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Mäders Moralfragen: Nebelkerze Nummer eins

Donald Trump weiß, wie man mit aggressiven Tweets von den wirklich wichtigen Problemen ablenkt. Haben die Medien eine gute Antwort darauf?
Donald Trump auf dem Ipad

Die Journalistin Maggie Haberman berichtet schon seit vielen Jahren über Donald Trump und kennt ihn aus Zeiten, als er im Immobiliengeschäft arbeitete und nebenbei Radio- und Fernsehsendungen produzierte. Inzwischen ist Haberman Korrespondentin der »New York Times« und hat den Pulitzer-Preis für ihre Berichterstattung über den Präsidenten Trump erhalten (in der TV-Dokumentation »Mission Wahrheit« spielt sie eine wichtige Rolle). In einem Interview wurde Haberman gefragt, was Trump härter treffen würde: dass die Medien weiterhin negativ über ihn berichten oder dass sie die Berichterstattung aufgeben. Letzteres, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. »Er kann nicht ohne die Presse leben.« Und sie malte sich aus, wie er im Esszimmer neben dem Oval Office sitzt, fernsieht und twittert – und sich kurz darauf die Nachrichten wieder um ihn drehen. »Er liebt diese Möglichkeit, Einfluss zu nehmen«, sagte Haberman.

Dieser Regierungsstil Trumps, seine »Twitter Presidency«, ist eine neue Herausforderung für die Medien. Darüber referierte vergangene Woche Habermans Kollegin Andrea Kannapell, die Leiterin des internationalen Newsletter-Teams der »New York Times«, im Stuttgarter Tagungszentrum Hospitalhof. Kannapell arbeitet seit 1992 bei der Zeitung und versichert: »Dringende Themen sind heute deutlich häufiger als in anderen Zeiten.« Aber der Populismus des Präsidenten habe dem Journalismus auch neuen Schwung verliehen.

Reden wir über die wichtigen Themen?

Beide Beobachtungen zusammengenommen führen zu der Frage, ob Trump die Medien vor sich hertreibt. Nicht weil er sie immer wieder als »Feind des Volkes« bezeichnet (laut Trump-Twitter-Archiv bisher 14-mal auf Twitter), sondern weil er sie auf Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt. Mit seinen Tweets bietet er ständig Anlass zur Berichterstattung: Trump habe sich über dieses geärgert, Trump habe jenen beleidigt. Der US-Präsident storniert auf Twitter internationale Vereinbarungen und droht anderen Ländern mit Krieg. Er bezeichnet einen Zug von Migranten aus Honduras als Invasion der USA und schickt für mehr als 200 Millionen US-Dollar Truppen an die mexikanische Grenze. Die »Washington Post« hat in seiner Präsidentschaft schon mehr als 6400 falsche oder irreführende Behauptungen nachgewiesen – eine nervenraubende Arbeit. Lohnt sie sich?

Auch wenn wir in Deutschland keinen Donald Trump haben, beschränken wir uns oft auf Themen, die von der populistischen Rechten vorgegeben werden. Die Datenjournalisten der Website »Einfacher Dienst« haben zum Beispiel die 14 Sommerinterviews des Jahres 2018 von ARD und ZDF ausgewertet und festgestellt, dass ein Drittel der Zeit über Flucht, Asyl und Migration diskutiert wurde, obwohl dieses Thema im ARD-DeutschlandTrend nur von 39 Prozent der Befragten als sehr wichtig eingestuft wurde. Hingegen fanden 69 Prozent in der Umfrage die Themen Gesundheit und Pflege sehr wichtig, doch hierüber wurde in viereinhalb Stunden Sommerinterviews nur 26 Sekunden lang gesprochen. Immerhin schaffte es das ZDF, Alexander Gauland in seinem Sommerinterview überhaupt keine Frage zum Thema Flucht, Asyl und Migration zu stellen.

