Natur: Die traurige Stunde der Gartenvögel

Der Grünfink war vor Jahrzehnten ein Allerweltsvogel: In der Grundschule gehörte er zu den Standardvögeln, die alle Kinder kennen mussten; am winterlichen Futterhaus zählte er zu den Standardgästen. Im Jahr 2026 gilt die Art zwar noch nicht als gefährdet, doch ist ihr Bestand seit der Jahrtausendwende teils stark zurückgegangen. In vielen Gärten tauchen Grünfinken gar nicht mehr auf. Und damit liegen diese Tiere im Trend, wie die neuen Zahlen zur »Stunde der Wintervögel« zeigen: einem bundesweiten Citizen-Science-Projekt, bei dem aufmerksame Beobachter Anfang Januar eine Stunde lang Amseln, Drosseln, Finken und Meisen in Gärten und Parks zählen. Im Durchschnitt nur noch 32 Vögel sichteten Menschen zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Vor 15 Jahren – im Januar 2011 – waren es dagegen noch 46.
Hinter den zwei Zahlen steckt ein Muster: Zwar gab es immer wieder einmal kleinere Ausreißer nach oben bei der Durchschnittszahl, etwa wenn zahlreiche Wintergäste wie Bergfinken oder Erlenzeisige aus Skandinavien zu uns kamen. Doch bei vielen unserer heimischen Arten zeigt die Tendenz klar nach unten. Neben den Grünfinken geht beispielsweise die Zahl der Haus- und Feldsperlinge seit einiger Zeit stark zurück, beide Arten machen sich vielerorts zunehmend rarer.
Bestätigt werden diese Daten auch durch das »Monitoring häufiger Brutvögel«, bei dem professionelle wie Hobbyornithologen gezielt die Bestände von (bislang) sehr häufigen Arten in Deutschland überwachen: »Unter den betrachteten 93 Arten nahmen die Feldvögel stark, Vögel der Siedlungen deutlich ab. Waldvögel nahmen in den ersten Jahren des Betrachtungszeitraums ab, die Bestände erholten sich aber nach 2010 wieder«, schließt eine Studie aus diesen Daten. Konkrete Betrachtungen einzelner Regionen passen ebenfalls ins Bild: »Starke Abnahmen verzeichnen Feldsperling, Grünfink, Girlitz, Wintergoldhähnchen und Wacholderdrossel«, heißt es in einer Zusammenfassung aus Baden-Württemberg (die beiden letztgenannten Arten gelten nicht als Vertreter des Siedlungsraums). Längst hat also die Krise der Vögel in der Agrarlandschaft auch ihre Verwandten in Städten und Dörfern erfasst.
Überraschend ist dieser Trend jedoch nicht wirklich, wenn man die Entwicklungen im Siedlungsraum betrachtet. In Gärten dominieren heute Kirschlorbeer und Glanzmispel statt Hainbuchhecken und Haselsträuchern. Obstbäume weichen Nadelbäumen. Der Rasen muss akkurat gestutzt sein, blühende Rabatten bestehen meist aus hochgezüchteten Zierblumen statt aus alten Blumensorten, die Insekten Nahrung bieten. Oder der Garten wird direkt mit Schotter zugepflastert, damit er ja keine Arbeit macht. Wilde Ecken mit Brennnesseln, Totholz oder Laubschnitt sind ebenfalls aus vielen Gärten verschwunden oder aus Platzmangel nie entstanden. Dazu kommt der mannigfaltige Einsatz von Pestiziden und technischen Geräten wie Laubsaugern oder Mährobotern, die noch jeden Überlebensversuch von Insekten oder Wildkräutern zunichtemachen. Entstanden sind sterile Grünflächen, die keinen Lebensraum mehr für Vögel oder ihnen auch nur Nahrung bieten. Dabei könnten die 1,4 Millionen Hektar Fläche, die Gärten einnehmen, Rückzugsräume für zumindest einige unserer Vogelarten sein und bleiben, wenn man nur mehr Natur wagen würde.
