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Mäders Moralfragen: Sagen, was stimmt

Im Netz bemühen sich viele aufrichtig, Falschinformationen zu korrigieren. Doch nicht weniger wichtig ist, die verlässlichen Informationen hervorzuheben.
Eine Rede ans VolkLaden...

In diesen Wochen nimmt ein Projekt Fahrt auf, in dem Studierende aus 20 Hochschulen politische Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Der Faktencheck konzentriert sich auf die bevorstehende Europawahl Ende Mai; ich werde im Sommersemester mit einem meiner Kurse teilnehmen. Dieses Projekt namens EUFactcheck.eu ergänzt eine ganze Reihe professioneller Debunking-Dienste wie CrossCheck, Politifact und Snopes.

Faktenchecks führen nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis. In einem der ersten studentischen Beiträge geht es zum Beispiel um die Behauptung des italienischen Innenministers Matteo Salvini, dass in seiner Amtszeit seit Juni 2018 die Abschiebungen um 28 Prozent zugenommen hätten. Woher die Zahl stammt, ist unklar, doch sie wird von stark rechtsgerichteten Nachrichtenportalen wie »Breitbart« genannt und bezieht sich offenbar auf einen Vergleich der fünf Monate vor Salvinis Amtseinführung und denen sechs Monaten danach. Selbst wenn diese Angaben stimmen sollten: Die Zahlen lagen 2018 insgesamt niedriger als 2017, berichten die Studierenden unter Berufung auf den italienischen Ombudsmann der Inhaftierten. Sie werten Salvinis Aussage daher als »größtenteils falsch«.

Falschinformationen verbreiten sich schneller

Über solche Faktenchecks wird unter Journalisten diskutiert, denn manche befürchten, dass sie wirkungslos bleiben oder im schlimmsten Fall der Sache sogar schaden, weil am Ende eher die knackige falsche Behauptung hängen bleibt als ihre komplizierte Korrektur. Vor einem Jahr zeigte eine Studie im Wissenschaftsmagazin »Science« zudem, dass es Falschinformationen in sozialen Medien leichter haben: Weil sie überraschend sind, werden sie eher weitergeleitet als wahre Nachrichten. Und vielleicht gilt das auch für traditionelle Medien. Bei einer Diskussionsrunde im Stuttgarter Literaturhaus wurde vergangene Woche ein Beispiel zitiert, das schon einige Jahre zurückliegt, aber die Mechanismen aufzeigt. »Bild« hatte berichtet, dass die Deutsche Post einen Brief des Amtsgerichts München an Lothar Matthäus zurückgeschickt habe – mit dem Vermerk, der Empfänger sei verstorben. Während die Post den Vorwurf prüfte, machte die Nachricht die Runde. Als die Deutsche Presseagentur am Nachmittag den Vorgang aufklärte und die Deutsche Post entlastete, war das Interesse der Medien nicht mehr ganz so groß (hier die damalige Aktualisierung von »Bild«).

Auf den Vorbereitungstreffen für das studentische EUFactcheck-Projekt habe ich mit meinen Kollegen über diese Themen gesprochen. Ein Ergebnis der Diskussion war: Auch wenn es spannender ist, Aussagen von Politikern zu widerlegen, sollten Journalisten ebenso darauf achten, die belegbaren richtigen Behauptungen hervorzuheben. Man könnte das berühmte Motto »Sagen, was ist« von Rudolf Augstein abwandeln in ein »Sagen, was stimmt«.

Anderen Recht zu geben fällt Journalisten mitunter schwer, weil man seine Wächterrolle natürlich viel sichtbarer erfüllt, wenn man Kritik übt. Doch heute sind Journalisten stärker in der Rolle des Kurators, der in der digitalen Informationsflut den richtigen Weg weisen muss.

Wenn man nicht mehr weiß, was man glauben soll

Mit meinen Kollegen habe ich aber auch darüber diskutiert, wie weit die journalistische Prüfpflicht geht. Einige fanden, dass die Studierenden nur die Quellen überprüfen müssen, die der Politiker als Belege seiner Behauptung anführt. Wenn der Politiker seine Aussage gar nicht begründet, dann ist sie eben nicht überprüfbar. Ich war anfangs dagegen: In vielen Fällen dürfte sich die Aussage auch ohne Unterstützung des Politikers überprüfen lassen – warum sollten sich Journalisten diese Mühe nicht machen?

Doch inzwischen zweifle ich an dieser Position. Wer Falschinformationen verbreitet, hat oft gar nicht die Absicht, andere zu überzeugen, sondern will die Basis der öffentlichen Diskussion erschüttern: Er will, dass die Menschen irgendwann nicht mehr wissen, welchen Behauptungen sie vertrauen sollen. Um sich dagegen zu wehren – um für die Wahrhaftigkeit einzutreten, wie ich es in einer früheren Kolumne bezeichnet habe –, könnte es sinnvoll sein, auf unbelegte Behauptungen nicht mehr zu reagieren. Anstatt umständlich zu erklären, warum die Aussage so nicht richtig ist, antwortet man schlicht: »Dieser Politiker kann seine Behauptungen nicht belegen. Gut möglich, dass er sie erfunden hat.«

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