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In Bestform: Muss man einen Bänderriss operieren?

Einmal blöd umgeknickt, schon ist das Band ab. Was tun? »Wichtig ist, dass der Patient eine gute Reha macht«, sagt Sportorthopädin Anja Hirschmüller im Interview.
Sportler mit bandagiertem Fußgelenk

Der Arzt hat einen Bänderriss diagnostiziert. Was nun? Sollte man sich operieren lassen, oder heilt das von allein? Sind Langzeitschäden zu erwarten? Und wann darf man wieder Sport treiben? Die Sportorthopädin und Sporttraumatologin Anja Hirschmüller vom Universitätsklinikum Freiburg weiß Rat.

Anja Hirschmüller | Die Sportorthopädin und Sporttraumatologin ist leitende paralympische Ärztin des Deutschen Behindertensportbundes. Zudem sitzt sie im Wissenschaftsrat der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP).

»Spektrum.de«: Frau Hirschmüller, an welchen Bändern verletzen sich Sportler am häufigsten, etwa wenn sie umknicken?

Anja Hirschmüller: Beim klassischen Umknicken werden meist die Außenbänder des Sprunggelenks verletzt. Davon gibt es drei Stück, die alle von der Wadenbeinspitze ausgehen und entweder zum Sprung- oder zum Fersenbein führen. In diesem Bereich sind noch weitere wichtige Strukturen, zum Beispiel die Syndesmose, eine bandähnliche Verbindung zwischen dem Schien- und dem Wadenbein. Sie ist zwar – genau wie das Innenband – seltener betroffen. Aber wenn, hat das oft schlimmere Konsequenzen.

Und was ist mit den Bändern im Knie?

Ja, sicher, auch ein Kreuzbandriss gehört zu den typischen Sportverletzungen. Er entsteht aber durch einen anderen Mechanismus: nämlich wenn sich der Unterschenkel nach außen dreht, während der Oberschenkel in einer geraden Position bleibt. Was eher geschieht, kommt auf die Sportart an. Insgesamt sind die Außenbänder und die Kreuzbänder die am häufigsten verletzten Bandstrukturen der Beine.

Stichwort: Bänder und Sehnen

Um uns bewegen zu können, brauchen wir nicht nur Knochen, Muskeln und Gelenke, sondern auch Bänder und Sehnen. Doch was ist eigentlich ihre Aufgabe?

Bänder verbinden zwei Knochen miteinander. So verbinden die Kreuzbänder im Knie beispielsweise den Oberschenkelknochen mit dem Schien- und dem Wadenbein. Die Aufgabe der Bänder ist es, ein Gelenk zu stabilisieren und zu führen. Außerdem beschränken sie den Bewegungsspielraum auf ein sinnvolles Maß. Sie bestehen aus Bindegewebssträngen und sind nur wenig elastisch. Bei einer Fehlbelastung können sie daher relativ schnell überdehnt werden oder reißen.

Sehnen hingegen bilden die Verbindung zwischen Muskeln und Knochen. Bei jeder Bewegung übertragen sie, ähnlich wie die Fäden einer Marionette, die Muskelkraft auf den Knochen. Ihr Aufbau erinnert an ein Seil: Eine Sehne besteht aus fest miteinander verbundenen Bündeln von Bindegewebsfasern. Sie ist aber nicht vollkommen starr, sondern kann um 10 bis 15 Prozent ihrer Länge gedehnt werden. Eine Sehne wirkt darum wie eine Feder und dämpft die Kraftübertragung auf den Knochen ab. Zur stärksten Sehne in unserem Körper zählt die Achillessehne: Sie kann dem Zug von mehr einer Tonne standhalten.

Welche Sportarten bergen das höchste Risiko?

Mannschaftssportarten sind für beide Formen der Verletzung am gefährlichsten. Beim Handball etwa passieren, relativ betrachtet, pro Minute die meisten Kreuzbandrisse. Auch beim Fußballspielen besteht hierfür ein hohes Risiko. Beim Basketball und Volleyball sind die Sprunggelenke stark gefährdet.

Und beim Skifahren?

Da ist das Sprunggelenk durch den Skistiefel gut stabilisiert. Auf die Bänder im Knie wirken jedoch große Kräfte; ein Kreuzbandriss kommt deshalb häufig vor. Auch das Seitenband am Daumen wird oft verletzt; das wird dann als Skidaumen bezeichnet.

Wie merkt man, ob ein Band abgerissen ist?