Viele Stadtvögel leiden zudem unter einem Mangel an Nistplätzen; vor allem klassische Brüter in Nischen und Höhlungen am Haus sind betroffen. Haussperlinge oder Mauersegler brüten gerne in Lücken und Löchern an der Fassade oder unter dem Dach. Die eigentlich begrüßenswerte Sanierung und Wärmedämmung von Gebäuden vernichtet diese Brutplätze jedoch, wenn nicht zum Ausgleich Nisthilfen angebracht werden. In Berlin – einst Spatzenhauptstadt Deutschlands – wurden in den letzten Jahren immer weniger der früher so geläufigen Sperlinge gesichtet. Zu Zeiten unserer Großeltern hing in jedem Obstbaum ein Starenkasten, um andere Stare als Konkurrenten fernzuhalten. Heute sind sowohl die großen Kirschbäume als auch die Stare aus dem Siedlungsraum weitgehend verschwunden: Die Zahl der Stare ist um ein Drittel zurückgegangen.
Erschwerend dazu kamen seit den 2010er-Jahren regelmäßig Seuchen, die Amseln, Grünfinken oder Blaumeisen massenhaft dezimierten. Amseln sterben am Usutu-Virus, das aus Afrika eingeschleppt wurde, Grünfinken regelmäßig an einer durch den Einzeller Trichomonas gallinae ausgelösten Krankheit und Blaumeisen an Bakterien der Art Suttonella ornithocola. Für sich genommen könnten die Arten diese Krankheitswellen überleben, doch kommen sie zu allen anderen Problemen hinzu und schwächen die Populationen weiter. Die Vögel, die übrig bleiben, werden schließlich mit einer extrem hohen Zahl an Fressfeinden konfrontiert: Freigängerkatzen, von denen es in Deutschland mehrere Millionen gibt und zu denen noch weitere Millionen verwilderte Hauskatzen kommen. Im Siedlungsbereich leben mitunter Hunderte Katzen pro Quadratkilometer, wie eine britische Studie ermittelte – weit mehr, als unter natürlichen Bedingungen möglich wäre. Kein Wunder, dass Katzen als größte Einzelursache für Vogelopfer in Deutschland gelten.
Auch für uns Menschen ungut
Diese Entwicklung ist nicht nur traurig, wenn man Vögel »einfach so« mag, sie geht alle an. Denn eine hohe Artenvielfalt in unserem Umfeld wirkt sich auch unmittelbar auf unsere Psyche aus, wie Studien bereits gezeigt haben. Ein (vogel)artenreiches Umfeld steigert beispielsweise die Lebenszufriedenheit. Wer Grünflächen in seiner Nähe hat und dort regelmäßig Zeit verbringt, ist weniger gestresst und genest schneller von Krankheiten oder Verletzungen. Wer aktiv etwas für die Natur in seinem Umfeld tut, hilft sich also selbst – und vielen anderen Menschen.
Den Tieren etwas Gutes tun ist dabei relativ leicht: Es braucht keine teuren Maßnahmen, nur den Mut, im eigenen Garten auf einheimische Pflanzen zu setzen, beim Bauen und Sanieren auf Nistplatzausgleich zu achten und zumindest im Winter geeignetes Futter auszubringen. Vieles davon ist nicht einmal mit mehr Arbeit verbunden: Wer das Laub im Herbst einfach mal liegenlässt, samentragende Blumen nicht gleich zurückschneidet und auf die wöchentliche Rasenmahd verzichtet, wird bald wieder mit mehr Leben im Garten begrüßt. Das sollten uns unsere tierischen Mitbewohner vielleicht wert sein.
Hier finden Sie zehn Tipps, wie Sie Insekten in Ihrem Garten fördern können – und damit auch Vögel.
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