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Lobes Digitalfabrik: Mit Überwachung das Klima retten?

Von Smart Home bis zur grünen Innenstadt: Der Hamburger Soziologe Nils Zurawski argumentiert, dass sich die Energiewende nur mit mehr digitalen Technologien schaffen lässt.
Blick auf BangkokLaden...

Staus, Smog, Feinstaub, Stickoxide – in den Städten zeigt sich die Klimakrise wie unter einem Brennglas. In Delhi reduziert die Luftverschmutzung die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre. Das toxische Gebräu, das die Bewohner täglich einatmen, führt zu Erkrankungen der Atemwege, zu Schlaganfällen und Lungenkrebs. Gegen indische Metropolen ist Stuttgart der reinste Luftkurort. Der indische Premierminister Narendra Modi will in den kommenden Jahren 100 smarte Städte aus dem Boden stampfen. Die »Smart Citys Mission« hat sich zum Ziel gesetzt, die Luft- und Verkehrsproblematik zu bekämpfen.

Die Google-Tochter Sidewalk Labs plant derweil in Toronto eine datengetriebene Modellstadt zu errichten, in der sich Roboterfahrzeuge die Straßen mit Radfahrern und Fußgänger teilen und Bürger zwischen begrünten Holzhäusern flanieren. Eine Art Raum gewordene Hippie-Utopie, wie sie Ernest Callenbach in seinem Roman »Ecotopia« aus dem Jahr 1975 beschrieb. Die Rechner laufen mit grüner Energie, das Privatfahrzeug ist abgeschafft. Sidewalk Toronto soll zur Blaupause für einen nachhaltigen Urbanismus werden: eine CO2-freie Community.

Mit der Smart City wird nicht bloß die Utopie einer Idealstadt verfolgt, sondern auch die Idee einer perfekten politischen Steuerung: Städte werden nicht regiert, sondern gemanagt – über Kommandozentralen und autonome Feedback-Systeme, so wie es Stafford Beer, der Begründer der Managementkybernetik, mit seinem Viable System Model (1959) beschrieben hat. Die Stadt wird als ein Organismus imaginiert, der aus Lenkungssystemen besteht und sich an verändernde Umweltbedingungen (Marktentwicklungen, Verkehrsaufkommen, Temperaturerwärmung) anpasst. Die intelligente Biotonne meldet über das Maschinennetz ihren Füllstand, und die Daten helfen der Müllabfuhr, ihre Routenplanung zu optimieren.

Der Hamburger Soziologe Nils Zurawski hat gerade in einem interessanten Hörfunkbeitrag für »Deutschlandfunk Kultur« die These aufgestellt, dass mit digitalen Technologien ein besserer Umweltschutz möglich sei: »Big Data, die massenhafte Auswertung von Daten, könnte helfen, das Klima zu verbessern, den Verkehrskollaps unserer Städte aufzuhalten, die Kreisläufe menschlicher Zivilisation besser, nachhaltiger zu organisieren. Insbesondere die Bereiche Verkehr, Energie, Abfall, Handel und Industrie machen der Erde zu schaffen.«

»Wir müssen uns beim Wohnen und Leben in gewissem Umfang zuschauen lassen, sonst wird es mit der Energiewende nichts Vernünftiges werden«
(Nils Zurawski)

Die dezentrale Erzeugung von Energie aus Sonne, Wind und Biomasse benötige ein besseres Management von Energieströmen, so Zurawski. Dabei könnten intelligente Systeme aus täglichen Routinen und Gewohnheiten lernen und so den Energieverbrauch reduzieren: Wann waschen wir unsere Wäsche? Wann duschen wir? Wann kochen wir? Wann verlassen wir das Haus? Wenn das Smart Home aus den Verbrauchsdaten bestimmte Regelmäßigkeiten ableitet und weiß, dass der Bewohner jeden Morgen um 8 Uhr die Wohnung verlässt, könnte es die Heizung abdrehen und eine Stunde vor der Rückkehr wieder andrehen. Das spart Energie. Die Zimmerbeleuchtung würde sich mit Hilfe von Sensoren erst aktivieren, wenn der Bewohner das Zimmer betritt, und automatisch ausgehen, wenn er das Zimmer wieder verlässt.

