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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer Hochstapelei ins Unendliche

Vor gut 300 Jahren suchten Erfinder nach dem Perpetuum mobile. Und einer fand’s. Es war eine Sensation, wie unsere Kolumnisten erzählen. Oder stimmte da etwas nicht?
Eine historische Skizze zeigt das Perpetuum Mobile Orfyreanum. Die Abbildung besteht aus zwei großen, nebeneinander angeordneten Kreisen, die durch mechanische Elemente verbunden sind. Links ist ein Gewicht an einem Seil zu sehen, das über eine Rolle geführt wird. Rechts sind Hebel und Stangen sichtbar, die mit dem Rad verbunden sind.
Über sein Perpetuum mobile hat Johann Bessler 1719 eine Abhandlung veröffentlicht. Darin zeigen Abbildungen, wie das Rad aufgebaut ist: »Die Perpendicul, an deren Ende drey Gewichte« hängen – damit ist das dreieckige Gestänge rechts gemeint – soll angeblich das System antreiben.
Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« in ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Im Januar 1718 öffnete Johann Bessler eine Tür auf Schloss Weißenstein. Dahinter verbarg sich eine außergewöhnliche Konstruktion. Mehrere Wochen lang war die Tür versiegelt geblieben, die Fenster waren abgehängt. Seit dem 12. November des Vorjahres hatte niemand mehr den Raum betreten. Und doch – so bestätigte es Karl von Hessen, Landgraf von Hessen-Kassel – habe die Apparatur, ein großes Rad, nicht aufgehört, sich zu bewegen. War es Bessler tatsächlich gelungen, ein Perpetuum mobile zu bauen?

Es ist ein großer Menschheitstraum: eine Maschine, die – einmal angestoßen – ohne weitere Zufuhr von Energie unbegrenzt weiterarbeitet. Das klingt fantastisch und würde viele Probleme lösen. Nur leider ist und bleibt es ein Traum, denn eine solche Konstruktion widerspricht den Grundsätzen der Physik – was viele Erfinder und Tüftler jedoch nicht davon abgehalten hat, es dennoch zu versuchen. Auch von Leonardo da Vinci (1452–1519) existiert ein solcher Entwurf, selbst wenn das Universalgenie deutlich machte, dass es ein Perpetuum mobile für ein »eitles Hirngespinst« hielt, ähnlich wie die Goldmacherei der Alchemisten.

Es ist kein Zufall, dass sich Menschen ungefähr zur selben Zeit, etwa zwischen 1700 und 1750, intensiv mit Perpetua mobilia und Alchemie beschäftigten. Damals vermengten sich Aberglaube, Magie und Mythen mit den Anfängen der modernen Wissenschaft. Es gab zwar bereits die ersten Dampfmaschinen, aber die physikalischen Gesetzmäßigkeiten dahinter waren noch nicht entdeckt.

Die Suche nach einem Perpetuum mobile endete daher mit der Formulierung des ersten Hauptsatzes der Thermodynamik, auch bekannt als Energieerhaltungssatz. Der besagt: Die gesamte Energie in einem geschlossenen System bleibt immer konstant. Sie kann sich umwandeln, zum Beispiel von Bewegungsenergie in Wärmeenergie, aber sie ändert sich nicht.

Mechanikus und Marktschreier

Doch am Vorabend des Maschinenzeitalters traten zahlreiche Erfinder und auch Betrüger mit vielen wundersamen Gerätschaften auf den Plan. Einer von ihnen war Johann Bessler, geboren 1680 in der Gegend um Zittau. Der Bauernsohn war mathematisch begabt und wurde gefördert, damit er das Gymnasium besuchen konnte. Für ein Studium reichten die finanziellen Mittel der Familie allerdings nicht, weshalb Bessler in den nächsten Jahren durch die Lande zog und mit unterschiedlichen Handwerksberufen in Kontakt kam: Kupferstechen, Pulvermachen und Tischlern. Sein Biograf, der Schriftsteller Joachim Kalka, nennt Bessler in dieser Phase seines Lebens »Mechanikus und Marktschreier«.

Auf die Idee, ein Perpetuum mobile zu bauen, brachte ihn angeblich eine Apparatur, die er in einem Kloster besichtigt hatte und die auf ihn einen enormen Eindruck hinterlassen hatte: ein mechanischer Bratspieß. Der wurde allerdings nicht ohne weiteres Zutun angetrieben, sondern durch ein Windrad. Die warme Luft der Feuerstelle stieg nach oben, trieb das Windrad an und über Zahnräder wurde diese Kraft an die Kurbel des Bratspießes übertragen.

In den 1710er-Jahren ließ sich Bessler nieder, heiratete und stellte 1712 in Gera erstmals ein Perpetuum mobile vor. Es folgten weitere Vorführungen, etwa 1713 in Draschwitz und 1715 in Merseburg. Bessler erregte mit seinen Konstruktionen große Aufmerksamkeit. Sogar der berühmte Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) besichtigte eine der Maschinen. Und Peter der Große (1672–1725) schickte aus Sankt Petersburg einen Gesandten. Wenngleich bereits kritische Stimmen laut wurden, die Bessler als Hochstapler zu entlarven versuchten.

Lässt sich die Thermodynamik doch irgendwie aushebeln?

