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Onkologie: Krebs geht uns alle an

Die Diagnose Krebs ist überwältigend. Um Patienten Kontrolle zurückzugeben, sollten Ärzte die Krankheit und Therapien genau erklären. Das geht auch ohne Fachbegriffe. Eine Kolumne
Ärztin klärt Krebspatientin auf
Nach einer Krebsdiagnose fühlen sich Betroffene oft machtlos. Umso wichtiger ist es, dass sich die behandelnden Ärztinnen und Ärzte die Zeit nehmen, die Erkrankung in einfachen Worten zu erklären (Symbolbild).

Wussten Sie, dass statistisch gesehen fast jede zweite Person im Laufe ihres Lebens an Krebs erkrankt? Allein in Deutschland sind das jährlich rund 500 000 Menschen. Ist man selbst nicht betroffen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es im nahen Umfeld eine Krebserkrankung gibt. Daher finde ich: Krebs geht uns alle an.

Im klinischen Alltag und im Privaten habe ich allerdings erlebt, dass viele Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung wissen. Häufig fühlen sie sich nicht gut informiert. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es fängt schon bei der Allgemeinbildung an. Wenn ich Menschen auf der Straße fragen würde, wer Goethe war, würde ich vermutlich mehr richtige Antworten bekommen als auf die Frage, was die Definition eines Gens ist.

Ein Blick in die Sachbuchregale von Buchhandlungen offenbart einen weiteren Grund: Während es zwar vor Exemplaren über die unterschiedlichsten Krankheiten und Tabuthemen des menschlichen Körpers wimmelt, mangelt es an seriösen populärwissenschaftlichen Informationen über Krebs. Vielleicht liegt es daran, dass die Krankheit besonders schwer zu greifen ist. Viele andere Erkrankungen – so mein Eindruck – lassen sich schlichtweg leichter erklären und entsprechend besser verstehen. Dass bei einer Herzschwäche die Pumpe nicht mehr so gut funktioniert, ist für viele Menschen vorstellbar. Aber bei Krebs, was genau ist da eigentlich krank?

Einfach erklären lernt man nicht im Medizinstudium

An einer allgemein verständlichen Antwort auf diese Frage scheitern auch häufig Ärzte und Ärztinnen. Von Beginn des Studiums an lernen sie nämlich, sich fachmännisch auszudrücken – also aus dem Lateinischen und Altgriechischen stammende medizinische Fachbegriffe zu benutzen. Laien verstehen diese Sprache in der Regel nicht. Unterlagen über Diagnosen und erfolgte Behandlungen, die so genannten Arztbriefe, richten sich nicht an die Patienten, sondern an die weiterbehandelnden Fachleute. Ärzte verständigen sich also über den Kopf der Patienten hinweg in ihrer eigenen Sprache. Und selbst wenn engagierte Mediziner ihre Befunde gerne ausführlich erklären würden, fehlt ihnen häufig die Zeit dafür.

Kein Wunder also, dass sich viele Menschen im Internet über ihre Erkrankung informieren. Das ist natürlich nicht per se schlecht; heutzutage sucht man nach Antworten auf alle möglichen Fragen im Digitalen. Aber wie bei allen möglichen Themen kursieren dort auch über Krebs Falschinformationen. Im schlimmsten Fall wenden sich die Betroffenen in ihrer Verzweiflung von der evidenzbasierten Medizin ab und beginnen mit vermeintlich alternativen Therapien. Diese verschlechtern oftmals ihre Prognose und sind zudem teuer.

Die Zeit des Bangens

Im Jahr 2014, ich war 25, bekam meine Mutter die Diagnose Krebs. Die Tage, an denen wir darauf warteten zu erfahren, ob er sich schon ausgebreitet hatte, waren die schlimmsten in meinem Leben. Meine Mutter hatte Glück, der Krebs hatte nicht gestreut. Heute ist sie wieder gesund. Damals habe ich also die Angehörigenseite erlebt und den Frust über die knappen Gespräche mit den Ärzten kennen gelernt. Am Ende habe ich selbst die Informationen über die Erkrankung gesammelt und meiner Mutter überbracht. In dieser Phase habe ich die Entscheidung getroffen, nach meinem Biochemie- und Philosophiestudium noch ein Medizinstudium aufzunehmen – mit dem Wunsch, Ärztin für Krebspatienten zu werden.

