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Sex matters: Hundertprozentig sicheren Sex gibt es nicht

Safer Sex bedeutet keineswegs, sämtliche möglichen Risiken auszuschließen. Für Eltern heißt das: Gelassenheit entwickeln. Denn Jugendliche brauchen Freiräume, um ihre eigenen Fehler zu machen. Eine Kolumne.
Verschiedene weiße Symbole vor dem Stoff eines roten Samtsofas

»Meine Tochter ist gerade 15 geworden, und ich denke, jetzt geht es langsam los mit Jungs. Wie bekomme ich es hin, dass Sex für sie sicher ist? Ich würde sie gern vor sexuellen Übergriffen und ungewollter Schwangerschaft schützen. Und ich bin wirklich besorgt, dass sie sich eine sexuell übertragbare Krankheit einfangen könnte. Es gibt einfach so viele Risiken! Das Thema Safer Sex beschäftigt uns gerade sehr. Machen wir uns zu viele Sorgen, und was können wir tun?« (Frage eines Vaters bei einem Elternabend, zu dem ich eine offene Fragerunde angeboten habe)

Ich finde die Sorge des Vaters nachvollziehbar. Er möchte, dass seine Tochter weder sexualisierte Gewalt erleben muss noch als Teenager schwanger wird oder eine sexuell übertragbare Krankheit bekommt. So weit, so gut. Denn das ist erst einmal ein Zeichen dafür, dass seine Tochter ihm wichtig ist. Seid besorgt, liebe Eltern, das ist euer Job. Doch welche Konsequenzen wollt ihr daraus ziehen? Wollt ihr eure jugendlichen Kinder möglichst weit weg von allem halten, was euch Sorgen macht? Oder wollt ihr ihnen Informationen mitgeben und Wege aufzeigen, die das Risiko soweit möglich mindern?

Safer Sex ist gut und wichtig. Im klassischen Sinne steht Safer Sex für Verhaltensweisen und Maßnahmen, die das Risiko einer Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten reduzieren und gleichzeitig vor ungewollten Schwangerschaften schützen sollen. Ich bevorzuge eine breitere Definition: Demnach bedeutet Safer Sex außerdem, das Risiko von Grenzverletzungen und Übergriffen zu reduzieren.

Aber hundertprozentig sicheren Sex gibt es nicht. Sex ist ein bisschen wie Fahrradfahren. Ich kann einen Helm aufsetzen, vielleicht sogar einen Airbag für den Kopf und einen Rückenprotektor. Ich kann die Verkehrsregeln kennen und vorsichtig fahren. Trotzdem kann es passieren, dass ich einen Unfall habe. Und dann? Der gebrochene Arm wird heilen. In den allermeisten Fällen werde ich mich erholen. Und meist passiert gar nichts – denn viele Menschen passen auf.

Auch beim Sex. Laut einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2021 sind die meisten sexuell aktiven jungen Menschen gut informiert und darauf bedacht, sich und andere zu schützen. Zum Beispiel haben nur fünf Prozent der Mädchen beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhütet – »ein historischer Tiefstand«, heißt es im Abschlussbericht. Dabei benutzten 73 Prozent ein Kondom zur Verhütung und schützten sich so gleichzeitig vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Und falls ein Kondom reißt oder abrutscht, wissen 96 Prozent der 14- bis 25-Jährigen, dass sie in der Apotheke die »Pille danach« bekommen, ohne dass sie ein Rezept benötigen.

Aber unter welchen Umständen steigt eigentlich das Risiko, ungewollt schwanger zu werden? Passiert das vor allem dann, wenn die Eltern nicht genug mahnen und warnen? Nein. Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat einen anderen Grund ermittelt. Das Risiko ungewollter Schwangerschaften steigt immer dann, wenn es an vernünftiger Aufklärung und an brauchbaren Informationen hapert.

Die Frage, die mir Eltern dazu oft stellen, lautet: Wie kläre ich mein jugendliches Kind am besten auf? Ich empfehle dann, einfach ein paar Bücher an eine jederzeit zugängliche Stelle in der Wohnung zu legen und zu sagen: Schau, hier stehen Infos für dich – auf das, was da steht, kannst du dich verlassen.

