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Angemerkt!: Schlag ins Wasser

Daniel Lingenhöhl
Letzte Nacht haben die Fischerei- und Landwirtschaftsminister der Europäischen Union neue Fangquoten für die wichtigsten Fischarten in den Gewässern der Gemeinschaft festgelegt. Das Ziel: Arbeitsplätze an der Küste und Fischbestände gleichermaßen zu erhalten. Als Kompromiss standen am Ende reduzierte Fangquoten und -tage für Kabeljau – in manchen Sektoren um bis zu ein Fünftel – und Sardinen. Ein Ergebnis, das von den anwesenden Politikern im Großen und Ganzen als positiv für Fische und Fischer begrüßt wurde.

Ein Silberstreif am Horizont also für Kabeljau, Scholle, Seezunge oder Rotbarsch? Mitnichten! Wieder einmal konnten sich die Lobbyisten der Fischereiwirtschaft durchsetzen, obwohl die Wissenschaft deutlich strengere Quoten bis hin zur Einstellung des Befischens zum Schutz bestimmter Arten vorgeschlagen hatte. Belgien und die Niederlande, Dänemark, Frankreich oder Spanien und auch die Bundesrepublik sperren sich jedoch gegen die Etablierung von so genannten Bestandssicherungsplänen, drastisch gekürzte Quoten oder kürzere Fangperioden.

Dabei mahnen Forscher bereits seit Jahren Nullrunden für den Kabeljau an, der in der Nord- und Ostsee nur noch selten vorkommt und nun überwiegend vor Island gefangen werden muss. Die Population an nachzuchtfähigen erwachsenen Individuen liegt seit Jahren bei einem Bruchteil der ursprünglich vorhandenen Größe, und ausgewachsene Exemplare, die bis zu zwei Meter Länge und hundert Kilogramm Gewicht erreichen können, gehen den Fischern nur noch so selten ins Netz, dass sie eher für Seemannsgarn gehalten werden. Dennoch gewähren die Minister allein für die Nordsee die weitere Entnahme von 20 000 Tonnen Kabeljau im nächsten Jahr – was wohl nicht nur der WWF als Kniefall vor der Fischerei-Lobby wertet.

Stark in der Kritik stehen auch Ausmaß und Methode des Schollen- und Seezungenfangs in der Nordsee, vor allem im Wattenmeer. Sie werden mittels Grundschleppnetzen dem Meeresboden entrissen, was diesen Lebensraum – immerhin Kinderstube vieler anderer Fischarten – großflächig und weiträumig verwüstet. Zugleich gingen hier wie beim Kabeljau die durchschnittlichen Körpermaße der Tiere stark zurück, vielfach enden sie noch vor der Geschlechtsreife im Netz: Die Zukunft der Spezies als solche wie als Speisefisch steht damit in Frage.

Wie vielfach in der Landwirtschaft oder dem Bergbau erweist sich die Subventionspolitik der Gemeinschaft wieder einmal als größtes kontraproduktives Übel: Die Union spendiert den Fischern zu viel Geld – mindestens 600 Millionen Euro jedes Jahr – und dieses für die falschen Zwecke. Denn finanziert wird weniger die relativ schonende lokale Küstenfischerei als jene im industriellen Maßstab. Und statt den dringend nötigen Abbau der vorhandenen Überkapazitäten zu fördern, gibt es Mittel für den Ausbau von Hafenanlagen, die Modernisierung der Flotten und unkontrollierte Plünderungen in fernen Meeresgebieten wie vor der westafrikanischen Küste.

Ebenfalls ansetzen muss die EU bei den Kontrollen der Fangfahrten, denn zu den offiziellen Quoten kommen wie etwa beim Tunfisch noch enorme Mengen an illegalen Fängen – Frankreich beispielsweise gab schon zu, vereinbarte Zahlen um die Hälfte überschritten zu haben. Und schließlich ist es nicht mehr weiter hinnehmbar, dass mit zerstörerischen Methoden auf die Jagd nach gewünschten Fischen gegangen wird und gleichzeitig unzählige andere Arten (einschließlich Wale, Delfine, Meeresschildkröten) nutz- und sinnlos auf der Strecke bleiben. Neben Grundschleppnetzen betrifft dies die immer noch auch in der EU eingesetzten verbotenen Treibnetze sowie ungeschützt ausgebrachte Langleinen, an deren Haken Tausende von Seevögeln ertrinken.

Das Arbeitsplatzargument, das so gerne von den Gegnern restriktiver Maßnahmen vorgebracht wird, darf in diesem Zusammenhang übrigens nicht zählen – auch wenn dies mit Sicherheit gewaltige Proteststürme hervorruft. Denn beim näheren Hinsehen ist es ein Eigentor, wie ein klassisches Beispiel zeigt: Jahrzehntelange Überfischung ließ 1995 die Kabeljau-Fischerei vor Neufundland zusammenbrechen – einst war sie die ergiebigste des Planeten. Ihr Ende kostete 40 000 Menschen ersatzlos den Job.

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