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Warkus' Welt: Warum wir alle hin und wieder ideologisch denken

Ideologie ist als Vernunft getarnte Unvernunft. Doch ganz frei von ihr kann sich niemand machen, erklärt unser Kolumnist Matthias Warkus.
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Es ist Wahlkampf, und daher hat es aktuell Konjunktur, dem politischen Gegner vorzuwerfen, dies oder jenes sei »ideologisch«. Man muss aber gar nicht nach Politiker-Interviews oder Meinungsbeiträgen suchen. Oft reicht es schon, sich Diskussionen in den sozialen Medien zu relativ überschaubaren Themen der Lokalpolitik durchzulesen: Tempo-30-Zone, Mülltrennung, freies Parken für Anwohner, Jugendzentrum – alles lässt sich anscheinend als »bloße Ideologie« oder zumindest »ideologisch geprägt« abwerten. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass »ideologisch« eine reine Worthülse ist: Im Zweifel ist immer alles ideologisch, was einem nicht passt. Ein Unterton, der mitschwingt, ist dabei, dass menschliches Handeln, insbesondere in der Politik, stets möglichst »ideologiefrei« sein sollte. Ideologie scheint eine spezifische Art Unvernunft.

Unabhängig davon, wie kompetent der Begriff der Ideologie in den Untiefen der politischen Kommunikation verwendet wird, hat er in einer gängigen philosophischen Verwendung tatsächlich einen Kern, der sich ganz gut umschreiben lässt. Meine Jenaer Kollegin Peggy H. Breitenstein hat dies 2016 sinngemäß so auf den Punkt gebracht: Ideologien sind Überzeugungen, die sich zwar von denen, die ihnen anhängen, irgendwie erklären und rationalisieren lassen, jedoch falsch sind. Und zwar nicht auf Grund stumpfen Unwissens, sondern auf Grund von »Denkfehlern höherer Ordnung« – Fehlern beim Denken über das eigene Denken. Der Kern von Ideologie sind in dieser Konzeption immer falsche Überzeugungen über die eigenen Überzeugungen.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Antifeminismus und Katzenhass

Das heißt: Simple Falschaussagen für wahr zu halten, ist noch nicht ideologisch. Wenn jemand erzählt bekommt, Katzen seien hinterlistige, treulose Biester, und diese Überzeugung (nennen wir sie die »Biesterthese«) unhinterfragt übernimmt, ist das einfach Unsinn. Stellen wir uns aber vor, jemand sei 1) von der Biesterthese überzeugt und er sei 2) zugleich davon überzeugt, die Biesterthese sei einfach eine biologische Tatsache. In Wirklichkeit glaubt er die Biesterthese aber, weil er 3) von seinem frauenfeindlichen Umfeld beeinflusst ist, Katzen für »unmännliche« Haustiere hält und negative Eigenschaften, die Frauenfeinde Frauen zuschreiben, auf Katzen projiziert. Das ist lupenreine Ideologie. (Wenn Sie das für weit hergeholt halten, beschäftigen Sie sich gerne einmal damit, was man in antifeministischen Kreisen so über Katzen denkt.)

Was die ganze Sache noch komplizierter macht als ohnehin, ist, dass sich Ideologien als unideologisch, als »gesunder Menschenverstand«, »logisches Denken«, »simple wissenschaftliche Tatsache« tarnen. Ideologie ist als Vernunft daherkommende Unvernunft. Um sich am Leben zu halten, muss sie gegebenenfalls ein großes Rad drehen, ein ganzes System von Institutionen und Lehren entwickeln und aktivieren. Es gibt im Prinzip nichts, was sich dem Ideologievorwurf entzieht. Daher ist die Diagnose möglich (und auch gängig), dass die gesamte Gesellschaft, in der wir leben, im Ganzen ideologisch und damit falsch sei.

Aber eigentlich wird allen Formen der philosophischen Ideologiekritik von der einen oder anderen Seite vorgeworfen, selbst ideologisch zu sein. Die ernster zu nehmenden Formen erkennen daher an, dass wir alle, gerade wenn wir versuchen, Ideologie zu entlarven, immer selbst Teil von ideologischen Zusammenhängen sein können, ohne es je gänzlich zu reflektieren zu vermögen. Das heißt, dass wir, selbst wenn wir die ziselierteste, reflektierteste Theoriebildung betreiben, doch nie gesichert frei von Ideologie sein können – auch wenn in der Politik kein Mangel an Menschen besteht, die sich mit völliger Überzeugung genau dafür halten. Wenn irgendetwas ganz sicher Ideologie ist, dann das: sich sicher zu sein, keine Ideologie zu haben.

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