Was im Kleinen funktioniert, funktioniert auch im Großen. Straßenlaternen leuchten die ganze Nacht, auch wenn kein Mensch daran vorbeiläuft. Das kostet unnötig Energie. Laut US-Energieministerium ist Beleuchtung für 15 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs und fünf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. In Quezon City, der bevölkerungsreichsten Stadt auf den Philippinen, macht Straßenbeleuchtung nach Angaben der Weltbank knapp zwei Drittel des Energieverbrauchs aus. Intelligente, solarbetriebene Straßenlaternen können mit Hilfe von Schallpegelmessungen, Bewegungserkennung, Mikrofonen und Kameras die Verkehrsströme messen und die Beleuchtung situativ anpassen.

Die Implementation eines intelligenten Systems (das nur flächendeckend funktioniert) setzt jedoch voraus, dass man jede Menge Daten über Bürger sammelt. Wer bewegt sich wann wohin? Wie viele Menschen überqueren die Kreuzung XY? Wo brennt nachts noch Licht? Wie stark ist das Rotlichtviertel frequentiert? Für Zurawski ist Überwachung notwendig, um Energieversorgung »nachhaltig, demokratisch und zum Wohle der Umwelt und Bürger« sicherzustellen: »Wir müssen uns beim Wohnen und Leben in gewissem Umfang zuschauen lassen, sonst wird es mit der Energiewende nichts Vernünftiges werden.« Muss man also, um das Klima zu retten, Privatsphäre und freie Lebensführung opfern?

Zurawski ist kein Technokrat, der einer computergestützten Öko-Diktatur das Wort redet. Er sagt nur, dass es einen Zielkonflikt zwischen persönlicher Freiheit und dem Erreichen der Klimaziele gibt. »Die Idee der Smart City ist es ja, mit den Möglichkeiten digitaler Technologien die Infrastrukturen besser zu managen, das heißt zunächst auch einmal den Verkehr, den Strom, die Umwelt«, erklärt der Soziologe gegenüber »Spektrum.de«. »Das ist erst mal eine kluge Überlegung, gerade wenn man bedenkt, wie groß Städte heute sind und wie chaotisch es in manchen zugeht.«

Der Soziologe erwartet »interessante Spannungen«, weil Umweltschutz nur mit smarten, digitalen, neuen Technologien möglich sei. »Die Frage ist, wie invasiv in die Privatsphäre und die private Lebensführung diese eingreifen werden, wie bevormundend diese daherkommen (müssen), da es hier auch eine Frage des Geldes ist, diese umzusetzen.« Hier sei sowohl politischer Wille als auch utopischer Geist gefragt. Denn klar sei ebenfalls: »Die neuen Technologien können, dürfen nicht mit dem alten autoritativen Modell gefahren werden.« Um zu verhindern, dass die Kontrolle des digitalen Lebens in den Händen der Unternehmen oder des Staats liegt, schlägt Zurawski eine »Daten-Genossenschaft« vor, wo man seine Verbrauchs- und Verhaltensdaten nicht mit einem Konzern, sondern mit der Community teilt.

Fragt sich nur, wie realistisch eine Daten-Genossenschaft ist. Offene städtische Plattformen benötigen technisches Knowhow. Und die liefern oft Konzerne. Die City Data Exchange, mit der die Stadt Kopenhagen den weltweit ersten Marktplatz für städtische Daten geschaffen hat, läuft auf einer Plattform des japanischen Technologiekonzerns Hitachi. Vodafone hat mittlerweile 2700 Städte deutschlandweit an sein Maschinennetz angeschlossen, damit die Gebäudetechnik mit Speisekarten und Stadtwerken gleichzeitig kommunizieren und sich auch die letzte Milchkanne »Smart City« nennen kann. »Du fährst mit einem vernetzten E-Bike zur automatisierten Disco und bedienst Dich am intelligenten Schankwagen«, heißt es etwa über die »Vorzeigestadt« Ahaus im Münsterland. »Einen Chef gibt es in den vernetzten Lokalen nicht, denn eine Software managt alle organisatorischen Abläufe.«

Die Utopie, das Klima gewissermaßen kybernetisch zu kontrollieren, stößt allerdings auf ein endogenes »Umweltproblem«: Big Data verbraucht selbst jede Menge Energie. Laut einem Bericht von »Climate Home News« könnte die Datenproduktion bis 2025 20 Prozent des weltweiten Strombedarfs ausmachen. Bis 2040 könnte die Kommunikations- und Informationstechnologie sogar für 14 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sein. Die Rechenzentren haben einen unsichtbaren Auspuff: Mit jeder Datenwolke, die man mit der Vorausberechnung des Verkehrsaufkommens produziert, emittiert man auch Treibhausgase.

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