Vorsicht, Denkfalle!: Warum psychologische Effekte auf einmal verschwinden

Meine heutige Kolumne mag auf den ersten Blick so wirken, als rückte ich – in der 29. Folge! – die »Gesetze« der Psychologie ins Zwielicht. Die Rede ist vom »decline effect« (zu Deutsch: Schrumpfungseffekt), laut dem psychologische Befunde in nachfolgenden Studien häufig schwächer als im Original ausfallen – manchmal geschrumpft bis zur Unauffindbarkeit.
Zunächst sollten wir aber eines bedenken: So funktioniert Wissenschaft. Wer unbezweifelbare Antworten will, muss Gurus und Geistliche fragen – die reden zwar auch oft von »Wissenschaft«, meinen aber Dogmen, die sie kreativ ausstaffieren und verteidigen. Forschung hingegen produziert nie Gewissheit, sondern immer nur den aktuellen Stand des Irrtums. Damit man sich emporirren kann, ist eine Revision der Fehler unerlässlich.
Dafür muss man allerdings auch Korrekturmechanismen besitzen, die schlechte Erklärungen von besseren unterscheiden. Sonst geht es nicht voran, sondern man treibt nur die gerade angesagte Sau durchs Dorf, bis die nächste um die Ecke schießt.
Stimmt’s wirklich? Das Reproducibility Project
Doch nun zur Sache: Der Psychologe Brian Nosek von der University of Virginia rief Ende 2011 das Reproducibility Project ins Leben, das 2015 mit der Wiederholung von 100 Studien aus der Sozialpsychologie Furore machte. Lediglich 38 davon ließen sich damals bestätigen. Jetzt erschien eine Neuauflage dieser Arbeit, an der ein Verbund von rund 300 Experten weltweit beteiligt war. Sie testeten insgesamt 274 Ergebnisse aus 164 Studien.
- Der fundamentale Attributionsfehler
- Die Normalitätsverzerrung
- Der Rückschaufehler
- Die Wissensillusion
- Die Verlustaversion
- Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom
- Der action effect
Diesmal lautet das Fazit: Nur die Hälfte hielt der Prüfung stand. Ergo fiel jeder zweite psychologische Effekt durch. Und auch bei denjenigen, die im Prinzip bestätigt wurden, schrumpfte die Effektstärke im Mittel um ein Drittel. Da fragt man sich: Woran liegt das?
Psychologie – alles Lug und Trug?
Bewusste Fälschungen sind eher nicht das Problem. Die gibt es zwar, doch sie verraten sich meist dadurch, dass die angeblich erhobenen Daten zu gut sind, um wahr zu sein – oder unauffindbar. Es sind vielmehr die kleinen Trugschlüsse des Alltags am Werk, die persönliche Voreingenommenheit und Auslese mutmaßlich unpassender »Ausreißer« sowie andere methodische Mängel. So feiern Forschende – deren Karriere ja davon abhängt – gern ihnen genehme Resultate und verwerfen die irritierenden.
Hinzu kommt die Grenze der statistischen Logik: In einer Welt, in der das Pendel der Wahrheit leicht mal in die eine oder die andere Richtung schwingt, weil die Daten sehr vielen, teils schwer kontrollierbaren Faktoren unterliegen, sind singuläre Effekte eben kein »Beweis« und das Fehlen derselben keine »Widerlegung«. Das gilt etwa für den »Power posing«-Effekt. Demnach fühlen sich Probanden mächtiger, wenn man sie zuvor (unter einem Vorwand) gebeten hatte, sich aufrecht mit ausgestreckten Armen hinzustellen. Solche unbewusste Beeinflussung kann, muss aber nicht funktionieren. Nur eine komplexe Gesamtbetrachtung der möglichen Gründe und Mechanismen dahinter gibt Aufschluss.
Brian Nosek erklärt dazu: Wenn sich von 17 potenziellen Einflüssen sechs in Studien als kaum wirksam erweisen, bleiben immerhin noch elf. Das ist zwar unübersichtlich, dennoch weiß man mehr als vorher. Nur lässt sich daraus nicht so leicht eine Erfolgsmeldung stricken.
Was bleibt, ist die Einsicht: Gute Psychologie ist aufwendig. Sie kennt kein simples »A macht (immer und ausschließlich) B«; vielmehr ist oft das halbe Alphabet in verschiedenen Kombinationen beteiligt. Das Schöne daran: Der Stoff für neue Folgen dieser Kolumne wird nie ausgehen.
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