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Umweltschutz: Es wird Zeit für den letzten Strohhalm

Plastik ist heute unverzichtbar - und überall. Selbst fernab der Zivilisation verschmutzt es die Umwelt. Es wird endlich Zeit für drastische Maßnahmen, fordert Daniel Lingenhöhl.
Einsiedlerkrebs mit Plastikhaus

Die wenigsten Menschen kennen wohl Henderson Island – und noch weniger Personen haben dieses tropische Eiland im Südpazifik besucht. Und doch finden sich dort überall am Strand die Spuren unserer so genannten Zivilisation: Plastikmüll, so weit das Auge reicht. Dabei liegt Henderson Island Tausende Kilometer von der nächsten Metropole entfernt und auch weit abseits stark frequentierter Schifffahrtslinien. Trotzdem findet sich im Sand fast alles, was wir aus Kunststoff herstellen, von der Zahnbürste über Wasserflaschen bis hin zu Fischernetzen. Pro Quadratmeter Strand wiesen Wissenschaftler rund 670 Teile aus Kunststoff in unterschiedlichsten Größen nach.

Henderson Island ist kein Einzelfall: An praktisch jedem Strand der Welt findet man Plastikmüll, sofern Tourismusmanager diesen nicht penibel beseitigen lassen. Immer wieder verbreiten sich Bilder und Videos in rasender Geschwindigkeit durchs Internet, die nichts als Müll zeigen; Taucher oder Segler, die sich durch schwimmende Plastiktüten und -flaschen kämpfen. Kunststoffabfälle lassen sich massenhaft in der Tiefsee nachweisen. Sie stecken als Mikroplastik 1000-fach im arktischen Eis, wie eine aktuelle Studie nachgewiesen hat. Der Müll wird von Fischen, Seevögeln oder Walen gefressen, die elend mit gefüllten Mägen daran verrecken. Und an bestimmten Orten entsteht daraus sogar neues Gestein, das Wissenschaftler als Plastiglomerat bezeichnen. Kurz: Plastikmüll ist überall.

© Business Insider
Taucher schwimmt im Plastikmeer

Wie viele Tonnen im Meer schwimmen, ist unbekannt. Sicher ist jedoch, dass weiterhin reichlich für Nachschub gesorgt wird. Seit Entwicklung der Kunststoffe hat die Menschheit (bis 2015) etwa 8,3 Milliarden Tonnen davon produziert. Davon wurden etwa 80 Prozent als Müll auf Deponien und in der Natur entsorgt. Und die Produktionskurven zeigen weiter nach oben. Von der Gesamtmenge der von 1950 bis 2015 geschaffenen synthetischen Materialien wurde in den letzten 13 Jahren etwa die Hälfte hergestellt; bis zum Jahr 2050 könnte der Müll auf mehr als 13 Milliarden Tonnen Plastik anwachsen – wenn nicht endlich eine Trendwende eingeleitet wird. Denn im Gegensatz zu Glas und Papier lässt sich das Material nur schlecht wiederverwenden. Und verglichen mit Stahl oder Beton hat Kunststoff in vielen Fällen nur eine begrenzte Verwendungszeit: Spätestens vier Jahre nach der Produktion ist mehr als die Hälfte des erzeugten Kunststoffs bereits wieder entsorgt – und darin enthalten sind unter anderem Bauteile in Autos oder Kunststoffrohre, die lange genutzt werden. Bei den meisten Plastiktüten, -flaschen, -strohhalmen und anderen Gebrauchsgegenständen bemisst sich die Nutzungsdauer dagegen in Stunden bis Tagen.

Umgekehrt proportional verhält es sich dagegen mit dem Abbau in der Natur. Bis zu 20 Jahre kann es dauern, bis sich eine dünne Plastiktüte zersetzt hat, bei Plastikflaschen rechnen Wissenschaftler mit mehreren hundert Jahren. Salzwasser, UV-Licht und mechanischer Abrieb sorgen zwar dafür, dass das Material in kleinere Bruchstücke zerfällt. Dafür potenziert sich das Problem durch die massenhafte Verteilung von Mikroplastik, das leicht von kleinen Organismen aufgenommen werden kann und sich so in der Nahrungskette anreichert. Im berühmt-berüchtigten nordpazifischen Müllstrudel kommt auf fünf Algen, Krebschen oder sonstige Organismen bereits ein Mikrokunststoffteilchen – und rein vom Gewicht übertreffen diese Abfallreste bereits das gesamte Plankton vor Ort um das Sechsfache.

