methoden, um in die Zukunft zu blicken. Vielleicht mit Hilfe der Zahlen? Mathematik und Engel lügen doch nicht!
Was hält die Zukunft bereit?Laden...

Die letzten Sekunden des alten Jahres werden explizit bis zum Ende gezählt, der abgelaufene Countdown ausgelassen gefeiert, dann müssen sich alle an eine neue Jahreszahl gewöhnen. Dazwischen finden jede Menge abergläubische Bräuche statt. Man schenkt sich Glücksbringer, schmilzt Blei, um die Zukunft »sehen« zu können, und vertieft sich in astrologische Prognosen. Dabei hilft auch – und gerade – die Numerologie: »Um Ihre Jahreszahl 2020 berechnen zu können, müssen Sie nur die einzelnen Zahlen Ihres Geburtstags, Ihres Geburtsmonats und des Jahres 2020 addieren. Ist das Ergebnis zunächst eine zweistellige Zahl, zählen Sie deren Bestandteile erneut zusammen. So verfahren Sie, bis Sie eine einstellige Zahl erhalten. Dies ist dann Ihre Jahreszahl 2020«, erklärt da etwa die »Astrowoche«. Bei mir ergibt das übrigens »3«, was offenbar bedeutet, dass ich im Jahr 2020 meine »Freude an neuen Dingen entdecken« soll.

Bedeutsam in vielerlei Hinsicht sind auch die Zahlen, die durch diese Formel beschrieben werden können:

Formeln für SchnapszahlenLaden...

Diese kompliziert aussehenden Formeln stellen zwei Möglichkeiten dar, ein eigentlich simples Konzept auszudrücken, das im Deutschen die schöne Bezeichnung Schnapszahl trägt. Also Zahlen, die durch identische Ziffern dargestellt werden. 111 oder 44 444 zum Beispiel – aber auch die ominöse 666, die in der Bibel angeblich den Satan selbst repräsentieren soll. In der Formel steht d für die Ziffer, die sich wiederholen soll, n für die Anzahl der Wiederholungen und b für die Basis des Zahlensystems. Woher der Begriff Schnapszahl stammt, ist nicht letztgültig geklärt, bei der Recherche dazu bin ich aber auf die erstaunliche Welt der »Engelszahlen« gestoßen.

So bezeichnet der Esoteriker eine beliebige, ihrer Form nach aber auffällige Zahl, die einem im Alltag wiederholt und überdurchschnittlich häufig begegnet. Jemand wacht zum Beispiel um 3 Uhr 33 plötzlich auf, bezahlt für das Frühstück im Café 3,33 Euro, nimmt den Bus der Linie 333 zur Arbeit und findet dort eine Inbox mit 333 unbeantworteten E-Mails vor. Das habe dann nichts mit Zufall zu tun, sondern sei eine verschlüsselte Art der Kommunikation, mit der die Engel Botschaften an uns schicken. Das behaupten zumindest erstaunlich viele esoterische Internetseiten und Bücher.

Warum die Engel gerade die Mathematik gewählt haben, um sich zu Wort zu melden, wird allerdings nicht weiter ausgeführt. An sich habe ich gegen die Verwendung von Zahlen und Formeln natürlich nichts einzuwenden. Aber von einem Engel sollte man eigentlich erwarten können, dass er ohne kryptische Kommunikation über Kassenbelege und Handydisplays auskommt. Und dann muss man sich die mystischen Engelszahlen natürlich auch immer noch von ausreichend eingeweihten Menschen interpretieren lassen (im Allgemeinen gegen eine entsprechende Gebühr).

An Engel zu glauben, ist an sich nicht verwerflich; das können und sollen alle ihren persönlichen Glaubensvorstellungen nach handhaben. Aber es schadet sicher nicht, sich darüber hinaus auch ein wenig mit echter Mathematik zu beschäftigen. Dann kann man unter anderem auch abschätzen, ob man eine »Engelszahl« wirklich überproportional oft trifft oder ob es nicht doch einfach nur Zufall oder selektive Wahrnehmung ist.

In der Welt der Engel steht die 2020 übrigens für eine besonders »verstärkte Energie«, da die Ziffern 2 und 0 hier doppelt auftreten. Die Ziffer 2 soll unter anderem auf den eigenen Lebenszweck hinweisen, die 0 auf die Verbindung zur spirituellen Welt. Zusammen stehen sie für ein »neues Kapitel im eigenen Leben«.

Sollte man in den kommenden Wochen verstärkt auf die 2020 treffen, ist es dennoch eher unwahrscheinlich, dass es sich um den Kommunikationsversuch eines Engels handelt. Viel eher ist der Jahreswechsel dafür verantwortlich – für den man sich den angeblichen Ratschlag der Schutzengel aber durchaus zu Herzen nehmen kann. Der lautet »Macht euch nicht so viele Sorgen«, was eigentlich immer ein guter Rat ist, egal ob er von einem Engel kommt oder nicht.

01/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01/2020

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