Direkt zum Inhalt

Vorsicht, Denkfalle! : Reue für Fortgeschrittene

Bereuen wir stärker, was wir getan haben – oder was wir nicht getan haben? Der viel zitierte psychologische »action effect« hatte darauf eine klare Antwort. Doch die ist rissig geworden, weiß unser Kolumnist.
Eine Person mit hellem Haar hält ihre Hände an die Wangen und blickt nach oben, als ob sie überrascht oder erfreut ist. Der Hintergrund ist in einem sanften Rosa gehalten. Die Person trägt einen beigen Mantel mit einem flauschigen Kragen.
Ach Gott, ach Gott, ach hätt’ ich doch, ach wär’ ich nicht …
Irren tun immer die anderen. Man braucht etwas nur oft genug zu hören, um es zu glauben. Und wer sein Gegenüber imitiert, wirkt sympathisch. Der Psychologe und Bestsellerautor Steve Ayan stellt in seiner Kolumne »Vorsicht, Denkfalle!« die wichtigsten Effekte und Verzerrungen der menschlichen Psyche vor.

Erst hatte ich kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Dieser Fußballerspruch beschreibt gut, was mir neulich in der Bahn widerfuhr. Mein Zug hatte – Sie glauben es kaum – Verspätung. Ich drohte meinen Anschluss zu verpassen und suchte, ganz schlau, online nach Alternativen. Oh Wunder, an dem Bahnhof, wo mein Regionalzug gerade hielt, würde gleich ein ebenfalls verspäteter ICE eintreffen, der mich noch rechtzeitig ans Ziel brächte. Ich schnappte meine Sachen und sprang hinaus.

Stolz auf die beherzte Tat stieg ich um. Doch die Freude verging mir jäh, als der neue Zugchef verkündete, man müsse leider einen Umweg nehmen und die nächsten beiden Halte auslassen. Tja. Wäre ich sitzen geblieben, wäre ich spät, aber immerhin ans Ziel gelangt. Fragen Sie nicht, wie lange ich noch unterwegs war!

Bereuen wir Fehlschläge mehr als nicht ergriffene Chancen? Laut dem in Studien reich dokumentierten »action effect« ist das der Fall. Die klassische Untersuchung dazu veröffentlichten 1982 zwei gute Bekannte: der Psychologe Daniel Kahneman (1934–2024) und sein Kollege Amos Tversky (1937–1996). Sie stellten ihren Probanden ein fiktives Duo vor: Paul hatte in Aktien der Firma A investiert und überlegte, sie zu verkaufen, um stattdessen Papiere der Firma B zu erwerben. Doch er ließ es. George dagegen besaß Aktien von B, entschied sich aber, sein Portfolio auf A umzuschichten.

Dummerweise stieg der Kurs von B, während der von A purzelte. So waren Paul wie George am Ende je 1200 Dollar ärmer, nur hatte George den Verlust aktiv herbeigeführt, während Paul bloß ein Gewinn entgangen war. Wer bereute mehr? Der »Macher« George natürlich.

Reue als Wegweiser im Entscheidungslabyrinth

Doch bald schon zeigte sich in der weiteren Forschung, dass »Tatreue« wohl eher eine kurzfristige Reaktion darstellt. Je weiter wir in unsere Vergangenheit zurückblicken, desto mehr betrüben uns die ausgelassenen Chancen. Das ist auch sinnvoll. Denn wären Taten grundsätzlich heikler als Unterlassungen, würden Menschen auf Dauer wohl in Passivität erstarren. Schließlich empfinden wir Reue nicht zum Spaß, sondern weil sie als Wegweiser im Entscheidungslabyrinth dient.

Auch eine Arbeitsgruppe um den Niederländer Marcel Zeelenberg von der Universität Tilburg zeigte, dass Nichtstun unter Umständen mehr wurmt als unnützer Aktivismus. In ihrem Experiment ging es um zwei Fußballtrainer, deren Teams beide das letzte Spiel verloren hatten. Der eine Coach wechselte nun drei neue Kicker ein, der andere ließ seine alte Elf auflaufen. Das nächste Spiel ging jeweils 0 : 4 verloren. Hier bereute laut einem Probandenvotum der aktive Trainer weniger – immerhin hatte er etwas probiert.

Offenbar hängt Reue über einen Fehlschlag im Vergleich zu Tatenlosigkeit von vielen Dingen ab: vom Ausgang, aber auch von früheren Erfahrungen, der Erwartung und dem Grad der Verantwortung. Und wie in meiner letzten Kolumne dargelegt, weiß man ohnehin nie sicher, wie es anders gelaufen wäre.

Fazit: Fehlschläge bereuen wir nicht grundsätzlich mehr als das »dolce far niente« (italienisch für: das süße Nichtstun). Gut abwägen muss man in jedem Einzelfall, sonst trifft einen am Ende die Warnung des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623–1662): »Sämtliche Probleme beginnen damit, dass der Mensch nicht still in einem Zimmer sitzen kann.«

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen
Kahneman, D., Tversky, A., Scientific American 10.1038/scientificamerican0182–160, 1982
Gilovich, T., Medvec, V., Psychological Review 10.1037/0033–295X.102.2.379, 1995
Zeelenberg, M. et al., Journal of Personality and Social Psychology 10.1037/0022–3514.82.3.314, 2002

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.