Risikobewusstsein: Vorsicht, aber keine Panik!

Kann Deutschland noch mit winterlichen Verhältnissen umgehen? Diese Frage hört man gerade allerorten. Kaum schmilzt der über Nacht gefallene Schnee mal nicht innerhalb weniger Stunden wieder weg, lässt die Deutsche Bahn Züge ausfallen, werden Schulen geschlossen und Arbeitnehmer ins Homeoffice geschickt. Aus der Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes, die erheblichen Schneefall, starken Wind und Schneeverwehungen für den Norden ankündigte, wurde schnell ein mediales Großereignis. Teils war von »Katastrophe« und von »lebensgefährlichen Zuständen« zu lesen. Doch vielerorts stellte sich die Lage schlussendlich anders dar. Sturmtief »Elli« fiel weniger schlimm aus als befürchtet. Und auch das darauffolgende Tief »Gunda«, das gefrierenden Regen bringen sollte, sorgte nicht für eine ungewöhnlich hohe Zahl an Unfällen. Alles also völlig übertrieben?
Das Problem ist nicht die Warnung selbst. Die ist wichtig, damit Menschen sich vorbereiten können und nicht von den Witterungsverhältnissen überrascht werden. Nicht zu warnen, wäre fahrlässig und gefährlich. Zu einem Problem wird die Warnung aber schon, wenn aus vorauseilendem Gehorsam das halbe Land lahmgelegt wird – und dann nicht eintritt, was vorhergesagt wurde, oder in weit geringerem Ausmaß. Übertreibung lässt Menschen abstumpfen und im Ernstfall weniger risikobewusst agieren. Vorsicht ist angebracht, aber keine Panik. Besser wäre es, fundiert zu informieren und an die Eigenverantwortung der Bevölkerung zu appellieren.
Natürlich ist es leichtsinnig, bei eisigen Temperaturen und Schneefall mit Sommerreifen zu fahren. Genauso wie man im Winter auf glatten Straßen und Wegen nicht zu Fuß auf profillosen Ledersohlen oder mit Pumps unterwegs sein sollte. Wer dann stürzt oder in einen Graben rutscht, ist – Verzeihung! – selbst schuld. Das lässt sich jedoch als Einzelschicksal abtun. Wenn aber landesweit Schulen schließen, stehen zahlreiche Familien vor einem Betreuungsproblem. Wenn Bahnen aus purer Vorsicht nicht fahren, kommen Millionen Menschen nicht zur Arbeit. Da wäre es mitunter vernünftiger, die Lage auf sich zukommen zu lassen und vorab Tipps zu geben, wie man sich bei Schnee und auf Eis richtig verhält.
Wie schwierig eine solche Balance zwischen Vorsicht und Übertreibung ist, hat sich im Umgang mit dem Winterwetter der vergangenen Woche gezeigt. Wird gewarnt und es kommt weniger schlimm, wird geschimpft. Wird nicht gewarnt und es kommt schlimm, wird auch geschimpft.
Klar ist: Jede Wettervorhersage – so präzise und fundiert sie auch inzwischen sein mag – ist mit Unsicherheit behaftet. Wetter ist schlicht nicht komplett berechenbar und kann sich auch lokal stark unterscheiden. Vor allem Sturmtiefs und ihre Zugbahn sind sehr dynamisch und stellen Meteorologinnen und Meteorologen vor besondere Herausforderungen. Das liegt in der Natur der Sache: Was in der Atmosphäre passiert, ist komplex und chaotisch. Erst wenn ein Unwetter näherrückt, verbessert sich die Vorhersage der genauen Auswirkungen. Doch mit solchen Unsicherheiten können viele Menschen nicht mehr umgehen.
Wenn im Zuge des Klimawandels Extremwetterlagen in ihrer Häufigkeit zunehmen, werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass manche Warnungen gerechtfertigt sind und ein umsichtiges Handeln erfordern. So sind bei Starkregen Unterführungen und andere tieferliegende Stellen zu meiden; bei Gewitter und Sturm sollte man sich im besten Fall drinnen aufhalten. Doch eine Garantie, dass das vorhergesagte Unwetter eintritt, gibt es nicht. Es wird also auch immer wieder Warnungen geben, die sich als übertrieben herausstellen. Doch wie so oft kommt es am Ende auf Eigenverantwortung und Risikobewusstsein an und ein gewisses Maß an Gelassenheit – dann kann man das Winterwetter auch genießen.
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