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»Perseverance«: Hört auf mit den Marsmikroben!

Kein Ort im Weltall wird derart romantisiert wie der Mars. Vieles davon ist Wunschdenken. Und doch bietet der Rote Planet eine große Chance für die Menschheit. Ein Kommentar
Astronaut auf dem Mars (künstlerische Darstellung)Laden...

Die »Perseverance«-Mission muss man einfach toll finden: Hunderte Menschen bauen in jahrelanger Arbeit einen Roboter, schießen ihn an der Spitze einer Rakete ins All und lassen ihn sieben Monate später kunstvoll auf dem Mars landen. Von dort wird der ferngesteuerte Kleinwagen für Jahre Bilder und Messdaten zur Erde funken. Er wird eine kleine Drohne starten lassen. Und er wird Bodenproben in Röhrchen packen, damit eine andere Mission diese in einigen Jahren auflesen und zurück zur Erde bringen kann.

All das wird der 2,7 Milliarden US-Dollar teure, am 18. Februar 2021 erfolgreich gelandete NASA-Rover leisten. Seine Landung markiert einen Höhepunkt menschlicher Ingenieurskunst. Sie lässt Zuschauerinnen und Zuschauer in aller Welt völlig zu Recht staunen, stiftet vielleicht sogar eine Art Gemeinschaftsgefühl. Und sie zeigt uns, was das Universum für uns bereithält, wenn wir uns etwas trauen. Das macht Mut und bringt Hoffnung, gerade in Zeiten einer globalen Pandemie.

Die Suche nach Leben, eine interplanetare Möhre

Man sollte meinen, das genügt. Doch die Mission soll noch mehr leisten: Mit Hilfe der von »Perseverance« gesammelten Proben soll endlich der Nachweis gelingen, dass sich auf dem Mars einst außerirdisches Leben entwickelt hat. Die NASA betont diese Aussicht bei jeder Gelegenheit – eine Art interplanetare Möhre, mit der die US-Weltraumbehörde die Öffentlichkeit die teure Reise zum Mars schmackhafter machen will. Mancher hofft sogar, dass der neue Rover eine Besiedlung des Roten Planeten vorbereitet, wie sie SpaceX-Chef Elon Musk schon vor Jahren als Ziel ausgegeben hat.

Mars-Rover PerseveranceLaden...
»Perseverance« | Der neue Mars-Rover trägt sieben wissenschaftliche Instrumente an Bord. Unter anderem soll er mit seinem Greifarm Proben aus der Oberfläche herausbohren und sie in kleinen Röhren verschließen.

Marsmikroben und Marskolonie sind große Träume, die viele Menschen mitreißen. Doch beides ist Wunschdenken. Ja, auf dem Mars gab es einst große Mengen flüssiges Wasser, das verrät seine von Flusstälern zerfurchte Oberfläche. Aber ob der Planet vor 3,5 Milliarden Jahren wirklich ein erdähnlicher Ort war, wie die NASA suggeriert, ist offen. Klimasimulationen der damaligen Zeit sprechen eher dagegen. Laut ihnen war der Mars in seinen Kindertagen von kilometerdicken Eispanzern bedeckt. Wasser wäre also vor allem unter Gletschern geflossen, etwa nach Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen.

Nicht auszuschließen, dass sich trotz solch widriger Bedingungen Mikroben entwickelt haben. Doch ihre Relikte werden nur mit sehr viel Glück in jenen Proben stecken, die »Perseverance« aus den oberen Zentimetern der Oberfläche herausbohrt. Stattdessen wird der gehypte Rover bloß neues Futter für Wissenschaftler liefern, die sich für schwer greifbare Geologie und Mineralogie begeistern, wie schon seine Vorgänger. Die große Frage nach den Marsmikroben wird dagegen vermutlich offen bleiben, selbst wenn künftige Rover wie das für 2022 geplante ESA-Gefährt ExoMars weiter in die Tiefe vordringen.

Noch nie kamen so viele Raumsonden gleichzeitig beim Roten Planeten an: Mitte Februar erreichten sowohl der Al-Amal-Orbiter der Vereinigten Arabischen Emirate den Mars als auch die Raumsonden der USA und der Volksrepublik China. Letztere tragen jeweils einen Rover an Bord. Der US-Roboter Perseverance landete am 18. Februar auf der Oberfläche und soll dort Proben nehmen sowie einen kleinen Helikopter starten lassen. Das chinesische Gefährt folgt vermutlich im Frühling 2021. Wissenschaftler erhoffen sich von den Missionen neue Einblicke in die Vergangenheit des Mars, in der es wahrscheinlich flüssiges Wasser auf dem heute staubtrockenen Planeten gab.

Genaueres könnten wahrscheinlich erst Astronauten herausfinden, wenn sie eines Tages auf dem Mars landen und schweres Gerät mitbringen. »Perseverance« dient zweifellos auch der Vorbereitung solch einer Mission. Seine Probendöschen, die 2031 die Erde erreichen sollen, werden verraten, ob der Marssand giftige Stoffe enthält. Der Rover soll auch testen, ob sich das CO2 der dünnen Marsatmosphäre in Sauerstoff umwandeln lässt – eine Technik, von der eine Marsbasis profitieren würde.

Auf dem Mars gibt es nichts zu holen

Sollten Raumfahrer in 15 oder 25 Jahren wirklich zum Mars aufbrechen, wird dies aber mitnichten eine Kolonisierung des Weltalls einläuten. Der Mars ist eine trostlose, lebensfeindliche Wüste, die sich auch mit Terraforming nicht in eine zweite Erde verwandeln lässt, auch wenn Elon Musk das immer wieder behauptet. Am Ende gibt es auf dem Mars nichts zu holen, was den enormen Aufwand für eine Kolonie dauerhaft rechtfertigt.

Menschen werden dort vielleicht eines Tages eine Forschungsstation errichten, ähnlich den Außenposten in der Antarktis. Das ist deutlich weniger als die riesige, von Millionen Menschen bewohnte Siedlung, von der Weltraumenthusiasten träumen. Aber es ist etwas, auf das es sich lohnt, hinzuarbeiten.

Nicht weil außerirdische Mikroben so wichtig sind. Nicht weil Ingenieure immer neue Aufgaben brauchen. Sondern weil ein solches Projekt derart aufwändig ist, dass es wohl nur als kollektive Menschheitsleistung gelingen kann. Die USA, China, Russland, Indien und Europa müssten zusammenarbeiten. So würde der Mars dabei helfen, nationale Rivalitäten zu überwinden – und damit das Leben auf der Erde etwas besser, etwas hoffnungsvoller machen.

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