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Nachruf: Geschichten fürs Leben: Zum Tod von Oliver Sacks

Ohne Oliver Sacks wäre die Neurowissenschaft nicht das, was sie heute ist. Nun starb der britische Neurologe im Alter von 82 Jahren. Ein Nachruf.
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Ohne ihn würde es zumindest unser Magazin "Gehirn&Geist" vermutlich gar nicht geben. Doch jetzt wird es, muss es, ohne ihn gehen. Oliver Sacks, der berühmteste Neurologe der Welt, starb am Sonntag im Alter von 82 Jahren in New York. Die anhaltende Faszination für den Zauberer und Geschichtenerzähler im Kopf, unser Gehirn, die so viele Zeitgenossen teilen, wäre ohne die Fabulierkunst dieses Forschers und Literaten kaum denkbar gewesen. Mit seinen neurologischen Fallgeschichten, ein Genre, das er maßgeblich prägte, pflanzte Sacks eine Frage in die Köpfe seiner Leser, die bis heute hoch spannend ist: Sind wir unser Gehirn?

Wie viele Karrieren von Forschern, wie viele journalistische Gehversuche und Selbsterkundungen von Menschen wie du und ich hat dieser Erzähler angestoßen? Ich selbst habe mich zu Studienzeiten an "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" oder "Der Tag, an dem mein Bein fortging" kaum sattlesen können. Seine späteren, für mich oft schwächeren Bücher, wie die über Musik und über Halluzinationen, verzieh ich ihm gern. Ohne Sacks, so viel steht fest, wäre die Neurowissenschaft nicht das, was sie heute ist.

Menschen brauchen Geschichten

Jene Kritiker, die monierten, in seinen Fallgeschichten habe Sacks um des Showeffekts willen willkürlich Symptome kombiniert und Details hinzugedichtet, interessierten mich nicht. Wie kleinkariert, fand ich, jemandem mangelnde Exaktheit vorzuwerfen, der mit so viel Sachkunde, Humor und psychologischem Gespür das Interesse von Millionen weckte. Und der der Wissenschaft damit einen ebenso großen Dienst erwies wie mancher hochverdiente, aber leider auch eher langweilige Forscher. Sacks lehrte uns, warum es sich lohnt, verstehen zu wollen — nicht, um wissenschaftliche Erkenntnis zu verwalten und ex cathedra zu verkünden, sondern um zu uns selbst zu finden. Sacks wusste: Wissenschaft wird von Menschen für Menschen gemacht. Und Menschen brauchen Geschichten, um sich ihrer selbst zu vergewissern.

Sacks kam 1933 in London als Spross einer Forscherfamilie zur Welt. Als junger Mediziner ging er 1960 nach San Francisco, ehe er 1965 Professor für Neurologie am Einstein College in New York wurde. Inspiriert von den Büchern des russischen Neurologen Alexander Lurija begann er die Patientenschicksale, denen er begegnete, zu Papier zu bringen. Gleich sein erstes Buch "Migräne" von 1970 hatte großen Erfolg, mit "Awakenings" erlebte Sacks dann 1973 seinen Durchbruch. Es folgte knapp ein Dutzend weitere Bücher in 40 Jahren, zuletzt seine sehr lesenswerte Autobiografie "On the Move".

Ich begegnete Sacks ein Mal, im Rahmen der "Science Fair" in New York im Jahr 2009. Damals hatte er bereits eine erste Krebsdiagnose, von der er sehr gefasst und mit leiser Ironie erzählte. Auch das können wir von ihm lernen: das Schicksal anzunehmen, statt es zu verdrängen. "Ich kann nicht behaupten, ich hätte keine Angst", schrieb er kurz vor seinem Tod. "Aber mein vorherrschendes Gefühl ist Dankbarkeit. Ich habe geliebt und wurde geliebt."

35/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35/2015

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