Schulpsychologie: Belastung hoch, Unterstützung unzureichend

Seit Mai 2025 macht die Bundesschülerkonferenz mit der Kampagne »Uns gehts gut?« auf die psychische Lage junger Menschen aufmerksam. Die Antwort auf die Frage fällt eindeutig aus: Vielen Kindern und Jugendlichen geht es nicht gut. Das belegt etwa die aktuelle COPSY-Studie (Child Outcomes in Psychology): Mehr als ein Fünftel der 7- bis 23‑Jährigen in Deutschland fühlt sich psychisch belastet – ein größerer Anteil als vor der Covid-19-Pandemie. Die starke Nachfrage nach Behandlungsplätzen für Kinder und Jugendliche bestätigt dieses Bild: Mehr als jeder Siebte in dieser Altersgruppe ist behandlungsbedürftig, doch höchstens jeder 50. erhält tatsächlich eine richtlinienbasierte Psychotherapie, wie Daten aus einer systematischen Überblicksarbeit zeigen. Besonders betroffen sind junge Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien; Belastungen treffen sie häufiger und oft schwerer.
Wenn Kinder oder Jugendliche in der Schule mit psychischen Problemen auffallen, sind zunächst Eltern, Lehrkräfte und Schulsozialarbeit gefragt. Reicht das nicht aus, kommt die Schulpsychologie ins Spiel. Sie unterstützt Schulen bei allen psychologischen Fragen – von Einzelberatungen und -diagnostik über akute Krisenhilfe bis hin zu Fortbildungen für Lehrkräfte und zur Begleitung von Schulentwicklungsprozessen.
Jedes Bundesland hat Versorgungslücken
Grundsätzlich haben alle Schulen und Familien in Deutschland Anspruch auf schulpsychologische Unterstützung. Wie diese genau organisiert ist, unterscheidet sich jedoch zwischen den Bundesländern und teilweise sogar innerhalb der Länder. Hinzu kommen erhebliche Unterschiede bei der Versorgung: Während in Bayern, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2024 eine schulpsychologisch qualifizierte Fachkraft auf etwa 3000 Schüler kam, war der Versorgungsschlüssel in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt teils deutlich schlechter als 1 zu 8000. Die Empfehlung nationaler und internationaler Fachverbände liegt bei 1 zu 1000. Davon sind wir in Deutschland nahezu überall weit entfernt.
Mehr psychologische Fachkräfte wären wichtig – aber nicht genug. Entscheidend ist, was sie machen und wie sie arbeiten können. In Deutschland konzentrieren sich soziale Dienste und Gesundheitssystem traditionell stärker auf die Behandlung von Problemen, die bereits entstanden sind. Gerade im Kindes- und Jugendalter mit seinen sehr sensiblen Entwicklungsphasen wäre es jedoch geboten, gravierende Belastungen frühzeitig zu verhindern. Schulpsychologie sollte deshalb nicht nur Krisen eindämmen helfen, sondern stärker präventiv wirken können – etwa indem sie Schulen unterstützt, förderliche Lernbedingungen zu schaffen und belastende Stressoren zu reduzieren.
Viele Kinder und Jugendliche benötigen allerdings jetzt Hilfe. Die Zahl der Anfragen nach schulpsychologischer Begleitung sowie die langen Wartezeiten für eine Psychotherapie zeichnen hier ein eindeutiges Bild. Eltern, die einen Behandlungsplatz für ihr Kind suchen, berichten oft von zahlreichen Absagen, hohem Suchaufwand und enormer zusätzlicher emotionaler Belastung. Und das in einer Phase, in der sie sich ohnehin schon große Sorgen um die seelische Gesundheit ihrer Kinder machen. Diese wiederum stehen unter anhaltendem Stress, ziehen sich mitunter von ihren Freunden zurück oder meiden die Schule. Das ist auch verständlich: Ein Kind, das psychisch angeschlagen ist, verfügt über weniger Ressourcen, schulische Anforderungen zu meistern. Wenn dann noch weitere Krisen oder Probleme hinzukommen, reicht die Kraft in vielen Fällen schlicht nicht mehr.
Die Entwicklung vieler junger Menschen ist gefährdet
Die psychische Gesundheit junger Menschen ist kein Randthema individueller Fürsorge, sondern eine strukturelle Gerechtigkeits- und Prioritätenfrage. Die bestehende Versorgungslücke in Deutschland im Bereich der psychosozialen Unterstützung gefährdet die Entwicklung und den Schulerfolg vieler junger Menschen. Hier braucht es ein grundlegendes Umdenken hin zu mehr systematischer Vorbeugung. Die Basis dafür bilden bessere Rahmenbedingungen: lern-, entwicklungs- und gesundheitsförderliche Schulumwelten, evidenzbasiert gestaltet; mehr Engagement gegen psychische Gewalt; niedrigschwellige Anlaufstellen für psychisch belastete Schülerinnen und Schüler; wirksame Maßnahmen gegen gesellschaftliche Benachteiligung; und eine echte Beteiligung junger Menschen bei der Ausgestaltung ihrer Lebenswelten.
Dafür müssen sich die Strukturen und Prioritäten im Bildungssystem ändern, ebenso wie unsere grundsätzliche Haltung gegenüber den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen in einer zunehmend unsicheren Welt. Eine bessere schulpsychologische Versorgung könnte hier eine Schlüsselrolle übernehmen: Sie kann individuelle Bedarfe und schulische Rahmenbedingungen durch unabhängige Analyse und fachliche Beratung miteinander verbinden – vorausgesetzt, Mandat und Ausstattung werden diesem Anspruch gerecht.
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