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Handbuch für psychische Störungen: Ist es an der Zeit, die Psychiatriebibel abzuschaffen?

Das Manual für psychische Störungen wird überarbeitet. Aber anstatt nur die diagnostischen Kategorien zu verbessern, sollte es dabei endlich mehr um die Bedürfnisse der betroffenen Menschen gehen. Ein Kommentar.
Eine Person hält einen Notizblock und einen Stift in der Hand, während sie mit einer anderen Person spricht, die im Hintergrund unscharf zu sehen ist. Die Szene wirkt wie ein Beratungsgespräch oder ein Interview. Der Fokus liegt auf den Händen und dem Notizblock.
Am Anfang einer Psychotherapie steht in der Regel die Diagnose: Sie ordnet die psychischen Beschwerden einer oder mehreren Kategorien zu.

Seit mehr als 70 Jahren diagnostizieren viele Ärztinnen und Ärzte psychische Erkrankungen mit der »Bibel der Psychiatrie«, dem »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM). Das Handbuch, veröffentlicht von der American Psychiatric Association (APA) und zuletzt 2022 aktualisiert, legt diagnostische Kriterien für psychische Erkrankungen fest, von Autismus‑Spektrum‑Störungen bis hin zu Substanzmissbrauch und Persönlichkeitsstörungen.

Die beiden Diagnosehandbücher DSM und ICD

Die USA verwenden das DSM in der klinischen Forschung und Praxis. Auch in der internationalen Forschung wird es häufig eingesetzt. Der offizielle Standard im Gesundheitssystem dagegen ist in den meisten anderen Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, die von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte ICD (International Classification of Diseases). Bei der Klassifikation von psychischen Störungen unterscheiden sich DSM und ICD in vielen Details. Aber das Grundprinzip ist dasselbe: Die psychischen Probleme werden Kategorien zugeordnet, sofern die jeweiligen Kriterien erfüllt sind, das heißt, sofern bestimmte Merkmale vorliegen und andere ausgeschlossen sind. (red)

Fast ebenso lange gibt es schon Kritik am DSM. Im Januar 2026 kündigte die APA an, bei der bevorstehenden Überarbeitung des Manuals einige dieser Kritikpunkte angehen zu wollen. So plant sie beispielsweise, Informationen zu den biologischen, umweltbedingten und kulturellen Ursachen psychischer Erkrankungen in das Handbuch aufzunehmen – Aspekte, die bislang fehlten. Zudem betont die APA, es sei wichtig, die Erfahrungen von Betroffenen stärker einzubeziehen.

Diese geplanten Änderungen sollen die diagnostische Kompetenz von Fachkräften verbessern. Aus meiner Sicht bedeutet das jedoch nur, weiter an einem verfehlten Ansatz herumzubasteln. Denn wichtiger als Diagnosen sind bessere Lebensumstände. Fachleute sollten sich darauf konzentrieren, Menschen bedürfnisgerecht zu versorgen – nicht darauf, die Menschen zu etikettieren.

Psychisches Leiden lässt sich durch Symptomlisten und Etiketten nur unzureichend beschreiben

In meiner Heimat, den Niederlanden, wurde bei rund einem Viertel der Bevölkerung eine psychische Störung diagnostiziert. Diagnosen verraten jedoch weder, was die damit verbundenen Erfahrungen verursacht, noch wie man belastende Gefühle lindern kann. Die Merkmale von psychischen Leiden – etwa anhaltende Traurigkeit oder Suizidgedanken – hängen eng mit sozialer Ungleichheit, Bildungsdruck und anderen Stressfaktoren zusammen. Wer psychische Probleme ausschließlich als medizinisches und nicht als soziales Phänomen betrachtet, wird deshalb weniger daran interessiert sein, die eigentlichen Ursachen anzugehen.

Psychisches Leiden lässt sich durch Symptomlisten und Etiketten nur unzureichend erfassen. Egal ob die Diagnose Angststörung, Sucht oder Psychose lautet: In allen Fällen können ähnliche Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Ausweglosigkeit auftreten. Umgekehrt können zwei Personen mit derselben Diagnose unterschiedlich anfällig sein für Stigmatisierung oder Selbstverletzungen, und sie können unterschiedliche Ressourcen und Bedürfnisse haben. Doch genau auf diese Bedürfnisse sollten sich Fachkräfte konzentrieren.