Heute arbeite ich in der Onkologie und kenne somit auch die andere Perspektive, die der weißen Kittel. Jetzt kann ich die Abläufe von damals besser nachvollziehen. Meine Erfahrungen will ich nutzen, um das Thema Krebs greifbarer zu machen. Gerade weil das Thema die allermeisten von uns irgendwann direkt oder indirekt betrifft, ist es wichtig, es zumindest ein bisschen zu entmystifizieren. In meiner neuen Kolumne erkläre ich die Erkrankung, indem ich auf jeweils eine Frage eine verständliche Antwort liefere, ganz ohne Fachbegriffe. Ob Erkrankte, Angehörige oder Interessierte – die Kolumne ist für alle, die etwas über Krebs lernen wollen. Unabhängig von ihrem Bildungshintergrund, ihrer Muttersprache und ihrem Alter.

»Wenn Krebs über einen hereinbricht, fühlt man sich machtlos«Marisa Kurz, Ärztin auf einer Onkologie-Station

Ich hoffe, dass ich Patienten und Angehörigen mit meinen Erklärungen etwas zurückgeben kann, das vielen bei der Diagnose plötzlich genommen wurde: Kontrolle. Ich kann mich noch daran erinnern, wo ich war, als ich von der Krebsdiagnose meiner Mutter erfahren habe. Der Moment, in dem es mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Die Diagnose, nach der nichts mehr so war wie vorher. Wenn Krebs über einen hereinbricht, fühlt man sich machtlos. Die Erkrankung zu verstehen, zu lernen, welche Wirkungen und Nebenwirkungen die Therapien haben, zu wissen, wie es weitergeht und was sie für sich selbst tun können: All das kann Patienten und Angehörigen etwas Kontrolle zurückgeben und der Erkrankung ein wenig von ihrem Schrecken nehmen.

Doch Wissen bedeutet noch viel mehr als das. Wissen schafft Autonomie. Nur gut informierte Patienten können selbstbestimmte Entscheidungen treffen – etwa, wenn es darum geht, zwischen verschiedenen Therapiemöglichkeiten abzuwägen. Soll man zum Beispiel eine Behandlung beginnen, die die Lebenszeit um Wochen verlängert, aber mit Krankenhausaufenthalten und Nebenwirkungen einhergeht? Oder doch lieber eine rein symptomorientierte Therapie? Solche und andere Entscheidungen können Patienten nur treffen, wenn sie alle Informationen haben und – das ist ebenso wichtig – diese auch wirklich verstanden haben.

Viele Krebserkrankungen lassen sich vermeiden

Von einer einfacheren, klareren Kommunikation über das Thema Krebs profitieren nicht nur Patienten und Angehörige, sondern auch die Gesellschaft. Denn Krebs wird uns in den nächsten Jahrzehnten zunehmend beschäftigen. In unserer älter werdenden Bevölkerung erkranken immer mehr Menschen an Krebs; im Jahr 2030 werden es in Deutschland jährlich rund 600 000 sein. Da Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil der Krebserkrankungen durch Lebensstiländerungen vermieden werden könnte, wird die Krebsprävention künftig immer wichtiger. Menschen haben die Chance, ihr individuelles Krebsrisiko zu senken. Um sie zu ergreifen, müssen sie jedoch wissen, welche Effekte bestimmte Verhaltensänderungen haben.

Selbst politische Entscheidungen werden davon beeinflusst, wie gut eine Bevölkerung über Medizin informiert ist und wie zustimmend oder ablehnend sie gegenüber bestimmten Themen eingestellt ist. Dazu gehören etwa Debatten über Sterbehilfe oder Gentechnik. Gesetzliche Regelungen in solchen oder ähnlichen Bereichen können nicht nur die Forschung an neuen Krebsmedikamenten, sondern auch die klinische Praxis beeinflussen.

Was ist Krebs eigentlich? Warum bekommen manche Menschen ihn und andere nicht? Warum überstehen manche Menschen die Erkrankung, während andere daran sterben? Steht die Forschung kurz vor der Krebsheilung? Können wir uns vor Krebs schützen? Und ist Krebs eigentlich ansteckend? Diese und andere wichtige Fragen rund um das Thema Krebs möchte ich in dieser Kolumne beantworten. Und zwar nicht in medizinischer Fachsprache, sondern in einfachen Worten, mit Hilfe von Beispielen, die Leserinnen und Leser aus dem Alltag kennen.

Strecken Sie einmal eine Hand vor sich aus und spreizen Sie die Finger. Schon bemerkenswert, dass unsere Finger nicht zusammenwachsen und anscheinend ganz genau wissen, wo sie aufhören müssen zu wachsen. Genau diese Eigenschaft unseres Körpers ist bei Krebs gestört: Körperbausteine wachsen plötzlich an Stellen, an die sie gar nicht gehören. Wie es dazu kommt, dass Bausteine unseres Körpers ihre Grenzen nicht mehr respektieren, werde ich im nächsten Beitrag meiner Kolumne in einfachen Worten erklären. Denn: Krebs geht uns alle an, finde ich. Entsprechend möchte ich Antworten liefern, die auch alle verstehen.

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