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Vorsicht, Denkfalle!: Warum wir Fakten unterschiedlich sehen

Unsere Sicht der Dinge entspringt oft eher einem Wunschdenken als der Vernunft. Der Psychologie-Kolumnist Steve Ayan erklärt die weitreichenden Folgen dieses »motivated reasoning«.
Eine Person hält ein quadratisches Glasstück vor ihr rechtes Auge, wodurch das Auge vergrößert erscheint. Der Hintergrund ist eine einfarbige Wand. Die Person lächelt leicht und schaut direkt in die Kamera.
Beim Blick auf die Welt hat jeder seinen eigenen Filter.
Irren tun immer die anderen. Man braucht etwas nur oft genug zu hören, um es zu glauben. Und wer sein Gegenüber imitiert, wirkt sympathisch. Der Psychologe und Bestsellerautor Steve Ayan stellt in seiner Kolumne »Vorsicht, Denkfalle!« die wichtigsten Effekte und Verzerrungen der menschlichen Psyche vor.

Finden Sie es nicht auch erstaunlich, dass durchaus kluge Leute glauben, der Kapitalismus sei am Ende? Oder dunkle Mächte hätten die Covid-Pandemie inszeniert? Oder der Klimawandel, wenn es ihn überhaupt gebe, sei doch halb so schlimm? Dass die Faktenlage so seltsam interpretiert wird, wurmt vor allem jene, die meinen: Wer die Welt objektiv betrachtet, müsse unweigerlich eine »aufgeklärte« Position vertreten – und zwar ihre eigene. Allerdings entspringt auch das wohl einem Phänomen namens motivated reasoning, zu Deutsch: Wunschdenken.

Ein klassisches Experiment dazu stammt aus dem Jahr 1954. Damals zeigten US-amerikanische Psychologen ihren Probanden ein Footballmatch zwischen den Uniteams von Princeton und Dartmouth. Je nachdem, wo die Probanden selbst studierten, beurteilten sie ausgewählte Szenen ganz unterschiedlich. Ein und dieselbe Situation löste teils genau entgegengesetzte Urteile aus.

Wie neuere Arbeiten zeigen, bedarf es dafür keines besonderen kognitiven Aufwands. Denn schon welche Reize wir wahrnehmen, wird durch unsere Gruppenzugehörigkeit gefiltert.

Die Einstellung bestimmt, was wir wahrnehmen

Laut den Verhaltenswissenschaftlern Yu Luo und Jiaying Zhao von der University of British Columbia in Vancouver bestimmt die Aufmerksamkeit, welche Informationen »ankommen«. Das Duo präsentierte Probanden verschiedene Klimagrafiken. Darin wurden Hinweise auf den menschengemachten Klimawandel rot hervorgehoben. Politisch eher links orientierte Testpersonen fokussierten genau darauf, was für sie die Dringlichkeit des Problems bestätigte. Konservative Klimaskeptiker dagegen nahmen just diese Reize weniger wahr, wie die Forscher per Eyetracking feststellten. So festigte jede Seite die eigenen Ansichten.

Übrigens kehrt sich das Muster je nach Thema leicht um: Dieselben, die Zweifel am Klimawandel empört ablehnen, vermissen womöglich den letzten kausalen Nachweis dafür, dass soziale Medien die Seelenkrise von Kindern und Jugendlichen befeuern. Beide Zusammenhänge sind statistisch nicht absolut wasserdicht, doch die Indizien jeweils erdrückend.

Dissens ist die DNA der Demokratie. Nur ist Dissens nicht einfach eine Folge davon, dass einige Recht und alle anderen Unrecht haben. Dissens entsteht aus der unterschiedlichen Gewichtung von Fakten auf Basis von Werten und Wünschen. Um das einzusehen, muss man sich die Ambivalenz der Welt vor Augen halten.

Aus dem Ist folgt kein Soll

Beispiele gefällig? Psychische Störungen machen nicht gewaltbereiter, dennoch sind psychotische Gewalttäter ein Problem. Oder: Unsere Gesellschaft braucht Migration, aber Integration kostet und gelingt nicht immer. Oder: Die Sozialsysteme sollen Menschen in Not Halt geben, werden aber auch missbraucht. Aus Fakten lässt sich schon deshalb keine ultimativ »richtige« Politik ableiten, weil sie immer unvollständig und niemals normativ wirksam sind. Sprich: Aus dem Ist folgt kein Soll. Allerdings meinen manche, so genau zu wissen, wie eine bessere Welt aussähe, dass sie die Fakten ihren Wünschen unterordnen. Und zwar noch ehe sie darüber nachdenken.

Davor scheint keine Seite des politischen Spektrums gefeit, und je weiter man sich den Rändern nähert, desto größer wird offenbar das Verlangen, andere Positionen als minderbemittelt oder bösartig anzusehen. Wem das schon zu viel Gleichsetzung von Rechten und Linken ist, dem lege ich den Schriftsteller Ernst Jandl ans Herz: »Manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern. Werch ein Illtum!«

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  • Quellen

Hastorf, A. H., Cantril, H., Journal of Abnormal and Social Psychology 10.1037/h0057880, 1954

Luo, Y., Zhao J., Frontiers in Psychology 10.3389/fpsyg.2019.01541, 2019

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