Wenn die grundlegende Logik des DSM verfehlt ist, sollte man es aufgeben. Stattdessen sollten Psychiaterinnen und Psychiater zu einem System übergehen, das die psychischen Erfahrungen eines Menschen in ihrem Kontext betrachtet, gemeinsam mit seinen individuellen Schwächen und Stärken. Das muss die Grundlage sein, um ein Leiden zu analysieren und darauf zu reagieren. Eine solche Diagnose würde der Erkrankung nicht mehr nur einen Namen geben. Vielmehr würde sie aufzeigen, welche Arten von Unterstützung, Beziehungen und Lernprozessen einem Menschen am ehesten helfen könnten, wieder handlungsfähig zu werden, das eigene Leben als sinnhaft zu erleben und eine Zukunft für sich zu sehen.

Ein Beispiel: Jemand erlebt Verfolgungswahn und akustische Halluzinationen, meidet Kontakte, leidet unter Schlafstörungen und konsumiert Cannabis. Derzeit würde in diesem Fall vermutlich eine Schizophrenie diagnostiziert; es würden Medikamente und, soweit verfügbar, eine Psychotherapie empfohlen. In einem bedürfnisorientierten Modell hingegen würde man Unterstützung anbieten, etwa dabei, den Cannabiskonsum einzuschränken, Beziehungen aufzubauen und eine Selbsthilfegruppe zu finden.

In sechs niederländischen Regionen wird derzeit ein solcher Ansatz erprobt, an dessen Entwicklung ich beteiligt bin. Er basiert auf einer engen Zusammenarbeit verschiedener Dienste, die sich um die psychiatrische und medizinische Grundversorgung, soziale Belange, Selbsthilfegruppen und anderes kümmern. Welche Dienste sie in Anspruch nehmen wollen, können die Betroffenen überwiegend selbst entscheiden und so auf verschiedenen Wegen in das System »einsteigen«. Ein erstes Gespräch mit einer Fachkraft klärt den Bedarf, und anschließend kann die betroffene Person flexibel zwischen den Angeboten wechseln – ohne dafür eine Überweisung zu benötigen. In jedem dieser Dienste können sich komplexe Fälle und Hochrisikogruppen von psychiatrischen und psychologischen Fachkräften beraten und unterstützen lassen.

So könnte sich die Psychiatrie stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren

Ich bitte Organisationen wie die APA dringlich, sich für solche Versorgungssysteme einzusetzen. Meiner Ansicht nach sollte die APA den neuen DSM‑Fahrplan verwerfen und sich stattdessen darauf konzentrieren, alternative Best-Practice-Ansätze zu erkunden. Um sich in diese Richtung zu bewegen, muss sich auch die Forschung neu ausrichten: darauf, wie sich psychische Erfahrungen von Individuen entwickeln und welchen Einfluss die Umwelt darauf nimmt.

Viele Psychiaterinnen und Psychiater stehen einem möglichen Verzicht auf diagnostische Kategorien skeptisch gegenüber. Diagnosen wie ADHS oder Autismus können Betroffenen Anerkennung und Zugang zu Unterstützung verschaffen. Doch sollten die Fachkräfte vermeiden, diagnostische Etiketten mit der Identität oder dem Verhalten einer Person gleichzusetzen. Medikamente wie Antipsychotika und Antidepressiva werden ohnehin bereits transdiagnostisch, das heißt über verschiedene Diagnosen hinweg, verschrieben. Ein bedürfnisorientierter Ansatz würde die Medikation an den Kernproblemen ausrichten, etwa mit dem Ziel, Ängste oder Schlafstörungen zu mindern.

Die Sorge, dass ein solcher Wandel bestehende Ungleichheiten noch verstärken könnte, ist legitim – besonders seitens Frauen oder Minderheiten, deren Erfahrungen oft nicht ernst genommen werden. Doch viele diagnostische Kategorien entstanden unter spezifischen kulturellen und historischen Gegebenheiten und basieren auf Annahmen über die Geschlechter wie ihrem typischen Verhalten und emotionalen Ausdruck. Ein an den individuellen Erfahrungen ausgerichteter Ansatz erleichtert es, Leid zu erkennen, das nicht den Stereotypen entspricht.

Es ist an der Zeit zu fragen: Was passiert hier eigentlich, und unter welchen Bedingungen würde diese konkrete Person Fortschritte machen? Mit einem solchen Ansatz könnte die Psychiatrie wirksam bleiben, zugleich gerechter werden und sich stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren.

Die Bibel der Psychiatrie wird neu geschrieben:Das soll sich in der nächsten Ausgabe des DSM ändern.

  • Quellen
Van Os, J., Nature 10.1038/d41586–026–00470–7, 2026

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