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Lobes Digitalfabrik: Robo-Doc, bitte in den OP

Roboter spielen auch in der Medizintechnik eine zunehmend wichtige Rolle. Über Chancen und Risiken der robotergestützten Chirurgie.
Operation mit Roboterassistenz

Roboter sind auf dem Vormarsch. Nicht nur im Straßenverkehr und in Fabrikanlagen, sondern auch im Gesundheitswesen. In immer mehr OP-Sälen kommen Roboter zum Einsatz, die Schnitte im Gewebe durchführen, Wunden nähen oder Blutungen stillen. Gesteuert wird der Operationsroboter von einem Arzt, dessen Hand durch einen Roboterarm ersetzt wird.

Die roboterassistierte Chirurgie hat auf den ersten Blick nur Vorteile: Sie ist präzise, minimalinvasiv und schonend. Der Roboter zittert nicht und wird nicht müde. Mit der robotergestützten Da-Vinci-Methode, die in immer mehr Kliniken etwa bei Prostata- oder Hüftgelenkoperationen zur Anwendung kommt, soll es möglich sein, in bis zu 20-facher Vergrößerung nahezu blutungsfrei zu operieren. Laut AOK sterben jährlich 19 000 Menschen durch vermeidbare Behandlungsfehler in deutschen Kliniken. Das ist die Größe einer Kleinstadt. Doch bei so empfindlichen Gesundheitsfragen wie einem chirurgischen Eingriff geraten rationale Erwägungen in den Hintergrund, überwiegen emotionale Motive. Wer möchte von einem Roboter operiert werden? Vor die Frage gestellt, ob man von einem Roboarzt oder einem Medikus aus Fleisch und Blut behandelt werden möchte, würde wohl die überwiegende Mehrheit für den Menschen optieren. Auch wenn der mehr Fehler macht.

Im Gesundheitswesen kommt es in besonderem Maß auf das Vertrauen in den Arzt an, weil man bei chirurgischen Eingriffen in eine Körperverletzung einwilligt. Andererseits muss der Arzt den Patienten vor Ort untersuchen, weshalb bis zuletzt ein recht strenges Verbot von ärztlichen Fernbehandlungen galt (das durch den Deutschen Ärztetag zur Ausweitung der Telemedizin gelockert wurde). Die Vorstellung, dass irgendwann nur noch ein approbierter Roboarzt in der Praxis sitzt, der Patienten mit synthetischer Stimme begrüßt und mit Sensoren scannt, ist für viele eine Techno-Dystopie. Obwohl IBMs Supercomputer Watson, dessen maschinell lernender Algorithmus mit Millionen Gesundheitsdaten gefüttert wurde, in der Krebsdiagnose dem Menschen bereits überlegen ist – und möglicherweise Leben retten kann. Doch die Befürchtung, dass der warmherzige, einfühlsame Mensch von empathielosen, kühl kalkulierenden Maschinen ersetzt wird, operiert mit der Fiktion, dass Ärzte neben ihrer Funktion als Mediziner auch noch ein Kümmerer und Seelenklempner sind, die dem Patienten gut zureden und Ängste nehmen. Das hat mit der Realität herzlich wenig zu tun. Das Gesundheitswesen ist speziell für Kassenpatienten eine Massenabfertigung.

Der Psychologieprofessor Gerd Gigerenzer schreibt in dem Sammelband »Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?« unter der Überschrift »Roboärzte« Folgendes: »In einem Gesundheitswesen, wo Einzelleistungen vergütet werden, hat ein Hausarzt, der für die Grundversorgung zuständig ist, vielleicht nicht mehr als fünf Minuten Zeit für Sie zur Verfügung. Und in dieser kurzen Zeit findet erstaunlich wenig Denken statt.« Gigerenzer ist als scharfzüngiger Kritiker des Gesundheitswesens bekannt, mit seinen Thesen eckt er bei der Ärzteschaft häufig an. In dem Text unterstellt er Medizinern mangelndes Denken und Reflexionsarmut.

70 bis 80 Prozent der praktischen Ärzte würden keine Gesundheitsstatistiken verstehen, kritisiert Gigerenzer. Zudem würden Ärzte unnötige Tests und Behandlungen empfehlen, weil sie damit Geld verdienen. Das ist natürlich eine Provokation. Gewiss, das Vergütungssystem von Ärzten schafft Fehlanreize und Mitnahmeeffekte, die zu Lasten der Allgemeinheit gehen. Doch im Grunde handeln auch Ärzte algorithmisch, indem sie unter Zeit- und Kostendruck bestimmte (sozial-)deterministische Programme abspulen. Wenn Patient Symptom A und B beschreibt, dann Diagnose B. Wenn Diagnose B, dann Therapie X. Ansonsten Facharzt. Medizin nach Schema F. Könnte nicht auch ein Chatbot Patientengespräche führen? Es gibt bereits Gesundheitsapps, die rund um die Uhr automatisiert Fragen von Patienten beantworten. Und könnten Roboterärzte nicht einfache Tätigkeiten wie Blutdruck- oder Fiebermessungen vornehmen, bevor sie dereinst autonom Routineeingriffe durchführen?

Psychologe Gigerenzer fordert nicht weniger als eine »Revolution im Gesundheitswesen«. »Warum sollte man also nicht zu einer radikalen Lösung greifen: Roboärzte, die Gesundheitsstatistiken verstehen, keine Interessenkonflikte haben und sich nicht fürchten, verklagt zu werden?« Gleichwohl: Die Arzthaftung ist das größte Problem der robotergestützten Medizin. Wer haftet, wenn dem Greifarm des Roboters ein Behandlungsfehler unterläuft? Der operierende Arzt? Der Robotikhersteller? Der Roboter selbst? Welche Aufklärungspflichten trifft ein Roboterarzt? Die Haftungsfrage ist schon beim autonomen Fahren strittig. Es wäre wohl vor allem eine schwierig zu klärende Frage der Beweislast. Hat der Arzt einen falschen Handgriff gemacht, die der Greifarm in seiner Mechanik fortgesetzt hat? Oder hat der Operationsroboter einen Befehl nicht korrekt ausgeführt? War es ein technischer Defekt? Das wird am Ende schwer zu klären sein.

Dem Patienten ist wohl einerlei, ob dem Menschen oder der Maschine ein Behandlungsfehler unterläuft. Er möchte schnell genesen. Doch womöglich wird die Toleranz und Akzeptanz gegenüber menschlichen Fehlern größer als gegenüber maschinellen Fehlern sein. Auch wenn man sich in Krankenhäuser mittlerweile in hochtechnisierten Umgebungen bewegt, gibt es Dinge wie Vertrauen und Empathie, die sich nicht automatisieren lassen. Ein Arzt lässt sich nicht vollständig durch eine Maschine ersetzen. Denkmaschinen können dem Menschen dabei helfen, nicht wie eine Maschine zu handeln. Wie schreibt Gerd Gigerenzer: »Menschen zum Denken zu bringen ist das Beste, was eine Maschine erreichen kann.«

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