Buchtipps für Jugendliche

• Beck, N., Schilling, R.: Sex in echt – offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät. Migo 2022

• Henning, A.M., Bremer-Olszewski, T.: Make Love. Ein Aufklärungsbuch. Goldmann 2017

• Jugend gegen AIDS e.V. (Hg.): FAQ YOU – Ein Aufklärungsbuch. frequently asked questions about sex and love. Jugend gegen AIDS 2019

Und dann? Lassen Sie die Jugendlichen machen. Versuchen Sie, sich neugierige Nachfragen zu verkneifen. Es ist normal, dass die Eltern in der Pubertät nicht gerade Ansprechpartner Nummer 1 sind. Haben Sie Vertrauen. Ihr Kind wird selbst entscheiden, wann es welche Informationen nachlesen möchte.

An dieser Stelle spreche ich mit Eltern auch gern über Verantwortung. Wie viel Last legen sie auf die Schultern ihres Kindes, wenn sie über Gefahren sprechen und wie sie zu vermeiden sind? Sagen sie der Tochter womöglich, dass sie nicht bauchfrei herumlaufen sollte, damit sie nicht zum Opfer eines sexualisierten Übergriffs wird? Warnen Eltern ihren Sohn davor, nachts um drei am Bahnhof vorbeizulaufen? Wenn dem Kind dann etwas passiert, wird es vielleicht nicht mehr zu seinen Eltern kommen, um sich ihnen anzuvertrauen. Denn die haben ihm ja vermittelt, dass es selbst dafür zuständig sei, jedes Risiko auszuschließen.

Dürfen Jugendliche Sex im eigenen Zimmer haben?

Ich möchte Mut machen, den Jugendlichen nicht die gesamte Verantwortung dafür zu übertragen, sich vor sexualisierten Übergriffen zu schützen. Die Verantwortung liegt bei der Gesellschaft. Jugendliche brauchen Freiraum, um Erfahrungen machen zu können.

Safer Sex bedeutet deshalb auch, Sexualität in den eigenen vier Wänden stattfinden zu lassen. Dürfen Jugendliche Sex im eigenen Zimmer haben? Dürfen sie die Tür zuschließen, ohne dass die Eltern dauernd klopfen und Kekse bringen? Ja, klar! Sollte es beim Sex im erlaubten Rahmen zu Problemen kommen, so ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich das Kind seinen Eltern anvertraut, als wenn der Sex heimlich auf einem Parkplatz stattfindet – wo alles unsicher und obendrein verboten ist.

Safer Sex bedeutet, ein Restrisiko zu akzeptieren – und sich darüber zu informieren. Zu wissen: Wenn etwas passiert, werde ich in den allermeisten Fällen damit klarkommen. Das Risiko, nach einem Verkehrsunfall bleibende Schäden davonzutragen, ist weitaus größer. Jugendliche brauchen einen Vertrauensvorschuss. Sie dürfen Fehler machen. Für die Eltern heißt das, eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln. Auch wenn das am Anfang vielleicht schwerfällt.

Der Vater, der sich um seine 15-jährige Tochter sorgte, hat mir einen Monat nach dem Elternabend eine Mail geschrieben. Im Regal würden jetzt ein paar Aufklärungsbücher stehen. Hin und wieder hätte seine Tochter darin gelesen. Und sie hätte einen Jungen kennen gelernt. In Sachen Verhütung hätten er und seine Frau sich entschieden, weder zu warnen noch zu mahnen. Es sei zwar nicht so einfach, sich in Gelassenheit zu üben – aber sie seien auf einem guten Weg.

Jetzt sind Sie dran: Glaubenssätze

Lassen Sie uns einen kleinen Ausflug in Ihre eigene Biografie machen. Bestimmt kennen Sie Regeln wie: »Warte auf den Richtigen«, »Der Rock muss mindestens bis zum Knie gehen«, »Melde dich frühestens nach drei Tagen« oder »Das erste Mal wird auf jeden Fall weh tun«. Was fällt Ihnen sonst noch ein? Was wurde Ihnen von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern oder anderen Bezugspersonen zum Thema Safer Sex mitgegeben? Und welche Glaubenssätze haben Sie selbst übernommen? Schreiben Sie alle auf einzelne Karten und entscheiden Sie bewusst, welche Sie in Ihre eigene und in die Zukunft Ihres Kindes mitnehmen möchten.

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