Vorsicht, Denkfalle!: Der »Wie kann man nur!«-Effekt

»Wer mit ausgestrecktem Zeigefinger auf andere zeigt, auf den weisen drei Finger derselben Hand zurück.« Bestimmt kennen Sie diese kluge Weisheit des Alt-Bundespräsidenten Gustav Heinemann. So sehr man sie auch beherzigen sollte – im Alltag sieht die Sache meist anders aus.
So besteht etwa das »Blame Game« in den unsozialen Medien hauptsächlich darin, dass man anderen Leuten Dinge wie Versagen, Unfähigkeit oder bösen Willen vorhält. Ein Grund dafür: Wer fremdes Übel moniert, sagt damit implizit, ihm selbst könne das kaum passieren. Andere des Frevels zu überführen, spricht einen von derlei Verdächtigungen demzufolge frei. Nur warum?
Dahinter steckt die Idee, Wissen bedeute Können. Demnach müsste, wer einen Fehler als solchen erkennt, ihn selbst leicht vermeiden können. Angenommen, ich als Journalist würde mich darüber mokieren, was für einen Stuss Kollege X zusammenschrieb (was ich natürlich nie tun würde!) – da würden Sie doch sicher denken, ich wäre vor derlei Dummschwätzerei gefeit, oder? Dabei verriete meine Anklage herzlich wenig über meine eigenen Kompetenzen.
Scheinheilige Klagen über die Debattenkultur
Aus solchem Kalkül heraus verdammt ein Scharlatan die Scharlatanerie des anderen, und der Populist beklagt scheinheilig die Verrohung der Debattenkultur. Mir fällt auch regelmäßig auf, dass Leute, die Vorurteile etwa gegenüber Migranten sehr schlimm finden, zugleich oft andere wegen ihrer Vorlieben aburteilen. Wer gern Fußball schaut oder Schlager mag, ist bei ihnen rasch »unten durch«. Erstaunlich, wenn man doch sonst so allergisch auf Stereotype reagiert!
Und weshalb der »lupenreine Demokrat« Putin und seine Schergen im Kreml behaupten, sie müssten in der Ukraine Nazis bekämpfen, bedarf damit wohl keiner Erklärung mehr.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Die Fokussierungsillusion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
Sigmund Freud erkannte scharfsinnig, dass hinter Schuldzuweisungen oft die gleiche, verdrängte Neigung steckt. Nur weil sich derjenige das nicht eingestehen kann, klagt er andere an. Klassisches Beispiel: der Schwulenhasser, der selbst zur Homoerotik neigt.
Projektion im Experiment
Ein Team um den Psychologen Leonard Newman wies die Projektion unliebsamer Eigenschaften schon im Jahr 1997 auch empirisch nach. Es fragte Probanden, welches Merkmal – etwa Geiz, Arroganz oder Egoismus – ihnen an ihnen selbst am unangenehmsten wäre. Später sollten die Probanden sich daran erinnern, wann sie selbst oder andere derart unschöne Charakterzüge an den Tag gelegt hatten. Und siehe da: Wer etwas besonders blöd fand, erinnerte sich viel seltener an eigene entsprechende Fauxpas – erkannte bei anderen jedoch deutlich mehr Beispiele dafür als Teilnehmende, denen die fragliche Schattenseite eher gleichgültig war.
Martina Kaufmann von der Universität Trier und ihre Kollegen glauben, dass dies womöglich an einer schwächeren Fähigkeit zur Gefühlsregulation liegt. Wer sein Unbehagen nicht anders im Zaum halten könne, setze vermehrt auf Fremdbeschämung.
Nun sollte man nicht Freuds Fehler wiederholen und jedem, der etwas lauthals beklagt, unterstellen, ebendas treffe damit auf ihn selbst zu. So einfach ist das nicht. Dennoch sollten wir den selbstimmunisierenden Effekt der Anklage ernst nehmen. Er wird zwar manchmal unbewusst eingesetzt, doch oft steckt auch Strategie dahinter.
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