Viele Sportler sagen, sie hätten eine Art Knall gehört. Interessanterweise ist der Schmerz, wenn die Bänder komplett abgerissen sind, oft gar nicht so groß. Dann zieht ja nichts mehr an der verletzten Struktur. Am Sprunggelenk treten in der Regel recht schnell eine Schwellung und ein Bluterguss auf. Im Knie spüren die Sportler eine Instabilität, oft ist auch die Beweglichkeit eingeschränkt.

»Das Wichtigste ist, das Bein oder den Fuß hochzulagern und zu komprimieren, also fest zu umwickeln, damit die Stelle nicht weiter anschwillt und kein Blut hineinströmt«

Was ist dann zu tun?

Das Wichtigste ist, das Bein oder den Fuß hochzulagern und zu komprimieren, also fest zu umwickeln, damit die Stelle nicht weiter anschwillt und kein Blut hineinströmt. Auch der Kühlung wird nach wie vor große Bedeutung beigemessen. Wir sprechen vom »PRICE«-Schema, das steht für »protection, rest, ice, compression, elevation«.

Und dann? Muss man sich operieren lassen?

In manchen Fällen, zum Beispiel bei Syndesmosen-Verletzungen, die zu einer Destabilisierung der Sprunggelenksgabel führen, würde ich unbedingt dazu raten. Werden sie nicht operiert, ist das Risiko für eine Arthrose im Sprunggelenk stark erhöht. Bei den Außenbandverletzungen hat ein Sinneswandel stattgefunden: Früher hat man in der Regel schon operiert, wenn zwei davon gerissen waren. Einige Studien haben dann gezeigt, dass eine konservative Behandlung der Operation überlegen ist. Daraufhin hat man praktisch gar nicht mehr operiert. Inzwischen sieht man die Sache differenzierter: Ein- und Zweibandverletzungen operiert man meist nicht; bei den dreifachen schaut man sich den Patienten oder die Patientin genau an. Im Leistungssport ist man mit den Operationen wieder viel großzügiger als noch vor ein paar Jahren.

Und wie sieht es bei einem Kreuzbandriss aus?

Das ist eine echt fiese Frage (lacht). Darüber diskutiert die Fachwelt seit Jahren extrem kontrovers. Ich glaube, man muss sich zunächst überlegen, was das Ziel der Behandlung ist: ein stabiles Knie? Dass der Patient danach wieder seinen Sport ausüben kann? Oder dass das Knie möglichst lange gesund bleibt und es zu keinen Folgeschäden kommt? Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass man auch ohne Operation ein stabiles Kniegelenk erreichen kann, mit dem der Patient sein vorheriges Sportniveau zurückerlangen kann. Das gilt vor allem für nicht kniebelastende Sportarten wie Radfahren. Dass jeder Kreuzbandriss operiert werden muss, ist also definitiv falsch. In seltenen Fällen verheilt der Riss von selbst. Und manche Gelenke sind sogar ohne vorderes Kreuzband anatomisch und muskulär ausreichend stabil. Wenn sich das Kniegelenk dauerhaft instabil anfühlt, sollte jedoch operiert werden. Auch im Leistungssport, vor allem im Mannschaftssport, raten wir weiterhin zur Operation. Wichtig ist in jedem Fall, dass eine gute Reha folgt, um ein positives Körpergefühl und neuromuskuläre Kontrolle zu erreichen.

Was versteht man unter einer guten Reha?

Kurz gesagt: eine konsequent durchgeführte Physiotherapie unter Schutz der verletzten Struktur durch eine geeignete Orthese, also eine Art stabilisierende Schiene. Das gilt nicht nur fürs Kreuzband, sondern auch für Sprunggelenksverletzungen. Häufig bekommen die Patienten bloß einen Verband oder eine Schiene verpasst – obwohl man inzwischen weiß, dass eine früh beginnende Physiotherapie enorm wichtig ist.

Wann sollte man denn beginnen? Muss man nicht erst warten, bis das Gelenk abgeschwollen ist?

Idealerweise beginnt man sofort. Zunächst mit Maßnahmen, die das Abschwellen unterstützen, zum Beispiel einer Lymphdrainage oder manueller Therapie. Dazu kommen vorsichtige Bewegungsübungen. In den folgenden Wochen sollten die Übungen dann zunehmend dynamischer und aktiver werden.

Und wie geht es weiter? Wann darf man wieder Sport treiben?

Nach sechs Wochen verfügen die Sprunggelenksbänder wieder über eine gewisse Stabilität; dann kann man erneut in ein sportartspezifisches Training einsteigen, das heißt Bewegungen machen, die dabei eine Rolle spielen. Je nach Sportart kann man mit einer Zeit von etwa sechs bis zehn Wochen bis zur vollen Sportfähigkeit rechnen. Es kommt natürlich auch auf die Art der Verletzung an. Kreuzbandrisse dauern wesentlich länger als Sprunggelenksverletzungen. Nach einer Kreuzband-OP ist man oft bei Rehabilitationszeiten von neun bis zwölf Monaten.