Es wird Zeit für Verbote

Im Körper wirken die Kunststoffe auf verschiedene Weise – und meist zum Nachteil der Konsumenten: Das Plastik setzt im Körper mitunter hormonell wirksame Verbindungen frei, die das Verhalten der Tiere beeinflussen. Das poröse Material nimmt im Meer oft weitere Schadstoffe wie ein Schwamm auf; darunter bekannte gesundheitsgefährdende Substanzen wie PCB, DDT und andere chlororganische Chemikalien. Unter Laborbedingungen lagerten die kleinen Teilchen Schadstoffkonzentrationen an, die eine Million Mal höher waren als die des umgebenden Wassers. Auf ihrem Weg durch die Nahrungskette können sie sich im Fettgewebe weiter anreichern und ihren Weg bis zum Endverbraucher nehmen – und das sind nicht selten wir.

Feuerfisch inspiziert Plastiktüte im Meer (Symbolbild)
Feuerfisch inspiziert Plastiktüte (Symbolbild)

Es ist also höchste Zeit, endlich etwas gegen die Plastifizierung unseres Planeten zu tun. Manche Supermärkte verzichten bereits auf die Ausgabe von Plastiktüten für den Einkauf, andere verlangen immerhin Geld dafür. Diese Maßnahme hilft, keine Frage. Als in Großbritannien eine Zwangsabgabe von fünf Pence pro Tüte eingeführt wurde, sank die Nachfrage dramatisch. 85 Prozent weniger Plastiktüten gingen während eines Vergleichszeitraums über die Ladentheke. Entsprechend weniger landeten im Müll und endeten schließlich an den Stränden des Königreichs. Schon nach wenigen Jahren war die Zahl der eingesammelten Abfälle um 40 Prozent gesunken. Jute statt Plastik ist also aktueller denn je.

Diese Tüten sind jedoch nur ein kleiner Teil des Problems. Warum müssen heutzutage beispielsweise Gurken einzeln in Plastik eingeschweißt werden – oft sogar die Bioware, während das konventionelle Erzeugnis daneben ohne daherkommt? Die Natur hat das Gemüse bereits mit einer robusten Schale ausgestattet. Das Gleiche gilt für Bananen, Paprika oder Pomelos … Praktische Gründe für den Konsumenten können nicht dahinterstecken, denn die meisten Käufer fluchen wohl eher, wenn sie die Lebensmittel aus den engen Hüllen schälen müssen. Eine Pest für die Umwelt sind auch Plastikstrohhalme (eine Hochrechnung geht allein in Großbritannien von einem jährlichen Verbrauch von mehr als vier Milliarden Stück aus), Ohrenstäbchen mit ihrem Plastikröhrchen (geht auch mit einem Kartonröhrchen), Plastikgebinde für Sixpacks (ebenfalls aus Papier möglich), natürlich Plastikflaschen (in Deutschland existierte einst ein vorbildliches Mehrwegsystem) – und natürlich die Flut an Einwegbechern für Kaffee mit ihren Kunststoffbeschichtungen (gibt es mittlerweile ebenfalls aus robustem Material zum Wiederverwenden).

Selbstverständlich kann man in all diesen Fällen Gegenargumente vorbringen: Menschen mit bestimmten körperlichen Einschränkungen können ohne Strohhalm nicht trinken (für sie muss es Ausnahmen geben), Gurken bleiben in Plastik angeblich länger frisch, PET-Flaschen sind leichter und verringern daher den Energieverbrauch beim Ausliefern … Doch seien wir ehrlich: Viele dieser Produkte kaufen wir aus Bequemlichkeit oder Denkfaulheit, weil wir uns ein Leben ohne Kunststoffe kaum mehr vorstellen können. Und manchmal ahnen wir Verbraucherinnen und Verbraucher nicht einmal, dass wir der Umwelt schaden. Das gilt beispielsweise für all die Mikroplastikpartikel in Shampoos, Duschgels oder Kosmetika, die angeblich fürs Peeling notwendig sind oder den Nutzer attraktiver machen sollen.

Deshalb ist endlich auch der Gesetzgeber gefordert – mit Verboten oder Zwangsabgaben auf bestimmte Einwegmaterialien. Auch wenn Letzteres verpönt ist, aber die Verbraucher haben ja die Wahl. Sie können einmalig in einen Jutebeutel oder Mehrwegbecher investieren und diesen immer wieder verwenden oder aber stets aufs Neue für Wegwerfartikel bezahlen, die für alle die Umwelt verschmutzen und letztlich sogar ihnen selbst schaden können.

17/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17/2018

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