Als der Landgraf von Hessen-Kassel (1654–1730) von den wundersamen Bessler-Rädern erfuhr, war er entzückt. Der Fürst versammelte, ganz im Sinne des aufgeklärten Absolutismus, zahlreiche Gelehrte und Künstler an seinem Hof. Karl von Hessen wurde so zu einem der prägendsten Fürsten der Barockzeit. Starkes Interesse hatte er an Pumpen, die möglichst aufwendige Wasserspiele am Schloss ermöglichen sollten. Der französische Physiker Denis Papin sollte eigens für ihn eine Dampfpumpe bauen, doch daraus wurde nichts. Warum also es nicht einmal mit einem Perpetuum mobile versuchen?

Bratspieß | Der Braten dreht sich wie von allein. Tatsächlich erfolgt der Antrieb über die aufsteigende warme Luft über dem Herdfeuer. Der Architekt Vittorio Zonca aus Padua zeigte den mechanischen Bratspieß in einem Buch aus dem Jahr 1607.

Der Landgraf lud Bessler ein, auf Schloss Weißenstein (heute Schloss Wilhelmshöhe) ein sich immerwährendes Rad zu bauen. Im Herbst 1717 war Bessler fertig und das Experiment konnte starten. Das Rad mit einem Durchmesser von dreieinhalb Metern war mit kleineren Hebeln und einer archimedischen Schraube, einer Wasserhebeanlage, ausgestattet. Bessler setzte es in Bewegung und versiegelte anschließend Türen und Fenster. Um die Vorrichtung zu prüfen, hatte sich der Fürst zwei namhafte Unterstützer an die Seite geholt: den berühmten österreichischen Architekten Joseph Emanuel Fischer von Erlach und den Leidener Mathematik- und Astronomieprofessor Willem ’s Gravesande, Schüler und Freund von Isaac Newton.

Am 4. Januar 1718 wurde die Tür wieder geöffnet: Das Rad drehte sich. Ein Triumph für Bessler! So hieß auch die Schrift, die er kurz darauf unter seinem Erfindernamen Orffyreus, veröffentlichte: »Triumphans Perpetuum Mobile«. Mit seinem Rad, so Bessler, ließen sich Mühlen betreiben, Bergwerke auspumpen, Förderkörbe heben und Sümpfe austrocknen – und natürlich Lustgärten mit Wasserspielen betreiben. Und für 100 000 Taler würde er das Geheimnis seiner Konstruktion auch verraten.

Der Landgraf stellte ihm jedenfalls im Mai 1718 ein Attest aus, in dem er bestätigte, dass sich das Rad, ab dem 12. November, zwei Monate lang ohne weiteres Zutun gedreht hätte. Die Gelehrten blieben allerdings skeptisch. Denn sie durften nicht ins Innere des Perpetuum mobile schauen. Die Mechanik war mit Wachsdecken verhüllt. Der Landgraf zögerte daher mit dem Kauf und bat im Sommer 1721 Fischer von Erlach und ’s Gravesande, die Maschine in Augenschein zu nehmen. Doch Bessler gab den beiden keinen Zugang. Weil er seine Erfindung angeblich vor Nachahmern schützen wollte.

Bald darauf war das Rad defekt, Bessler baute es ab oder zerstörte es. Die genauen Umstände lassen sich heute nicht mehr nachvollziehen. Angeblich hat Bessler seine Erfindung absichtlich, vielleicht aus Wut, vernichtet, weil ’s Gravesande das Geheimnis des Rads lüften wollte – ohne dafür zu bezahlen.

Betrüger oder genialer Ingenieur?

Ein echtes Perpetuum mobile kann Bessler nicht gebaut haben, aber handelt es sich bei der Geschichte wirklich um Betrug? War Bessler ein Hochstapler oder war er einfach nur ein sehr guter Ingenieur, dem es gelang, ein Rad mit einer extrem langen, wenn auch keiner unendlichen Laufzeit zu bauen?

Zur Antwort auf diese Frage liefert ein Dokument einige interessante Hinweise: Eine Magd namens Anna Rosine Mauersberger sagte 1727 unter Eid aus, dass es eine Kurbelvorrichtung zum Nebenzimmer gegeben habe und sie und andere Personen mit dieser Installation das Rad in Schwung hielten – und zwar für zwei Groschen die Stunde. Der Betrug konnte Bessler aber nicht mehr nachgewiesen werden.

Nachdem das Rad bereits 1721 abgebaut oder zerstört worden war, scheint der Erfinder keine weiteren Versuche für ein Perpetuum mobile unternommen zu haben. Anfangs war es eine Sensation, wenige Jahre später nur mehr eine Kuriosität.

Auch war es nie zu einem Verkauf gekommen: Der Landgraf zögerte, Isaac Newton zog im Namen der Royal Society nach einem Brief von ’s Gravesande sein Interesse zurück, und Peter der Große, der 1721 nochmals einen Gesandten geschickt hatte, ließ die Geldverhandlungen irgendwann platzen.

Bessler starb im Jahr 1745, ohne je das Geheimnis gelüftet zu haben, wie sein legendäres Rad tatsächlich angetrieben wurde.

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  • Quellen
Kalka, J., Lichtenberg-Jahrbuch, 2005

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