Haben Sportler, die sich nicht operieren lassen, ein höheres Risiko für Arthrose?

Insgesamt erhöhen eine Verletzung und eine daraus resultierende Instabilität im Gelenk die Wahrscheinlichkeit, im Lauf der Zeit eine Arthrose zu entwickeln. Es gilt also, die Instabilität zu beheben. Ob das Arthroserisiko nach einer konservativen Behandlung oder einer OP geringer ist, wird ebenfalls kontrovers diskutiert. Einige große Studien aus Skandinavien konnten bei Sportlern, die viele Jahre nach ihrer Verletzung untersucht wurden, keinen Unterschied im Arthrosegrad feststellen. Andere Erhebungen sagen das Gegenteil. Bei all diesen Untersuchungen muss man methodisch sehr genau hinschauen. Oftmals gibt es »Gruppenwechsler«, die erst konservativ und dann doch operativ behandelt werden. Und zahlreiche Operationstechniken sind heutzutage besser als noch vor zehn Jahren. Es kommt auch darauf an, welche Faktoren man sonst mitberücksichtigt. In jedem Fall kann man nicht einfach so sagen, dass sich durch eine Operation Arthrose verhindern lässt.

»Weder Ärzte noch Patienten sollten Umknicken als Bagatellverletzung abtun«

Womit ist zu rechnen, wenn man keine aktive Therapie macht, also weder eine Operation noch eine Reha?

Eine klassische Folge ist, dass eine Instabilität verbleibt. Davon gibt es zwei Formen: Von einer mechanischen Instabilität spricht man, wenn die Struktur nicht richtig verheilt ist und das Gelenk deshalb instabil ist. Das kann der Arzt durch spezielle Funktionstests feststellen. Ähnlich wichtig ist die funktionelle Stabilität. Wenn die neuromuskuläre Kontrolle beeinträchtigt ist, funktionieren die Reflexe und die aktiven Stabilisationsmechanismen nicht mehr richtig. Die Folge: Der Patient hat das Gefühl, sein Gelenk sei instabil, obwohl die mechanische Stabilität gegeben ist.

Kommt das wieder zurück?

Ja, aber es dauert länger. Laut manchen Studien haben 40 Prozent der Menschen sechs Monate nach einer Sprunggelenksverletzung noch Beschwerden. Das zeigt, dass weder Ärzte noch Patienten Umknicken durchweg als Bagatellverletzung abtun sollten, nach dem Motto: »Mach mal 'ne Bandage dran, dann wird's schon wieder.« Man sollte so etwas durchaus ernst nehmen und bei Unklarheiten auch mal genauer hinschauen, etwa ein MRT machen.

Von Sportlerin zu Sportlern

»Jeder Sportler sollte auch an Prävention denken – und nicht nur an seine aktuelle Leistungsfähigkeit«, sagt Anja Hirschmüller. »Es gibt heutzutage Apps, zum Beispiel eine norwegische namens GET SET, die – je nach Sportart – eine sinnvolle Übungsauswahl zusammenstellen. Ich persönlich laufe sehr gern. Damit die Belastung nicht zu einseitig wird, sollte man parallel dazu aber seine Muskeln kräftigen. Auch Stabilisationsübungen sollten einen Platz im persönlichen Trainingsprogramm haben. Ich empfehle, beides zwei- bis dreimal die Woche zu machen.«

Wie kann man einem erneuten Umknicken und damit einem möglichen Bänderriss vorbeugen?

Es gibt viele gute Studien, die belegen, dass das Wiederverletzungsrisiko wesentlich geringer ist, wenn man beim Sport eine Bandage trägt. In der Frühphase sollte man das auf jeden Fall machen. Es gibt Sportler, die dauerhaft eine Bandage oder ein Tape tragen. Diese kräftigen, weißen Streifen werden so angelegt, dass sie die entsprechende Bewegung, also das Umknicken, mechanisch einschränken. Außerdem sollen sie Rezeptoren auf der Haut stimulieren, die die neuromuskuläre Kontrolle aktivieren. Die kann und sollte man zudem aktiv schulen, zum Beispiel durch Stabilisationstraining, das wird auch als propriozeptives Training bezeichnet. Da gibt es inzwischen ganz tolle Übungsprogramme. Man kann sich aber genauso zum Beispiel morgens beim Zähneputzen auf ein Bein stellen und vielleicht noch ein zusammengerolltes Badetuch unterlegen.

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