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Warkus' Welt: Philosophie mit Hand und Fuß

Nur die wenigsten Menschen kennen das Gewicht ihrer Arme oder Beine. Das hängt damit zusammen, dass wir den menschlichen Körper auf zwei verschiedene Arten wahrnehmen.
Beine auf einer Wiese

Wissen Sie, wie viel Ihre Beine wiegen? Vermutlich nicht. Die wenigsten Menschen können diese Frage spontan beantworten, obwohl die meisten von uns ihre Beine jeden Tag tausende Male anheben. Auf merkwürdige Weise scheinen sie uns sozusagen gewichtslos, wie auch unsere Arme und unser Kopf. Wenn Sie es zu Silvester ein wenig übertrieben haben, dann haben Sie womöglich erlebt, wie anstrengend es unter Umständen sein kann, den Kopf zu heben. Und vielleicht sind Ihre Beine heute etwas schwer, weil Sie einen ambitionierten Neujahrsspaziergang gemacht haben. Aber eine genaue Vorstellung vom Gewicht Ihrer Körperteile, rein aus dem eigenen Gefühl heraus, werden Sie nicht haben – während Sie zum Beispiel bei vielen Alltagsgegenständen auch ohne Waage recht genau einschätzen können, wie viel sie wiegen. Im täglichen Leben fällt es Ihnen normalerweise nicht auf, dass Arme und Beine überhaupt ein Gewicht haben.

Wenn ich Sie nun beauftragen würde, mir möglichst genau mitzuteilen, wie viel Ihr linkes Bein wiegt, dann würden Sie das vermutlich ähnlich lösen wie ich: Sie würden Ihren gesamten Körper auf die Waage stellen, per Internetsuche ermitteln, wie viel Prozent der Körpermasse im Schnitt auf die verschiedenen Körpersegmente entfallen, und den Prozentsatz für das Bein mit Ihrer Gesamtmasse multiplizieren. (Mein linkes Bein wiegt nach dieser Rechnung übrigens gut 16 Kilogramm.) Die dazu im Netz verfügbaren Werte stammen aus der medizinischen Literatur und wurden teilweise auf recht drastische Weise ermittelt: Man hat schlicht Leichen in Teile zerlegt, diese einzeln auf die Waage gelegt und dann Anteile und Mittelwerte errechnet.

Es gibt also offenbar zwei ganz unterschiedliche Arten, Körperteilen wie Beinen und Armen zu begegnen: Man kann sie selbst haben, dann fällt nicht auf, wie schwer sie sind; man kann sie aber auch behandeln wie irgendwelche Gegenstände, sie zerlegen und wiegen. (Wobei man das Zerlegen natürlich tunlichst Fachleuten überlassen sollte, die mit Leichen arbeiten, die der Wissenschaft gespendet wurden.) Und auch in anderen Momenten gehen wir mit unserem Körper – oder Teilen davon – eher wie mit einem Gegenstand um: Wir waschen und rasieren uns, schneiden uns die Nägel, färben uns die Haare, tätowieren oder piercen uns. Auch im medizinischen Bereich wird am lebenden Körper handwerklich gearbeitet. Es wird genäht und geklebt, aufgesägt und zugetackert, in der Gefäßchirurgie werden Leitungen verlegt und Verstopfungen frei gefräst.

Bei allem, was wir tun (ganz gleich, ob wir es an einem menschlichen Körper tun oder nicht), sind wir selbst immer in einem menschlichen Körper. Genauer gesagt: Wir sind nicht bloß darin. Wir sind dieser Körper selbst.

Der feine Unterschied zwischen Körper und Leib

Die deutsche Sprache verfügt glücklicherweise noch über ein anderes Wort neben "Körper", das man verwenden kann, um hier zu unterscheiden. Genau das tut man nach Edmund Husserl (1859–1938) in der Philosophie und nennt den Körper in der Hinsicht, in der wir Körper sind, "Leib". Ich habe einen Körper; ich bin Leib. Mein Leib und mein Körper sind zwar stets am selben Ort und sie sind mit demselben Gegenstand identisch, aber das eine ist eben das, was bei allem, was ich tue, dabei ist und was ich nie ganz von außen erfassen kann; das andere ist das, was ich wiegen und handwerklich bearbeiten kann – ich als bloße Fleischmasse, als das, was irgendwann einmal in mein Grab gelegt werden wird.

Die Erfahrung, dass etwas plötzlich nicht mehr Teil meines Leibes, sondern nur noch Körper ist, kennen wir in milder Form, wenn uns beispielsweise ein Arm einschläft und wie ein merkwürdig halb totes Objekt an unserer Seite hängt. Auch Krankheiten, Unfälle oder Operationen können die Leibwahrnehmung stark beeinflussen. Von Menschen, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten, ist bekannt, dass sie die weiterhin bestehende Leibwahrnehmung einer abgetrennten Extremität sogar auf einen toten Gegenstand ausdehnen können, indem sie zum Beispiel eine Prothese zum Teil ihres Leibes werden lassen.

Die Erkenntnis, dass Leib und Körper zwar zusammenfallen, aber nicht aufeinander reduziert werden können, hat nicht nur die Philosophie beeinflusst, sondern auch die Psychologie, die Psychiatrie und eigentlich alle wissenschaftlichen Disziplinen, in denen der Mensch als leibliches Wesen eine Rolle spielt. Der Leib ist uns näher als irgendetwas anderes. Er ist das uns allen bekannteste Beispiel für einen Gegenstand, der nicht bloß etwas ist, was Abmessungen, Gewicht und Zusammensetzung hat, sondern immer auch noch mehr: Der Leib ist das Primäre, der Körper das Sekundäre. Im 20. Jahrhundert ist unter anderem aus dieser Überlegung heraus die beliebte Vorstellung, dass alles auf der Welt bloß physikalischer Körper ist und alle weiteren Eigenschaften erst sekundär hinzukommen, ins Wanken geraten.

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