Faktenchecks bleiben wirkungslos

Eine bekannte und sympathische Antwort auf die Herausforderung der Populisten gibt der Chefredakteur der »Washington Post«, Martin Baron: »Wir sind nicht im Krieg, wir sind bei der Arbeit.« Seine Zeitung und auch die Wettbewerber haben ihre Redaktionen gestärkt, um den ständigen Themenwechseln und Nebelkerzen ihres Präsidenten nachgehen zu können, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Doch der Medienforscher Jay Rosen von der New York University sieht darin auch eine Gefahr – dass Journalisten das Faktenprüfen bloß weiter betreiben, weil sie nichts anderes gelernt haben. »Das Fact Checking verhindert nicht, dass der Präsident die Unwahrheiten wiederholt«, schreibt Rosen im »New York Times Review of Books«. Journalisten müssten sich durchaus auf einen Krieg einlassen: nicht gegen den Präsidenten, »sondern gegen einen Politikstil, mit dem die Mächtigen ihre eigene Geschichte schreiben«.

Auch der Kommunikationswissenschaftler Klaus Kamps, mein Kollege an der Hochschule der Medien in Stuttgart, hat vergangene Woche in einem Vortrag davor gewarnt, sich auf Donald Trump zu konzentrieren. Er sei nur Teil einer Entwicklung, die lange vor ihm begonnen habe und auch nach ihm weitergehen dürfte. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung leistete 1987 der damalige US-Präsident Ronald Reagan, als er die Fairnessdoktrin der Telekommunikationsbehörde strich. Sie hatte Medienhäuser dazu verpflichtet, alle Seiten einer Debatte zu Wort kommen zu lassen. Nun waren einseitige Programme möglich. »Eine aggressive Faktenfeindschaft machte sich breit«, sagt Kamps.

Transparenz beim Agenda-Setting

Ein Beispiel dafür lieferte vergangene Woche ein Statement aus dem Weißen Haus. Darin pfeift Donald Trump nicht nur auf seinen Geheimdienst, der festgestellt haben will, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Journalisten Jamal Khashoggi ermorden ließ. Trump schreibt sogar, dass ihm die Wahrheit egal sei: »Es könnte sehr gut sein, dass der Kronprinz von diesem tragischen Ereignis wusste – vielleicht, vielleicht aber auch nicht!«

Die Frage, ob man Trump weniger Aufmerksamkeit widmen sollte, ist daher nicht die richtige. Wichtiger ist die Frage, was die Medien und andere Institutionen dagegen tun können, dass Trump & Co den Willen zur Wahrheit und die demokratischen Prinzipien untergraben. Klaus Kamps hat grundsätzlich Hoffnung, dass die Amerikaner einen Ausweg aus der aufgeheizten politischen Lage finden. Eine Umfrage des Pew Research Centers hat dieses Jahr zum Beispiel ergeben, dass die Gräben zwischen links und rechts nicht bei allen Menschen tief sind, sondern nur bei denen, die für politische Parteien spenden, zu Wahlkampfveranstaltungen gehen oder im Wahlkampf helfen. Bei den weniger Engagierten liegen die politischen Ansichten näher beieinander. Und Jay Rosen rät nach einem Besuch in Deutschland den Journalisten hier zu Lande, ihr Agenda-Setting transparent zu machen: also zu erklären, warum sie bestimmte Themen setzen und andere übergehen. In einem offenen Brief, den die »FAZ« veröffentlicht hat, schreibt er: »Als Journalisten haben Sie nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Ihre Aufgabe ist es, sie auf Dinge aufmerksam zu machen, über die sie nachdenken sollen.«

Doch die Redakteurin Andrea Kannapell zeigte sich bei ihrem Vortrag in Stuttgart pessimistisch. Ob es einer Zeitung wie der »New York Times« gelingen werde, auch die Trump-Wähler zu erreichen? »Wir versuchen es und rufen immer wieder alle gesellschaftlichen Gruppen auf, uns ihre Sicht auf die Dinge zu schildern«, sagte sie. »Aber ich bin nicht sicher, dass wir den Graben überbrücken können.«

Die Moral von der Geschichte: Es lohnt sich, für Wahrheit und Demokratie einzutreten, auch wenn ein Erfolg nicht garantiert ist.

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