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Energiewende: Noch eine Ohrfeige für die Politik

Agrarsprit und Biogas gelten der Politik als saubere Energiequelle. Dem erteilt nun die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine deftige Abfuhr.
Daniel LingenhöhlLaden...

Seit Langem warnen viele Wissenschaftler vor den negativen Folgen des übermäßigen Einsatzes von Biomasse als Energieträger – darunter Klimatologen, Ökologen und auch ein Nobelpreisträger für Chemie. Dennoch setzt die nationale und europäische Politik weiterhin auf Strom aus Biogas oder Agrarkraftstoffen als vermeintlich saubere alternative Energiequelle, die einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten könne. Bis 2020 sollen nach dem Willen der Europäischen Union beispielsweise zehn Prozent des Treibstoffs für Transportzwecke aus Biomasse stammen. Die Bundesregierung steuert sogar ein noch ambitionierteres Ziel an: 16 Prozent des deutschen Strom-, 10 Prozent des Wärme- und 12 Prozent des Kraftstoffbedarfs sollen dann vom Acker kommen.

Diesem Ansinnen hat nun die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina – zu deren zentraler Aufgabe die Beratung von Politik und Gesellschaft in Deutschland gehört – eine deftige Abfuhr erteilt: Die 20 an der Erstellung des Gutachtens beteiligten Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, "dass Bioenergie als nachhaltige Energiequelle für Deutschland heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann." Will die Bundesrepublik ihre Klimaschutzziele erreichen, müsse sie sich auf andere Alternativen wie Fotovoltaik, Windkraft oder Solarthermie konzentrieren.

Zur Begründung verweisen die Forscher auf die altbekannten, schon häufig vorgetragenen Schwächen der Bioenergie: Sie verbrauche mehr Fläche und sei häufig mit höheren Treibhausgasemissionen und Umweltbeeinträchtigungen verbunden; zudem konkurriere sie potenziell mit der Herstellung von Nahrungsmitteln – Argumente, die immer wieder nicht nur von Naturschützern oder Entwicklungshilfeorganisationen vorgetragen, sondern auch in zahlreichen Studien bereits wissenschaftlich belegt wurden. Die Stärke der Leopoldina-Stellungnahme liegt deshalb in ihren Berechnungen für Deutschland.

So ernten unsere Landwirte jährlich mehr als 50 Millionen Tonnen Biomasse von den Feldern und Wiesen, von denen wiederum 90 Prozent direkt oder indirekt auf unseren Tellern oder in industriellen Produkten landen. Nur etwa zehn Prozent stehen für die Energieerzeugung zur Verfügung, deren Brennwert letztlich sogar nur 1,5 Prozent unseres jährlichen Primärenergiebedarfs deckt. Dazu kommen weitere drei Millionen Tonnen Stroh, die weniger als ein Prozent des Primärenergiebedarfs liefern können. Hier lebt Europa zudem von seiner Substanz, denn eigentlich müsste das Material auf dem Feld bleiben, um die dortigen Kohlenstoffverluste (Humus) auszugleichen: Laut den Sachverständigen verlieren die europäischen Ackerböden im Durchschnitt seit geraumer Zeit jährlich etwa drei Prozent ihres Kohlenstoffs – sie laugen also aus.

Um den hiesigen Bedarf an Futter- und Energiepflanzen – etwa Soja, Palmöl oder Mais – zu decken, sind die europäischen Länder zunehmend auf Importe angewiesen: Sie betragen schon dreißig Prozent der einheimischen Nettoprimärproduktion. Diese Einfuhren exportieren die Risiken, die mit der intensiven Landwirtschaft verbunden sind: Raubbau an Naturgebieten, Auslaugung und Erosion der Böden. Zudem erhöhen sich die Risiken für Hungerkrisen und Unruhen, wenn Lebensmittelpreise steigen, weil der europäische (und nordamerikanische) Markt die landwirtschaftliche Produktion absaugt. Die Leopoldina folgert daraus: "Die meisten Netto-Importe stehen im Zusammenhang mit Nutztierfütterung. Wenn weniger heimische Biomasse für energetische Zwecke genutzt würde, wären weniger Importe nötig."

Eine Ausweitung des Anbaus in Deutschland sieht die Akademie zudem ebenfalls als "ökologisch fragwürdig", da damit meist eine Intensivierung der Landwirtschaft einhergeht: Lebensräume für einheimische Arten der Kulturlandschaft, die ohnehin bereits unter dem immensen Nutzungsdruck der industrialisierten Produktion leiden, werden dadurch zerstört und die betroffenen Tiere und Pflanze weiter an den Rand gedrängt. Bereits heute ist das geschätzte Bild des ländlichen Raums mit seinen Wiesen, Feldern, Hecken und Rainen regional in Gefahr, da sich zunehmend "Maiswüsten" ausbreiten. Zudem bedingt diese Entwicklung, dass verstärkt Treibhausgase freigesetzt werden: Dauergrünland speichert mehr Kohlendioxid als Äcker, wird es umgebrochen, entweicht das CO2. Über den eingesetzten, nötigen Stickstoffdünger entweichen zudem große Mengen an Lachgas in die Atmosphäre, dessen Treibhauspotenzial 300 Mal größer ist als das von Kohlendioxid.

Die Leopoldina folgert daraus, dass sich die "Förderung von Bioenergie auf Formen beschränken sollte, die weder zur Verknappung von Nahrungsmitteln führen noch deren Preise durch Wettbewerb um Land und Wasser in die Höhe treiben. Darüber hinaus sollten diese Formen von Bioenergie keinen größeren negativen Einfluss auf Ökosysteme und Biodiversität haben, und eine substanziell bessere Treibhausgasbilanz aufweisen als die fossile Energie, die sie ersetzen. Auch gilt es, die gesamte Breite der wertvollen Dienste zu respektieren, die Ökosysteme für die Öffentlichkeit leisten. Bei Importen von Biomasse oder Biomasseprodukten sind auch all diese Aspekte zu berücksichtigen, da Importe die Probleme nicht beheben, sondern nur in andere Länder verlagern." In diesem Sinne lehnt die Akademie vor allem den von der Politik stark geförderten Biodiesel und das Bioethanol ab – Stichwort E10 –, deren ökologische Bilanz verheerend ausfällt. Ihre Verwendung ist für Deutschland "nicht zu empfehlen". Als ökologisch nachhaltige Ausnahme lassen die Forscher nur eine Form der Energiegewinnung aus Biomasse zu: aus Mist, Gülle, Pflanzenreststoffen (etwa aus der Holz- und Papierindustrie) sowie Lebensmittelabfällen.

Die Politik sollte nun also endlich aus dieser neuesten Ohrfeige lernen: Bioenergie, wie sie heute und mittelfristig erzeugt wird, verursacht mehr Schaden als Nutzen. Sie zerstört Landschaften und Ökosysteme, belastet das Klima und beansprucht Ackerland, das eigentlich die wachsende Weltbevölkerung ernähren müsste. Es ist an der Zeit, endlich diesen Nonsens mit grünem Feigenblatt zu beenden!

30. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30. KW 2012

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